Suura 2 "Die Kuh" Aja 153 -

Suura 3 "Al-'Imraan" Aja 91

 

253. Dies sind die Gesandten (Allahs). Wir haben einigen von ihnen den Vorrang gegeben über andere.540 Unter ihnen sind welche, zu denen Allah gesprochen hat541 und einige, die Er um (Rang) stufen erhöht hat. Und Wir gaben 'Isa, dem Sohn Marjams, die klaren Beweise und unterstützten ihn durch den heiligen Geist.542 Und wenn Allah es so gewollt hätte, dann hätten sich diejenigen, die nach ihnen kamen, nicht gegenseitig bekämpft, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren. Sie wurden jedoch uneins. Unter ihnen sind welche, die nicht den Imaan verinnerlicht haben. Wenn Allah es so gewollt hätte, dann hätten sie sich nicht gegenseitig bekämpft. Doch Allah tut, was Er will.543

540. Unterschiedliche Gaben und ein unterschiedliches Vorgehen waren für die Gesandten Allahs zu verschiedenen Zeiten vorgesehen und so sind vielleicht auch ihre Rangstufen unterschiedlich, obwohl es uns Sterblichen mit unserem unvollkommenen Wissen nicht zusteht, einen Unterschied zwischen ihnen zu machen. Indem wir hier zum Ende des Abschnittes über das Kämpfen kommen, werden uns drei Beispiele aus der Vergangenheit vor Augen geführt, wie sich dies auf die Gesandten Allahs auswirkte. Allah sprach zu Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, aus den Wolken Seiner Herrlichkeit: er führte sein Volk vierzig Jahre lang durch die Wildnis, wobei er hauptsächlich gegen den Kufr seiner eigenen Leute anzukämpfen hatte. Daawuud, Allahs Segen und Frieden auf ihm, der nichts weiter als ein junger Schafhirte war, wurde von Allah auserwählt und überwältigte den größten Krieger seiner Zeit, wurde König und führte erfolgreiche Kriegszüge durch, wobei er gleichzeitig Prophet, Dichter und Psalmsänger war. 'Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wurde mit dem "heiligen Geist" unterstützt; ihm wurden keine Waffen gegeben und seine Sendung war begrenzter. In Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wurden diese und noch weitere Charakterzüge zusammengefasst. Sanftmütiger als 'Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wurde er in weit größerem Umfang zum Führer seines Volkes als Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und von Medina aus herrschte er und erließ Gesetze, wobei der Qur’an einen weit größeren Bereich umfasst als die Psalmen Daawuuds, Allahs Segen und Frieden auf ihm. (Juusuf ‘Allii)

Das Allah einige Propheten höher einstufte als andere, lag an der Art ihrer Botschaft. Je nachdem ob sie nur für einen Stamm bestimmt war, für eine Nation, für eine ganze Generation oder gar der ganzen Menschheit Richtlinien auf Dauer geben sollte. Eine wesentliche Rolle spielte auch der Inhalt der Botschaft, je nachdem ob sie nur mit Allah bekannt machen sollte, oder ob sie Verhaltensregeln enthielt, die alle Lebensbereiche umfasst. (Qutb)

541. Das heißt unmittelbar, ohne Engel als Übermittler, wie etwa im Fall von Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm. (Darjabaadi)

542. Obwohl es wörtlich "heiliger Geist" heißt, habe ich übersetzt: "Und wir stärkten 'Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, den Sohn Marjams, mit heiliger Eingebung", weil "Ruuch" beispielsweise in den Ajas 16:2, 40: 15,42:52,58:22 und 97:4 immer wieder im Sinn von "Eingebung" verwendet wird. (Asad)

Siehe auch Fußnote 13.6 zu 2:87. (Anm. d. Übers.)

Die Hervorhebung 'Isas, Allahs Segen und Frieden auf ihm, als Sohn Marjams hat hier eine wichtige Bedeutung. Denn als der Qur’an herabgesandt wurde, galt die weiterverbreitete Auffassung, dass er Allahs Sohn sei und es war auch die Rede von seiner Doppelnatur als Mensch und Gott zugleich. Deshalb wird hier. auf seine menschliche Natur hingewiesen. (Qutb)

543. Hier erhebt sich natürlich die Frage: Warum will Allah es denn dann nicht? Warum lässt Er Unterschiede zu, die manchmal zu Streitigkeiten und sogar Kämpfen führen? Natürlich ist Er allmächtig und hätte es tun können, doch ist es nicht Sein Wille, die Menschen zu zwingen, einen bestimmten Weg zu befolgen, denn Er hat sie als Prüfung auf die Erde gesandt. Hätte Er ihnen die freie Willensentscheidung weggenommen, so wäre diese Prüfung sinnlos. Seine Gesandten sollen die Menschen auffordern, den rechten Weg einzuschlagen, nicht aber sie dazu zwingen. Uneinigkeit entstand, weil die Menschen ihre Willensfreiheit missbrauchten und sich andere als den von Allah offenbarten geraden Pfad ersannen. (Mauduudi)

Die inhaltliche Übereinstimmung in den Botschaften der Gesandten Allahs hat ihre Anhänger nicht davor bewahrt, uneins untereinander zu sein. Wenn aber die Diskrepanz so groß wurde, dass sie zu Imaan auf der einen Seite und zu Kufr auf der anderen führte, so kam es unweigerlich zu einem Kampf, in dem das Gute das Böse besiegte, um die Erde von aller Schlechtigkeiten zu befreien. (Qutb)

Die Kaafirs in Mekka behaupteten die Botschaft Ibraahiims, Allahs Segen und Frieden auf ihm, zu befolgen, die Juden in Medina hielten die Religion Muusas, Allahs Segen und Frieden auf ihm, hoch und die Christen beriefen sich auf die Botschaft 'Isas, Allahs Segen und Frieden auf ihm. Doch alle diese Gruppierungen hatten sich von den Ursprüngen ihrer Botschaften (die im wesentlichen dasselbe enthielten) so weit entfernt, dass keine Gemeinsamkeit mehr möglich war. Die Kämpfe, die zu der Zeit, als die Ajas herabgesandt wurden, zwischen Muslimen und arabischen Kaafirs tobten, der Konflikt der sich zwischen Juden und Christen abzeichnete, bewies dies hinlänglich. So kam dieser Text, um zu erklären, dass es Allahs Wille ist, wenn es zum Kampf zwischen derart unterschiedlichen Auffassungen kommt, denn der Imaan soll über die Verirrung siegen und den Menschen den rechten Weg zeigen. (Qutb)

 

Abschnitt 34

254. O die ihr den Imaan verinnerlicht habt! Spendet von dem, was Wir für euch bereitet haben, bevor ein Tag kommt, an dem es kein Handeln, keine Freundschaft und keine Fürsprache geben wird. Die Kaafirs sind es, die unrecht tun.544

544. Das heißt, sie fügen ihren eigenen Seelen Schaden zu durch ihren Kufr. (Darjabaadi)

 

255. Allah, es gibt keine Gottheit außer Ihm, dem Lebendigen, dem Ewigen.545 Weder Müdigkeit überkommt Ihn noch Schlaf. Ihm gehört546, was in den Himmeln und was auf Erden ist. Wer ist es, der bei Ihm Fürsprache547 einlegen könnte außer mit Seiner Ermächtigung? Er weiß, was vor ihnen liegt und was hinter ihnen548; sie aber begreifen nichts von Seinem Wissen außer was Er will. Sein Thron549 umfasst die Himmel und die Erde und es fällt Ihm nicht schwer, sie (beide) zu bewahren. Und Er ist der Hohe, der Erhabene.

545. Dies ist der berühmte Thronaja. Wer könnte ihn in seiner vollen Bedeutung übersetzen oder den Rhythmus der so unvergleichlich gewählten, tiefsinnigen Worte wiedergeben? Selbst im arabischen Original scheint die Bedeutung größer zu sein als sich in Worten ausdrücken lässt.

Die Eigenschaften Allahs sind so verschieden von allem, was uns aus dieser Welt bekannt ist, dass wir uns damit zufrieden geben müssen., wenn wir wenigstens begriffen haben, dass wir Ihn eigentlich nur mit dem einen Wort "Er" benennen können, wobei das Pronomen für Seinen Namen steht. Sein Name Allah wird manchmal missbraucht und für andere Geschöpfe oder Dinge verwendet. Wir jedoch müssen ganz entschieden jeden Gedanken zurückweisen, dass es irgend jemanden geben könnte, der mit Ihm Wettzueifern im Stande wäre, denn Er allein ist der Wahre, Lebendige Allah. Er lebt, doch Sein Leben ist selbsterhaltend und ewig: es ist nicht abhängig von anderen Wesen und weder an Zeit noch an Raum gebunden. In dem arabischen Wort "qaijuum" قَيُّوم mag außer dem Begriff des Selbsterhaltens auch der Gedanke des "Erhaltens und Bewahrens allen Lebens" stecken, da Sein Leben der Ursprung und die ständige Stütze jeglicher daraus entstandener Lebensform ist. Vollkommenes Leben ist vollkommene Aktivität, im Gegensatz zum unvollkommenen Leben, das wir um uns herum beobachten können und das nicht nur dem Tod unterworfen ist, sondern auch verminderter Aktivität (etwas das zwischen Aktivität und Schlaf liegt und das hier mit "Müdigkeit" übersetzt wurde) und dem Bedürfnis nach richtiggehendem Schlaf. Seine Aktivität wie auch Sein Leben sind vollkommen und selbsterhaltend. Man vergleiche damit die Ausdrucksweise in den biblischen Psalmen 78:65: "Dann aber, wie aus dem Schlaf erwachte der Herr, wie ein Krieger, der aufsteht vom Wein." (Juusuf ‘Allii)

Jede der aufgeführten Eigenschaften Allahs enthält eine der Grundsäulen der gesamten islamischen Vorstellungswelt. Die "Einzigkeit" Allahs führt dazu, dass wir uns mit unseren Gebeten, unserem Gehorsam und unserer Demut einzig und allein an Ihm wenden und nur von Ihm Hilfe oder Erlösung erwarten. Die Eigenschaft "der Lebende'" ist mit unserem Begriff des Lebens nicht zu vergleichen. Denn hier ist das Leben ohne Anfang und ohne Ende gemeint, im Gegensatz zum Leben der Geschöpfe, die ja von Allah erschaffen wurden und deren Anfang und Ende von vorneherein bestimmt ist..

Von der Eigenschaft "qayjuum" der Ewige, der Erhalter, beziehen wir die islamische Vorstellung, dass alles durch Allahs Willen und Gebot entsteht. Somit bleibt der Muslim mit seiner Seele und seinem ganzen Leben stets mit Allah verbunden.

Zu den wichtigsten Eigenschaften Allahs kommt die Tatsache, dass Ihn niemals Müdigkeit und schon gar nicht Schläfrigkeit überfällt. Allah ist der Einzige, der einzig Lebende, der einzige Erhalter, Er ist ewig und der einzige "Besitzer" dieser Welt. Wenn man sich dieser Tatsache bewusst wird, dass alles was man zu besitzen scheint, nur Leihgabe des Eigentümers ist, so fällt es einem "leichter, Habgier, Geiz und sein verbissenes Ringen um Macht zu bezwingen. Diese Erkenntnis verleiht einem auch Genügsamkeit, Großmut und Freigiebigkeit und führt dazu, dass das Herz sowohl in schlechten als auch in guten Zeiten mit Vertrauen und Zuversicht erfüllt ist.

In der Tatsache der alleinigen Herrschaft erscheint die Vorstellung, Allah Söhne oder gleichberechtigte Partner zur Seite zu stellen, deren Fürsprache bei Ihm Erfüllung findet, als unvorstellbar und absurd. Allah ist Allah und Geschöpf ist Geschöpf. Allah und Mensch bleiben zwei Begriffe, die man nicht miteinander vermengen kann. Die Beziehung von Allah zu Seinen Untertanen ist aber voller Güte, Barmherzigkeit und Liebe. (Qutb)

546. Dies stellt eine klare Ablehnung des Pantheismus dar. Der Pantheismus behauptet, dass Er (Allah) in allem sei, während in diesem Aja eindeutig gesagt wird, dass alles Sein ist, Ihm gehört. (Siddiqi)

547. Danach wird die Doktrin des Vermittlers zwischen Allah und den Menschen, die eine Eigenheit des Christentums ist, eindeutig zurückgewiesen. (Darjabaadi)

548. Sein Wissen ist vollkommen, allumfassend. Er weiß, was verborgen ist und was offenbar. Er weiß, was jetzt geschieht, was früher gewesen ist und was dereinst sein wird. (Darjabaadi)

Es ist eine der Eigenschaften Allahs, umfassendes Wissen über uns Menschen zu besitzen, so dass Ihm absolut nichts verborgen bleibt. Dies steht im Gegensatz zu unserer Unzulänglichkeit. Wenn sich der Muslim dies vor Augen führt, vertieft es noch seine Ergebenheit seinem Schöpfer gegenüber. Allah erlaubt den Menschen nur soviel Einblick in Seine Geheimnisse, wie sie es benötigen, um ihr irdisches Dasein einigermaßen vollkommen zu gestalten. Was dem Menschen von Allahs Wissen trotzdem verborgen bleibt, ist von enormen Ausmaßen. (Qutb)

549. Thron: das heißt Sitz, Macht, Wissen, Symbol der Herrschaftsgewalt. Unser Denken erschöpft sich darin, wenn wir sagen "Die Himmel und die Erde". Doch in allem wird Allahs Wirken sichtbar, Seine Macht, Sein Wille, Seine Herrschaftsgewalt. Dies schließt die geistigen Dinge ebenso ein wie alles Sichtbare. (Juusuf ‘Allii)

 

256. Es gibt keinen Zwang550 im Diin551. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden vom unrichtigen. Wer also nicht an falsche Götter552 glaubt, an Allah aber den Imaan verinnerlicht, der hat gewiss den sichersten Halt553 ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt. Und Allah ist hörend, wissend.554

550. Zwang ist unvereinbar mit dem Diin. Denn erstens ist die Diin abhängig vom Imaan und Willen und diese wären sinnlos, wenn sie dem Menschen aufgezwungen würden. Zweitens sind Wahrheit und Irrtum durch Allahs Barmherzigkeit so klar dargelegt worden, dass kein Zweifel über die Aqiida bei irgendeinem Menschen guten Willens zurückbleiben sollte. Und drittens wird uns Allahs Behütung unablässig zuteil und in Seinem Plan ist es ständig beschlossen, uns aus den Tiefen der Finsternis ins Licht zu führen. (Juusuf ‘Allii)

551. Das arabische Wort "Ad-Diin" الدِّينِ  bedeutet die Lebensweise. Hier bezieht es sich auf den Imaan, der im Vorangegangenen erwähnt wird. Dieser Aja besagt, dass der Imaan an den Islam und seine Lebensweise niemandem aufgezwungen wird. (Mauduudi)

Anm. des Überarbeiters: "Ad-Diin" wir fälschlicher Weise mit nur Religion übersetzt, aber dieses Wort beinhaltet von der arabischen Wortwurzel her viel mehr als das. Damit ist die nämlich gesamte Lebensweise gemeint. Ein Beispiel währe, wenn jemand nicht  nach den Gesetzen des Islams leben möchte, sondern nach seinen Willen, also Lebensweise, so darf man ihn nach der Scharii'a nicht zwingen es zu ändern. Den Allah hat jeden Menschen einen eigenen Willen gegeben und den dürfen andere Menschen einen nicht verwehren.

Religion hingegen aus dem 16. Jahrhundert in das Frühneuhochdeutsche entlehnt, bedeutet  "gewissenhafte Berücksichtigung, Sorgfalt"). l. relegere "bedenken, achtgeben". Gemeint ist ursprünglich die gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften. Ursprünglich parallel zu l. superstitio, das dann in der Differenzierung zu "Aberglaube" abgewertet wird. Weiter zu l. intellegere "verstehen, erkennen", l. negligere "missachten" und gr. alégein "berücksichtigen, beachten". Adjektiv: religiös.
Ebenso nndl. religie, ne. religion, nfrz. religion, nschw. religion, nnorw. religion; intelligent, Negligé.

Da aber alle anderen Diins den Wort Religion nicht entsprechen, kann man sie auch nicht als Religion bezeichnen. D.h. nur der Islam hat das recht sich als Religion zu bezeichnen.

552. "At-Taaruut" الطَّاغُوت bedeutet in erster Linie etwas, das anstelle von Allah angebetet wird, und dementsprechend alles, was einen von Allah abwendig macht und zum Schlechten verführt. Es hat sowohl Singular wie auch Plural-Bedeutung (Rasi) und kann deshalb mit "Mächte des Bösen" übersetzt werden. (Asad)

553. Etwas, woran sich die Hand im Fall der Gefahr festklammern kann, also möglicherweise ein Seil, ein Griff oder ein Anker; etwas ohne Fehler, so dass man nicht Gefahr läuft, es könnte brechen oder reißen. Solange wir uns daran festhalten, ist unsere Sicherheit gewährleistet. Diese Sicherheit hängt von unserem Willen und unseren Imaan ab. Allahs Hilfe und Schutz wird ständig mit uns sein, solange wir uns an Ihn halten und auf Ihn vertrauen. (Juusuf ‘Allii)

554. Eines der wichtigsten, unantastbaren Menschenrechte ist die Religionsfreiheit. Der Islam garantiert, nachdem er den Menschen die Grundsätze der religiösen Vorstellungen darlegt, dieses Recht und untersagt seinen Anhängern, ihre Mitmenschen zur Religion zu zwingen. Er versucht die Menschen nicht mit materiellen Argumenten zu überzeugen, und schon gar nicht mit Drohungen und Gewalt. Die Religion ist wie ein starkes Band, das nie zerreißt. Wer sich an ihm festhält, geht niemals vom richtigen Weg, der zu Allah führt, ab. Allah hört, was die Zungen aussprechen und weiß auch, was die Herzen verbergen. Der Mu´min, der dies erkennt, hütet sich vor Ungerechtigkeiten im Tun und Denken. (Qutb)

 

257. Allah ist der (beschützende) Freund derjenigen, die den Imaan verinnerlicht haben. Er führt sie aus der Finsternis ins Licht555. Diejenigen aber, die kaafir sind, deren Freunde sind die falschen Götter. Sie führen sie aus dem Licht in die Finsternis556. Sie werden Bewohner des Feuers sein, darin werden sie (ewig) verweilen.

555. Die Finsternis steht hier für die Finsternis der Unwissenheit, die uns vom richtigen Weg abirren lässt und uns dazu verleitet, alle unsere Bemühungen und Kräfte falsch einzusetzen. Im Gegensatz dazu steht das Licht für das Licht der Wahrheit, das uns die Wirklichkeit erkennen lässt, so dass wir den echten Sinn des Lebens begreifen und bewusst und absichtlich den geraden Weg einschlagen. (Mauduudi)

556. Im Qur’an steht das Wort Licht stets im Singular, während sein Gegenteil, die Finsternis, immer im Plural gebraucht wird. Das bedeutet, dass der richtige Weg nur ein einziger ist, während es sehr zahlreiche Formen der Abweichung davon gibt. (Darjabaadi)

 

Abschnitt 35

258. Hast du nicht über jenen nachgedacht557, der ein Wortgefecht mit Ibraahiim über seinen Herrn führte, weil Allah ihm die Herrschaft gegeben hatte.558 Als Ibraahiim sagte: "Mein Herr ist derjenige, Der lebendig macht und sterben lässt", sagte er: "Ich bin es, der lebendig macht und sterben lässt." Da sagte Ibraahiim: "Doch es ist Allah, Der die Sonne im Osten aufgehen lässt; so lass du sie im Westen aufgehen." Da war derjenige, der kaafir war, betroffen.559 Und Allah leitet nicht ein Volk, das unrecht tut.

557. Wörtlich: Hast du nicht jene gesehen. Nach "Lane" bedeutet "ra'aita", wenn es durch "ila" transitiv gemacht wird, "Nachdenken". Das dazu führt, ermahnt zu werden'. (Siddiqi)

Der Ausdruck "lam tara" أَلَمْ تَرَ hast du nicht gesehen, soll einem einen Vorfall so lebendig vor Augen führen. als ob man dabei gewesen sei, als es sich ereignete. (Qutb)

Die nächsten drei Ajas behandeln die Geheimnisse des Lebens und des Todes, die der Menschheit bis zum heutigen Tage verborgen geblieben sind. Leben und Tod sind jedoch ein wichtiger Bestandteil der Aqiida. Sie stehen in Zusammenhang mit den in Aja 254 genannten Eigenschaften Allahs. (Qutb)

558. Aus dem betreffenden Text ergibt sich eindeutig, dass es sich bei dem Unbenannten um einen König gehandelt haben muss Manche Kommentatoren nehmen an, es sei Nimrod gewesen. (Asad)

Es ist unsinnig, wenn ein Geschöpf, das von Allah mit Güte und Wohltaten bedacht worden ist, statt Dankbarkeit zu zeigen diese Gaben missbraucht und sich selbst göttliche Eigenschaften zumisst. Als Herrscher über sein Volk betrachtete sich dieser König als derjenige, der über dessen Leben und Tod zu bestimmen hat. (Qutb)

559. Hier wird der Stolz auf irdische Macht konfrontiert mit der tatsächlichen Ohnmacht menschlicher Macht im Vergleich zur Allmacht Allahs. (Juusuf ‘Allii)

Da der Disput über Leben und Tod nicht den Erfolg brachte, den Ibraahiim, Allahs Segn und Frieden auf ihmj, sich erhofft hatte, ging er zur Herausforderung über. Er verlangte von seinem Gegner die Änderung eines Gesetzes Allahs, um ihm zu beweisen, dass Allah nicht nur wie ein weltlicher Herrscher über einen bestimmten Teil dieser Welt Macht besitzt, sondern dass Er der Herr des gesamten Universums ist. Die Erfahrung, die wir dieser Geschichte entnehmen können, sollten sich diejenigen, die erst neuerlich zum Islam gefunden haben, immer vor Augen führen, wenn sie sich mit Kaafirs konfrontiert sehen. (Qutb)

 

259. Oder (kanntest du nicht) ebenfalls (nach über) jenen, der an einer Stadt vorüberkam, die bis zu ihren Dächern in Trümmern lag? Da sagte er: "Oh, wie soll Allah dieser wieder Leben geben nach ihrer Zerstörung"560 Und Allah ließ ihn für hundert Jahre (wie) tot sein. Dann erweckte Er ihn wieder (zum Leben und) sprach: "Wie lange hast du (nun so) verharrt?" Er antwortete: "Ich verharrte (wohl) einen Tag oder den Teil eines Tages." Da sprach Er: "Nein, du verharrtest so einhundert Jahre lang: Nun betrachte deine Speise und deinen Trank. Sie sind nicht verdorben. Und betrachte deinen Esel. (All das geschah) damit Wir dich zu einem Zeichen für die Menschen machen. Und betrachte die Knochen, wie Wir sie zusammensetzen und dann mit Fleisch bekleiden." Und als ihm dies klargemacht worden war, sagte er: "Ich weiß (nun), dass Allah Macht hat über alle Dinge."561

560. Es ist nebensächlich. ob es sich bei der Stadt um Jerusalem oder irgendeine andere Stadt handelt, und ob es in diesem Aja um Esra, Nehemias, Ezechiel oder um wen auch immer geht. Aus dem nachfolgenden Text ergibt sich jedenfalls, dass es ein Prophet gewesen sein muss. Die Frage bedeutet nicht, dass der Prophet nicht an die Auferstehung den Imaan verinnerlichte oder Zweifel darüber hegte. Er wollte lediglich, wie schon andere Propheten, die Realität mit eigenen Augen sehen. (Mauduudi)

Dieser Mann war im Grunde genommen ein Mu´min. Aber angesichts der großen Zerstörung kamen ihm doch Zweifel, wie Allah dies alles wieder zum Leben würde erwecken können. Allah beantwortet seine Frage nicht mit Worten, sondern führt ihm vor Augen. wie wohl Er Totes lebendig zu machen vermag. Manche Eindrücke sind so stark, dass ihnen mit Vernunft allein nicht beizukommen ist. Dann bedarf es einer sinnlich wahrnehmbaren Erfahrung, damit sich die aufgewühlten Gefühle wieder beruhigen können. (Qutb)

561. Ein Mensch verfällt in Verzweiflung, wenn er die Zerstörung eines ganzen Volkes, einer Stadt oder Zivilisation mit ansehen muss. Doch Allah kann die Wiederauferstehung bewirken, wie Er es schon so oft im Lauf der Geschichte getan hat und wie Er es bei der endgültigen Wiederauferstehung tun wird. Zeit ist bedeutungslos vor dem Angesicht Allahs. Der Zweifler meint, dass er tot gewesen sei oder "so verharrt habe" für einen Tag oder noch weniger. während es in Wirklichkeit hundert Jahre gewesen sind. Andererseits sind Speise und Trank, die er zurückgelassen hat, unverdorben und so frisch, geradeso wie zu dem Zeitpunkt, als er sie zurückließ. Der Esel dagegen ist nicht nur tot, sondern es sind nur noch seine Knochen übrig, Doch vor den Augen des Mannes werden sie wieder zusammengefügt, mit Fleisch bekleidet und wieder zum Leben erweckt. Daraus ergibt sich:

1. Zeit ist bedeutungslos für Allah;

2. sie wirkt auf verschiedene Dinge in unterschiedlicher Weise ein;

3. die Schlüssel zu Leben und Tod ruhen in den Händen Allahs;

4. der Mensch besitzt keinerlei wirkliche Macht; er sollte all sein Vertrauen in Allah setzen. (Juusuf ‘Allii)

 

260. Und als Ibraahiim sagte: "Herr, lass mich sehen, wie Du die Toten wieder zum Leben bringst."562 Er sprach: "Hast du denn nicht den Imaan verinnerlicht?" Da antwortete er: ,,Doch! Aber um mein Herz zu beruhigen." Er sagte: ,,Nimm vier Vögel, mach sie dir zahm, dann setze auf jeden Berg einen563 von ihnen. Hierauf rufe sie. Sie werden eilends zu dir (geflogen) kommen. Und wisse, dass Allah allmächtig ist und weise.

562. Im Aja 258 sahen wir Allahs Macht über Leben und Tod im Gegensatz zu eitler Prahlerei und Einbildung des Menschen. Aja 259 zeigte uns, wie bedeutungslos die Zeit für Allahs Wirken ist. Dinge, einzelne Menschen und ganze Völker sind den Gesetzen von Leben und Tod untergeordnet, die ganz in Allahs Hand liegen, auch wenn wir uns noch so sehr von Augenscheinlichkeiten irreleiten lassen. Jetzt, in Aja 260, wird uns die Macht der Weisheit und Liebe vor Augen geführt: wenn der Mensch Vögel zähmen kann, so dass sie ihn erkennen und zu ihm geflogen kommen, um wie viel mehr Gehorsam werden dann Allahs Geschöpfe Seinem Ruf am Tage der Auferstehung entgegenbringen? (Juusuf ‘Allii)

Wenn dieser Wunsch ausgerechnet von Ibraahiim, Allahs Segen und Frieden auf ihm, kommt, der ein wahrhaft frommer Mu´min und Vertrauter Allahs war, so zeigt dies, wie sich manchmal die Herzen der Menschen, die Allah am nächsten stehen, danach sehnen, hinter die Geheimnisse der Schöpfung zu kommen. Diese Sehnsucht hat nichts mit der Festigkeit oder Stärke des Imaans zu tun, sondern sie entspringt dem seelischen Wunsch, Vertrautheit mit Allahs Schöpfung bereits bei ihrer Entstehung zu erlangen. (Qutb)

563. Wörtlich: einen Teil von ihnen. Anerkannte Kommentatoren meinen, dies bedeute, dass die Vögel zerteilt und Stücke von ihnen auf die Berge getan werden. Obwohl das Zerteilen oder Töten nicht erwähnt wird, meinen sie, es sei logisch zu folgern aus der Frage, wie Allah die Toten wieder zum Leben bringe. Doch siehe hierzu die vorangehende Fußnote.

(Juusuf ‘Allii)

 

Abschnitt 36

261. Das Gleichnis derjenigen, die ihren Besitz auf dem Pfad Allahs spenden, ist wie das Gleichnis eines Samenkorns, das sieben Ähren wachsen lässt, in jeder Ähre hundert Körner. Und Allah vervielfacht (den Lohn) wem Er will.564 Und Allah ist allumfassend, wissend.

564. Ab diesem Aja bis kurz vor Ende der Suura wird das islamische Gesellschafts- und Wirtschaftssystem erläutert. Dieses System ist auf Solidarität und Zusammenhalt begründet, wie sich aus der vorgeschriebenen und der freiwilligen Spende ergibt, und nicht auf Zins und Wucher. Daher wird dieser Gesetzestext nicht durch Verordnungen und Ermahnungen zur Pflichterfüllung eingeleitet, sondern durch Worte der Ermutigung und des Anspornens. Der Hinweis auf die hundertfache Vermehrung der Pflanzen aus einem einzigen Samenkorn dient als Vergleich und Ansporn für diejenigen, die ihr Geld für die Sache Allahs hingeben, dass sie nämlich dereinst ein Vielfaches des von ihnen Gespendeten werden ernten können. (Qutb)

Beginnend mit Aja 243/244 werden die Mu´mins dazu aufgefordert, ihr Leben und ihren Besitz für den hohen Zweck hinzugeben, an den sie überzeugt sind das sie es für Allah tun. Nach einer Bestärkung des Imaans an Allah, dem zuliebe die Opfer gebracht werden sollen, wird in den kommenden Ajas die Einstellung erklärt, von der die Opferbereitschaft begleitet sein sollte. Es liegt auf der Hand, dass die Menschen finanzielle Opfer für einen ethischen Zweck nicht bringen können, bevor sich ihre Haltung den materiellen Dingen gegenüber nicht geändert hat. Von jenen, die nur dafür leben und sterben, um Vermögen anzuhäufen und alles vom Standpunkt des Gewinns oder Verlusts aus betrachten, kann man niemals Opfer für eine gute Sache erwarten. Selbst wenn sie etwa:; geben sollten, überlegen sie dabei, welchen Nutzen es ihnen oder den Ihren bringen könnte. Mit dieser Geisteshaltung kommt man auch nicht einen Schritt weiter auf dem Pfad Allahs. Um dem Wort Allahs Geltung zu verschaffen, muss man sein Leben, seine Kraft und seinen Besitz unabhängig von weltlichem Gewinn oder Verlust einsetzen. Doch dafür braucht es Weitsicht, viel Mut, ein großes Herz und vor allem die aufrichtige Sehnsucht danach, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Darüber hinaus muss aber auch eine grundlegende Veränderung der Gesellschaftsordnung herbeigeführt werden, damit die materialistische "Moral" durch geistige Werte ersetzt wird. Darum werden von hier bis zu Aja 281 Anweisungen gegeben, die eine solche ethische Grundhaltung schaffen sollen. (Mauduudi)

 

262. Diejenigen, die ihren Besitz auf dem Pfad Allahs spenden (und) dann dem, was sie gespendet haben, nicht Vorhaltungen oder Ungebührlichkeit565 folgen lassen, denen wird ihr Lohn von ihrem Herrn zuteil und sie brauchen keine Angst zu haben noch müssen sie traurig sein.

565. Sie verderben nicht ihre Wohltätigkeit, indem sie auf ihren Großmut hinweisen oder die Gefühle der Bedürftigen verletzten. (Siddiqi)

Nur die Spende, die Würde und Gefühl des Empfängers nicht verletzt und die einzige und allein gegen wird, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, wird von Allah vervielfacht und vermehrt. (Qutb)

 

263. Freundliche Worte und Verzeihung566 sind besser als Wohltätigkeit gefolgt von Ungebührlichkeit.567 Und Allah ist Sich Selbstgenügend, nachsichtig.568

566..Der berühmte Qur’ankommentator Barawi hat das Wort Verzeihung gedeutet als: "bedecke seine Bedürftigkeit mit einem Schleier und lüfte den Schleier nicht vor ihm."' (Siddiqi)

567.Einige zeitgenössische Psychologen vertreten die Auffassung, dass Anfeindung die natürliche Reaktion der menschlichen Seele auf Wohltaten ist. Sie begründen diese These damit, dass der Nehmende Minderwertigkeitsgefühle und Schwäche gegenüber dem Gebenden verspürt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil häufig der Gebende das Gefühl vermittelt, ein Wohltäter zu sein. Und so können sich die verletzten Gefühle in Hass und Feindseligkeit verwandeln. Im Islam ist dies nicht möglich, denn hier wird eindeutig festgestellt, dass das, was die Menschen besitzen, Allahs Gabe ist. Wenn also der Spendende etwas von seinem Geld hingibt, so gibt er nur Allah Gabe weiter und Allah wird ihn dafür belohnen. Wenn sich diese Einstellung in der menschlichen Gesellschaft überall durchsetzen würde, würde sich kein Gebender mehr erhaben und kein Nehmender mehr minderwertig fühlen. (Qutb)

568.Allah braucht die Spende nicht, die die Gefühle des Nehmenden verletzt. Doch ist Er langmütig gegenüber Seinen Geschöpfen, indem Er sie nicht sofort für ihre Missetaten bestraft. (Qutb)

 

264. O die ihr den Imaan verinnerlicht habt; macht nicht eure Wohltätigkeit zunichte durch Vorhaltungen oder Ungebührlichkeit wie diejenigen, die ihren Besitz spenden, um von den Menschen gesehen zu werden, doch sie haben nicht den Imaan an Allah verinnerlicht und an den Jüngsten Tag.569 Ihr Gleichnis ist wie das Gleichnis eines harten Felsen, auf dem Erdreich570 ist. Wenn ein schwerer Regen darauf fällt, lässt er (nichts als) nacktes Gestein zurück.571. Sie haben keine Macht über das, was sie erworben haben. Und Allah leitet nicht das Volk der Kaafir.

569. Falsche Wohltätigkeit, nur ,damit man von den Menschen dabei beobachtet wird, ist in Wirklichkeit gar keine Wohltätigkeit. Ja, sie ist sogar noch schlimmer, denn sie beweist den Kufr an Allah und an das Jenseits. Doch "Allah sieht wohl, was ihr tut", heißt es in Aja 265. Sie wird verglichen mit einem harten Felsen, auf dem sich zufällig etwas Erdreich angesammelt hat. Guter Regen, der fruchtbaren Boden noch fruchtbarer macht, wäscht das. bisschen Erdreich hinweg, das dieser Felsen besaß, und legt ihn völlig bloß. Was an Gutem kann für Heuchler selbst aus dem bisschen Reichtum erwachsen, den sie angehäuft haben mögen? (Juusuf ‘Allii)

570.Wörtlich: Staub. (Anm. d. Übers.)

571. Dem Auge des Beobachters bleibt die felsige Härte im Inneren verborgen. Ebenso verhält es sich mit einem heuchlerischen Herzen, welches, bar jeglicher Frömmigkeit, die wahre Härte des Kerns zu verhüllen weiß. Der Staub wird dann irgendwann mit dem Regen vom Felsen abgewaschen, ohne jemals eine Pflanze hervorgebracht zu haben. Desgleichen wird der Heuchler, dessen Herz nie einem guten Zweck zuliebe gespendet hat, niemals einen Lohn empfangen, (Qutb)

 

265. Doch das Gleichnis derjenigen, die ihren Besitz spenden im Verlangen nach dem Wohlgefallen Allahs und zur Stärkung ihrer Seelen, ist wie das Gleichnis eines Gartens auf hohem Grund, auf den ein schwerer Regen fällt und der den doppelten Ertrag hervorbringt. Und wenn kein schwerer Regen auf ihn fällt (reicht auch) leichter. Und Allah sieht wohl, was ihr tut.

266. Möchte (etwa) jemand von euch, dass er einen Garten habe mit Dattelpalmen und Weinreben, durch den572 Ströme fließen, mit allen (möglichen) Früchten für ihn darin? Und dass dann, wenn das Alter ihn überkommen hat und er (noch) schwache Nachkommenschaft besitzt, ein feuriger Wirbelsturm über den Garten573 kommt und ihn niederbrennt?574 So macht Allah euch Seine Zeichen klar, damit ihr nachdenkt.

572. Wörtlich: unter dem. (Anm. d. Übers.)

573. Wörtlich: über ihn. (Anm. d. Übers.)

Auch die Sadaqa (Almosen) hat die Vorzüge eines Gartens: Sie spendet ihrem Geber Schutz und Schatten, und zwar zum kritischsten Zeitpunkt, wo er Sicherheit gerade am nötigsten hat, nämlich im Alter. (Qutb)

574. Es liegt auf der Hand, dass es niemandem angenehm ist, wenn er zu einem kritischen Zeitpunkt, nämlich in hohem Alter und ohne die Möglichkeit, wieder von neuem zu beginnen, all seine Einkünfte verliert. So ergeht es dem, der ins Jenseits kommt, ohne Vorsorge dafür getroffen zu haben. Er begreift dann, dass all sein irdischer Besitz nutzlos ist wie der niedergebrannte Garten des alten Mannes in diesem Gleichnis, weil er ihn ja doch zurücklassen musste. Wer nicht Gutes tut während seines Erdenlebens, wird dereinst hilflos sein wie dieser alte Mann, dessen Kinder noch zu schwach sind, um ihm beizustehen. (Mauduudi)

 

Abschnitt 37

267. O die ihr den Imaan verinnerlicht habt, spendet von den guten Dingen, die ihr erworben habt575 und von dem, was Wir für euch aus der Erde hervorgebracht haben und sucht nicht das Schlechte davon aus, um es zu spenden, wo ihr es doch selbst nicht nehmen würdet, es sei denn ihr würdet ein Auge dabei zudrücken. Und wisset, dass Allah unbedürftig und Lobenswürdig ist.

575. Das heißt auf ehrliche, aufrichtige Weise erworben habt. (Darjabaadi)

Anlas für die Offenbarung dieses Ajas war das Gebaren einiger Ansar (Muslime in Medina, Helfer der aus Mekka Ausgewanderten), die bei der Dattelernte die weniger guten Früchte in der Moschee des Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  aufgehängt hatten, damit sich die Armen davon nehmen konnten. Mit diesem Aja hat Allah die Muslime auf einzigartige Weise zurechtgewiesen, woran wir sehen, dass es in einer geschlossenen Gemeinschaft durchaus auch Mitglieder geben kann, die Zurechtweisung nötig haben. Im weiteren wird dann die Ursache für diese verwerfliche Handlungsweise des Menschen beim Namen genannt: Schaytaan. (Qutb)

 

268. Schaytaan droht euch mit Armut und gebietet euch Abscheulichkeit, während Allah euch Seine Verzeihung verspricht und Huld.576 Und Allah ist allumfassend, wissend.

576. Denn Schaytaan war es auch, der in vorislamischer Zeit den Menschen so sehr Angst vor der Armut machte, dass sie ihre neugeborenen Töchter lebendig begruben und sich mit Hilfe von Zinsforderungen am Besitz anderer bereicherten. Im Gegensatz zu Scheytaan verspricht Allah Vergebung und Überfluss, das heißt Vergebung im Jenseits am Tage des Gerichts und zudem noch Überfluss an Lohn auch im Diesseits. (Qutb)

Gut und Böse ziehen uns in entgegengesetzten Richtung und unterliegen entgegengesetzten Beweggründen, die sich gerade im Fall des Almosengebens deutlich erkennen lassen. Wenn wir überlegen, ob wir etwas Gutes tun sollen, beschleichen uns Zweifel und die Furcht vor Armut; das Böse dagegen bestärkt uns in unserem Hang zur Selbstsucht, Habgier und Protzerei sowie in unseren menschenunwürdigen Begierden. Das Gute spornt uns zu Freundlichkeit und Güte an, denn auf diesem Weg erwartet  uns Vergebung für unsere Sünden und viel mehr echtes Wohlergehen und Zufriedenheit. Keine gute Tat hat je jemanden ruiniert. Es ist falsch verstandene Großmut, die sich manchmal als schädlich erweist. Da Allah unsere Beweggründe kennt, für uns alle sorgt und da alles in Seiner Macht steht, ist es klar, welchen Weg ein weiser Mensch einschlagen sollte. Doch Weisheit ist selten, sie aber versteht zwischen echtem Wohlergehen und dem zu unterscheiden, was wir Falscherweise für unser Wohlergehen halten. (Juusuf ‘Allii)

 

269. Er gibt Weisheit577 wem Er will. Und wem Weisheit gegeben ist, dem ist (unendlich) viel Gutes gegeben worden. Doch niemand bedenkt dies außer den Einsichtigen.

577. Doch Allah gibt den Menschen nicht nur Verzeihung und Huld, sondern vor allem Weisheit, damit sie eben unterscheiden können zwischen Gut und Böse, zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Die Einsichtigen sind es, die diese Weisheit besitzen, und nur sie bedenken auch den Wert dieser Gabe. (Qutb)

Weisheit das heißt Verständnis des Islams und seine richtige Anwendung in allen Lebenslagen. (Siddiqi)

 

270. Und was auch immer ihr als Spenden hingebt oder an Gelöbnis578 ablegt, wahrlich Allah weiß es wohl. Und die unrecht tun, haben keine Helfer.

578. Die Spende (infaq) أَنفَقْ kann in Form von Saka, Sadaqa (das ist die freiwillige Spende) oder als Beitrag zum Dschihaad erfolgen. Das Gelöbnis kann nur Allah gegenüber abgeleistet werden. Das Ableisten einem Menschen gegenüber wäre gleichbedeutend mit Schirk (das heißt mit Götzendienerei) und den heidnischen Tieropfergaben vor der Zeit des Islams vergleichbar. (Qutb)

Dieses Gelöbnis ist ein feierliches, religiös bindendes Versprechen Allah gegenüber, das man ablegt, damit einem ein Wunsch erfüllt werde. Ist dieser Wunsch legitim und wurde nur Allah allein vorgetragen und wurde das Versprechen einzig und allein Ihm gegenüber abgelegt, so muss es unter allen Umständen eingehalten werden. Sonst würde man sich einer Sünde schuldig machen. (Siddiqi)

 

271. Wenn ihr eure Mildtätigkeit offenbart,579 so ist es gut und recht. Doch wenn ihr sie heimlich übt und sie den Armen zukommen lasst, so ist es besser für euch und wird (etwas von) euren bösen Taten für euch tilgen. Und Allah ist wohl vertraut mit dem, was ihr tut.

579. Es ist besser, wenn man bei seiner Mildtätigkeit die Öffentlichkeit meidet. Wird sie aber doch bekannt, so ist dagegen nichts einzuwenden. Übt man Mildtätigkeit zum Wohl der Allgemeinheit, so wird sie notwendigerweise bekannt werden und ein pedantisches Bestehen auf Geheimhaltung ist ein Fehler. Der Schaden, der im öffentlichen Bekannt machen liegt, ist in den Beweggründen zu sehen und in der Zurschaustellung. Diejenigen, die unserer Hilfe tatsächlich würdig sind, lassen sich eher im Stillen ausfindig machen. Der spirituelle Nutzen kommt unseren Seelen zugute, vorausgesetzt wir handeln aus edlen Motiven und haben nichts anderes im Sinn, als das Wohlgefallen Allahs zu erlangen. (Juusuf ‘Allii)

Grundsätzlich sollte man Mildtätigkeit im Stillen übern. Manchmal ist es jedoch besser, sie zu offenbaren, insbesondere wenn es sich um Seka handelt. Denn in diesem Fall ist es eine Demonstration des Gehorsams. (Qutb)

 

272. Ihre Rechtleitung obliegt nicht dir,580 sondern Allah leitet recht wen Er will. Was immer ihr an Gutem spendet, das ist für euch selbst, und ihr spendet nicht, es sei denn aus Verlangen nach dem Angesicht Allahs. Und was immer ihr an Gutem spendet, das soll euch voll zurückerstattet werden und es soll euch kein Unrecht zugefügt werden.

580. Im Zusammenhang mit Mildtätigkeit bedeutet dies, dass wir allen helfen müssen, die wirklich bedürftig sind, einerlei ob sie gut oder böse sind, sich auf dem rechten Pfad befinden oder auf dem falschen, ob sie Muslime sind oder nicht. Uns steht kein Urteil zu in diesen Dingen. Allah wird in Seiner Weisheit die Erleuchtung senden. Hierdurch wird übrigens auch der Anweisung "es gibt keinen Zwang im Diin" (2:256) noch ein zusätzlicher Sinn gegeben. Denn Zwang ist nicht nur durch Machtausübung möglich, sondern auch bedingt durch wirtschaftliche Notwendigkeit. In religiösen Angelegenheiten dürfen wir auch durch das Bestechungsmittel Mildtätigkeit keinen Zwang ausüben. Das Hauptmotiv der Mildtätigkeit sollte die Erlangung des Wohlgefallens Allahs sein und unser eigenes geistiges Wohl. (Juusuf ‘Allii)

 

273. (Die Mildtätigkeit ist) für die Armen, die auf dem Pfad Allahs581 (daran) gehindert werden, sich frei im Land zu bewegen.582 Der Unwissende meint wegen (ihrer) Zurückhaltung, sie hätten genug. Du erkennst sie an ihrem Auftreten.583 Sie betteln die Menschen nicht aufdringlich an. Und was immer ihr an Gutem spendet, wahrlich Allah weiß es wohl.

581. Da nur Allah den Nichtmuslimen den wahren Imaan eingibt, steht es nicht einmal dem Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, zu, darüber zu entscheiden, wem Spenden zukommen sollen und wem nicht. Der Empfänger einer Spende kann also durchaus auch ein Nichtmuslim sein, solange er der islamischen Gemeinschaft nicht feindlich gesinnt ist. Denn nur Allah kennt die Herzen der Menschen. (Qutb)

Mildtätigkeit ohne Ansehen der Person kann unter Umständen mehr Schaden als Nutzen bewirken. Die Empfänger müssen bedürftig sein, und dies aus einem ehrbaren Grund, so etwa weil sie unbezahlt ein Lehramt ausüben oder sich selbst Kenntnisse aneignen oder ihrer Diin wegen vertrieben worden sind. "Auf dem Pfad Allahs" ist in weitestem Sinn zu verstehen und jeder aufrichtige und tatsächliche Dienst an der Menschheit ist darin eingeschlossen. (Juusuf ‘Allii)

582. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. (Darjabaadi)

583. Wörtlich: an ihrem Äußeren, ihrer Erscheinung. (Anm. d. Übers.)

Dieser Aja verdeutlicht aufs Neue die wunderbare Ausdruckskraft des Wortes Allah im Qur’an, durch die etwas so bildhaft dargestellt wird, dass sich beim Leser unmittelbar eine Vorstellung ergibt. In diesem Falle die Vorstellung vom wahrhaft Bedürftigen, der sich schämt, seine Hand nach den Almosen auszustrecken, sich vielmehr den Anschein der Zufriedenheit und Sicherheit gibt. (Qutb)

 

Abschnitt 38

274. Diejenigen, die ihren Besitz bei Nacht und Tag, insgeheim oder offen, hingeben,584 denen ist ihr Lohn von ihrem Herrn (gewiss) und sie brauchen keine Angst zu haben noch müssen sie traurig sein.

584. In diesem Aja kommt die Allgemeingültigkeit des Gesagten zum Ausdruck: der Besitz (besser und wörtlicher: das Geld) -ein Begriff, der alles Materielle beinhaltet; Nacht und Tag das bedeutet, dass die Spende an keinen Zeitpunkt gebunden ist. (Qutb)

Hier kommen wir noch einmal auf das Schöne bei der Mildtätigkeit zurück, das selbstlose Hingeben seiner selbst oder der eigenen Habe-, bevor wir uns dem Gegenteil zuwenden, nämlich der selbstsüchtigen, raffgierigen Habsucht des Wucherers, die sich gegen jene in Not und Elend richtet. Mildtätigkeit bringt statt Armut reichen Segen für den Gebenden, er wird mehr Glück empfinden und weniger Angst. Man vergleiche dies mit dem, was nun folgt der Menschenunwürdigkeit des Wucherers. (Juusuf ‘Allii)

 

275. Diejenigen, die Zinsen verschlingen,585 sollen nicht anders auferstehen als jemand, den Schaytaan durch Berührung zum Wahnsinn getrieben hat.586 Dies weil sie sagen: "Handeln ist dasselbe wie Zinsnehmen." Doch Allah hat Handeln erlaubt und Zinsnehmen verboten. Und wenn zu jemandem eine Ermahnung von seinem Herrn kommt und er dann aufhört, dem soll verbleiben, was bereits geschehen ist. Und seine Sache ist bei Allah. Wer es aber von neuem tut, die werden Bewohner des Feuers sein, darin werden sie (ewig) verweilen.

585. Es gibt nichts. was der Islam mit solcher Härte angegriffen und tabuisiert hat, wie das Zinssystem, nicht nur in diesen Ajas, sondern auch an anderen Stellen im Qur’an. So wurde nach den Erläuterungen über das Spenden das Gegenteil dessen, nämlich der Zinswucher, in einer abschreckenden Weise dargestellt wegen seiner unheilvollen und demoralisierenden Wirkung. Das Zinssystem, aus rein wirtschaftlichem Blickwinkel betrachtet, ist mit so vielen Mängeln behaftet, daselbst westliche Wirtschaftsexperten das längst erkannt haben. So sagte Dr. Schacht, früher Reichsbankpräsident in Deutschland, im Jahre 1953 in einem Vortrag in Damaskus, dass man anhand einer einfachen mathematischen Berechnung erkennen muss, wie das meiste Geld in den Händen einiger weniger Zinshändler verbleibt. Denn der Kreditgeber gewinnt immer, der Kreditnehmer hingegen kann zwar einmal gewinnen, aber umso öfter verlieren. So wandert das Geld unaufhaltsam in die Taschen derjenigen zurück, die immer nur gewinnen. (Qutb)

Der Prophet, Allahs Segen und Frieden auf ihm, hat auf das schärfste nicht nur das Nehmen und Geben von Zinsen verurteilt, sondern sogar das Niederschreiben und Bezeugen solcher verabscheuungswürdigen Geschäfte. Denn solche Transaktionen entspringen einer niedrigen Gesinnung und leisten zahlreichen ethischen, sozialen und wirtschaftlichen Übeln Vorschub. Sie veranlassen den Menschen, seinen Reichtum über alles zu lieben, selbstsüchtig und habgierig zu sein; auf der anderen Seite vermitteln sie das Gefühl der Unsicherheit und unterhöhlen dadurch den Imaan an den Herrn und Erhalter. Und schließlich laufen sie dem Geist der Brüderlichkeit zuwider. Auf gesellschaftlichem Gebiet wird dadurch eine Klasse von untätigen Menschen hervorgebracht, die vom Schweiß und der Arbeit anderer leben, ohne deren Not und Kümmernisse mittragen zu müssen. (Siddiqi)

586. Ein sehr passendes Gleichnis: während legitimer Handel und Industrie das Wohlergehen und die Stabilität der menschlichen Gesellschaft und des Staates fördern, ermutigt das Zinsunwesen nur den Wettstreit Untätiger und grausamer Blutsauger, die keine Ahnung haben, was zu ihrem eigenen Besten ist und darum Wahnsinnigen gleichzusetzen sind. (Juusuf ‘Allii)

 

276. Allah wird den Zins dahinschwinden lassen,587 die Mildtätigkeit aber (im Lohn) vermehren. Und Allah liebt keinen, der ein hartnäckiger Kaafir und Sünder ist.

587. Das Zinswesen führt zu einer Konzentration des Geldes in den Händen einiger weniger, wodurch eine schreckliche Diskrepanz in den Einkünften der Menschen verschiedener Klassen entsteht, was wiederum den Klassenkampf heraufbeschwört und andere Übel, wie wir sie in der heutigen Gesellschaft beobachten können. Vom ethischen Gesichtspunkt aus wird der einzelne unmenschlich und zu einem rein "wirtschaftlichen Geschöpf" gemacht, bei dem alles vom Standpunkt des materiellen Gewinns aus abgewogen und eingeordnet wird. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden auf ihm, soll nach Musnad Achmed in diesem Zusammenhang gesagt haben: "Welche Vermehrung sich auch immer durch Zinsen ergeben sollte, am Ende führt sie doch zur Verarmung." (Siddiqi)

 

277. Wahrlich, diejenigen, die den Imaan verinnerlicht haben und gute Werke tun und das Gebet verrichten und die Saka588 geben, denen ist ihr Lohn von ihrem Herrn (gewiss) und sie brauchen keine Angst haben noch müssen sie traurig sein.

588. Gebet und Saka (das heißt eine Steuer, die im Islam zur Grundlage des Wirtschaftssystems erhoben wurde), waren stets ein wichtiger Bestandteil des Islams. Wie alle anderen Propheten, machten auch die Propheten Israa'iils beides zu bindenden Pflichten für die Juden; doch nach und nach begannen die Juden, sie zu vernachlässigen. Sie hörten auf, das Gebet gemeinsam zu verrichten, ja die meisten von ihnen beteten nicht einmal für sich allein. Anstatt Saka zu bezahlen fingen sie sogar an, Zinsen für ihr Geld zu verlangen. (Mauduudi)

Zu Saka schreibt Darjabaadi: "Diese Steuer soll den Menschen von Geiz und Gier heilen. Wörtlich bedeutet Saka Reinheit, Reinigung. Es ist der Anteil am Vermögen, der Allah zuliebe von dessen Eigentümer entrichtet wird, damit es "gereinigt" werde. Die Zahlung dieser religiösen Steuer ist Pflicht, vorausgesetzt das Vermögen hat einen bestimmten Umfang und gehörte seinem Besitzer mindestens während der Dauer eines Mondjahres (das sind etwa 355 Tage). Die Steuer variiert entsprechend der Art und Größe des Vermögens; in den meisten Fällen beträgt sie jedoch ein Vierzigstel des Vermögens, das heißt zwei ein halb Prozent."

Die im ersten Moment so imposant ausschauenden Kapitalsummen plus Zinsen bringen der Menschheit anstatt Segen innere Unausgeglichenheit und Unzufriedenheit. Die Spenden, die vorgeschrieben und die freiwilligen hingegen stärken den Zusammenhalt und das Füreinander in der Gesellschaft und erfüllen den Gebenden mit innerer Ruhe und Glück und der Hoffnung, dass Allah ihm Belohnung und Segen dafür geben wird. Saka ist die Basis für eine Gesellschaft, die zusammenhält und die das Zinssystem für ihre Wirtschaft nicht benötigt. (Qutb)

 

278. O die ihr den Imaan verinnerlicht habt,589 fürchtet Allah und verzichtet auf das, was noch übrig ist an Zinsen, wenn ihr Mu´mins seid.590

589. Dies bezieht sich nicht nur auf die Muslime zu jener Zeit, als das Zinsverbot verkündet wurde, sondern auch auf die Menschen zu späteren Zeiten, wenn sie zu der Überzeugung gelangen, dass die Botschaft des Qur’ans die Wahrheit ist. (Asad)

590. Um keine für die Wirtschaft und Gesellschaft zerrüttende Wirkung herbeizuführen, vermied der Islam ein rückwirkendes Zinsverbot. Regressansprüche konnten somit nicht gestellt werden. (Qutb)

Die Wissenschaftler haben aus diesem Teil des Ajas den Schluss gezogen, dass die Ablehnung irgend eines Teils der Scharii'a gleichbedeutend ist mit deren vollständiger Verwerfung. (Siddiqi)

 

279. Und wenn ihr (es) nicht tut, dann ist euch Krieg angesagt591 von Allah und Seinem Gesandten.592 Doch wenn ihr bereut, dann soll euch euer geliehenes Geld ohne Zinsen zustehen, so dass weder ihr unrecht tut, noch euch Unrecht zugefügt wird.593

591. Hier geht es nicht um einen Meinungsstreit, sondern um eine tatsächliche Kriegserklärung mit dem Ziel, die Befreiung der Schuldner herbeizuführen, die ungerecht behandelt und unterdrückt werden. (Juusuf ' Allii)

Dem, der die Gesetze Allahs verleugnet, wird hier vor Augen geführt, was ihn als Strafe erwartet, nämlich ein in der Tat sehr ungleicher Kampf zwischen einem schwachen Geschöpf und dem allmächtigen Allah, wobei der Verlierer ganz leicht im voraus auszumachen ist. (Qutb)

592. Doch nicht nur im Qur’an findet sich eine Kampfansage in dem Fall des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und der Muslime gegen Wucherer. Im Alten Testament heißt es bei Ezechie 18:13: ,,(Wer) auf Wucher leiht und Zins nimmt, der wird sicherlich nicht am Leben bleiben... darum soll er sterben, seine Blutschuld liegt auf ihm." Und im Talmud gibt es dazu den Kommentar: "Der Geldverleiher ist mit dem Mörder zu vergleichen." Im Mischna, einem grundlegenden Teil des Talmud, wird der Wucherer zu denen gezählt, denen es untersagt ist, vor Gericht Zeugnis abzulegen. Im Qur’an stoßen wir auf zahlreiche andere Verbote, aber bei keiner anderen derartigen Anweisung werden so starke Worte verwendet. Durch all dies sollte nicht nur das Zinsunwesen allein, sondern jede andere Art von unlauteren Geldgeschäften unterbunden werden, damit anstelle des Kapitalismus eine neue Ordnung trete, in der Geiz durch Mildtätigkeit, Selbstsucht durch Mitgefühl und Zusammenwirken, Zins durch Saka und das Bankwesen  durch das von der Öffentlichen Hand zu vergebende Geldmittel ersetzt wird. (Darjabaadi)

593. Das heißt, indem ihr Zinsen nehmt für das verliehene Geld auf der einen Seite, oder andererseits euer geliehenes Geld nicht zurückerhaltet. (Siddiqi)

In der Rücknahme des Grundkapitals wird niemandem Unrecht getan, weder dem Kreditgeber noch dem Kreditnehmer. Und wer sein Geld vermehren will, dem stehen viele andere saubere Möglichkeiten offen. (Qutb)

 

280. Wenn jemand in Schwierigkeiten ist,594 dann gewährt ihm Aufschub, bis (es ihm) leicht (fällt, zu zahlen). Doch solltet ihr (es ihm) als Mildtätigkeit (erlassen), so ist es besser für euch, wenn ihr (es nur) wüsstet.

594. Was die Rückzahlung seiner Schulden betrifft. (Darjabaadi)

Ein Mensch, der in nicht selbstverschuldete Schwierigkeiten geraten ist, darf nicht vom Kreditgeber verfolgt oder unter Druck gesetzt werden. Er (der Geldgeber) wird dazu ermahnt, sich mit seinen Geldforderungen zurückzuhalten, bis sich die Lage des Kreditnehmers gebessert hat. Und Allah appelliert an den Geldgeber, wenn irgend möglich, diese Zahlung dem Schuldner zu erlassen, da dies für beide von Nutzen ist. An anderen Stellen im Qur’an wird einem in Schwierigkeiten geratenen Geldverleiher das Recht eingeräumt, seine Schulden aus den Almosengeldern zurückzuzahlen. Zum Beispiel in Suura 9, Aja 60, wo es heißt: "Die Almosengelder sind für die Armen, Notleidenden und Schuldner." (Qutb).

 

281. Und fürchtet den Tag, an dem ihr zu Allah zurückgebracht werdet. Dann wird jeder Seele das zurückerstattet, was sie erworben hat und kein Unrecht soll ihnen zugefügt werden.595

595.Wie unangefochten von ibn 'Abbas bezeugt wird, handelt es sich bei diesem Aja um die letzte Offenbarung, die dem unseren Propheten Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, der kurz darauf verschied, zuteil geworden ist. (Asad)

 

282. O die ihr den Imaan verinnerlicht habt, wenn ihr eine Anleihe gewährt oder aufnehmt596 auf eine festgesetzte Frist, dann schreibt es nieder.597 Und ein Schreiber soll es in eurem Beisein getreulich niederschreiben. Und kein Schreiber soll sich weigern zu schreiben, so wie Allah ihn gelehrt hat. So schreibe er also, und der, der die Verpflichtung eingeht, soll es diktieren und Allah, seinen Herrn, fürchten und nichts davon weglassen. Und wenn der, der die Verpflichtung eingeht, wenig Verstand hat oder schwach ist oder unfähig, selbst zu diktieren,598 dann soll sein Sachwalter599 getreulich für ihn diktieren. Und lasst zwei Zeugen unter euren Männern (es) bezeugen, und wenn es keine zwei Männer gibt, dann ein Mann und zwei Frauen von denen, die euch als Zeugen geeignet erscheinen, damit, wenn sich eine der beiden irrt, die andere von ihnen sie erinnern kann.600 Und die Zeugen sollen sich nicht weigern, wenn sie gerufen werden. Und verschmäht nicht, es niederzuschreiben -(seien es nun) große oder kleine (Beiträge) mit der festgesetzten Frist. Das ist rechtschaffener vor Allah und zuverlässiger was die Bezeugung angeht und bewahrt euch eher vor Zweifeln,601 es sei denn es handelt sich um sogleich verfügbare Ware, die unter euch von Hand zu Hand geht, dann ist es kein Vergehen für euch, wenn ihr es nicht niederschreibt.602 Und nehmt Zeugen, wenn ihr miteinander Handel treibt. Und weder dem Schreiber noch dem Zeugen soll Schaden zugefügt werden. Und wenn ihr es (doch) tut, dann ist es wahrlich ein Frevel von euch. Und fürchtet Allah. Und Allah gibt euch Wissen und Allah ist aller Dinge gewahr.603

596. Die obige Formulierung schließt jegliche Form von Darlehensgeschäften ein. Sie bezieht sich sowohl auf den Darlehensgeber wie auch auf den Darlehensnehmer und wurde dementsprechend übersetzt. (Asad)

597. Freunde und Verwandte neigen dazu, Darlehensangelegenheiten nicht schriftlich niederzulegen, weil sie meinen, das sei ein Zeichen für mangelndes Vertrauen. Doch Allah ermahnt dazu, dass alle Übereinkünfte bezüglich Schulden und geschäftliche Dinge aufgeschrieben und bezeugt werden sollten, damit alles seine Ordnung hat. Nach einem Prophetenwort gibt es dreierlei Arten von Menschen, deren Anrufung Allahs kein Gehör findet: erstens diejenigen, die missmutige Gattinnen haben und sich nicht von ihnen scheiden lassen; zweitens diejenigen, denen das Vermögen von Waisen anvertraut wird und die es diesen übergeben, ehe sie volljährig sind; drittens diejenigen, die Geld verleihen, ohne dafür ein Dokument oder Zeugen zu haben. (Mauduudi)

598. Weil er ein physisches Handicap hat oder mit der Geschäftsterminologie bei derartigen Geschäftsabschlüssen nicht vertraut ist oder die Sprache, in der, der Vertrag abgefasst werden soll, nicht beherrscht. "Wenig Verstand oder schwach" kann sich entweder auf Minderjährige oder sehr alten Menschen beziehen, die nicht mehr Herr ihrer geistigen Kräfte sind. (Asad)

599. Der Sachwalter kann irgend jemand sein, der die Angelegenheiten des Betreffenden in Händen hat, sei es sein Vater, sein Erbe oder wer auch immer sonst. (Darjabaadi)

600. Die Anweisung, dass zwei Frauen anstelle eines Mannes Zeugnis ablegen können, hat nichts mit den ethischen oder intellektuellen Fähigkeiten der Frau zu tun; sie ist vielmehr darauf zurückzuführen, dass Frauen in der Regel weniger vertraut sind mit Geschäftsvorgängen als Männer, wodurch es leichter geschehen kann, dass sie diesbezüglich einem Irrtum anheim fallen. (Asad)

Anm. des Überarbeiters: eine Frau könnte auch genau in dieser Situation ihre Menstruation haben, und kann daher nicht richtig entscheiden wenn es darauf ankommt. Denn Frauen sind bei diesen Umstand in einer ganz anderen seelischen Verfassung.

601. Hier werden in bemerkenswerter Reihenfolge alle Möglichkeiten aufgeführt, die sich bei einer geschäftlichen Verbindung und ihrer Niederschreibung ergeben können. Eine Möglichkeit nach der anderen wird ausführlich behandelt, bevor zum nächsten Punkt übergegangen wird.

Damit eine völlige Neutralität bei der Niederschreibung einer Schuld gewährleistet ist, wird wohlweislich ein Dritter hinzugezogen. Dieser Schreiber wird zur Gerechtigkeit bei seinem Tun ermahnt.

Es wird genau bestimmt, wer die Schuld zu diktieren hat. Da zu befürchten ist, dass der Kreditgeber, falls er selber diktiert, sich Vorteile verschaffen und somit den Schuldner schädigen könnte, ist es die Aufgabe des Schuldners, dies zu tun. Er befindet sich in der schwächeren Position und es liegt in seinem Interesse, dass das Geschäft zu beider Zufriedenheit abgewickelt wird, wobei auch an ihn die Ermahnung ergeht, Gerechtigkeit walten zu lassen.

So wie der Schreiber der Pflicht unterliegt, die Niederschrift vorzunehmen als Gegenleistung für die Gabe Allahs, schreiben zu können, ist es auch Aufgabe der Zeugen, ihren Anteil beizutragen und für Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit zu sorgen, wenn sie dazu aufgefordert werden.

Die Zeugen sind manchmal dem Zorn einer der Geschäftsparteien ausgesetzt. Um dem vorzubeugen, ist es strengstens verboten, sie bei der Wahrheitsfindung auf irgendeine Weise zu behelligen. Der Versuch, auf einen der Zeugen Druck auszuüben, wird als Angriff auf die Gesetze Allahs angesehen. (Qutb)

602. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn alltägliche Geschäfte unter benachbarten Händlern nicht schriftlich festgehalten werden. (Mauduudi)

603. Aufrichtigkeit in weltlichen Dingen ist nicht nur eine Sache, die in das Ermessen des einzelnen gestellt ist und den Geschäftsinteressen dient, sondern eine Gewissenssache und eine religiöse Pflicht. Selbst in unseren alltäglichen Angelegenheiten sollen wir uns der Allgegenwart Allahs bewusst sein. (Juusuf ‘Allii)

 

283. Und wenn ihr auf einer Reise seid und keinen Schreiber findet, dann soll ein Pfand in Empfang genommen werden.604 Und wenn einer von euch dem anderen (etwas) anvertraut, dann soll der, dem (es) anvertraut wurde, das ihm Anvertraute zurückgeben und Allah, seinen Herrn, fürchten. Und verbergt nicht das Zeugnis.605 Und wer es verbirgt, dessen Herz ist wahrlich mit Sünde befleckt. Und Allah ist dessen gewahr, was ihr tut.

604. Das Pfänden ist auch im Falle des gegenseitigen Vertrauens nur auf Reisen beschränkt. Ansonsten ist es bindende Pflicht, die Gewährung eines Kredits niederzuschreiben. (Qutb)

Wenn aus dem Unterpfand Einkünfte erzielt werden -es könnte z.B. ein Haus sein, für das Miete eingeht -, sind diese dem Verpfänder Gutzubringen bzw. von der Schuld in Abzug zu bringen, denn sonst gäbe es keinen Unterschied zwischen Zinsnahme und dem durch Einnahme aus dem Pfand entstehenden Gewinn. Ist das Pfand dagegen z.B. ein Reit- oder Lasttier oder ein Tier, das gemolken werden kann, so steht dem Geldgeber der Nutznieß zu, weil er das Tier ja auch füttern und versorgen muss. (Mauduudi)

605. Verhehlen einer Zeugenaussage oder Verdrehen von Tatsachen haben gleichermaßen ein Verbergen der Wahrheit zur Folge. (Darjabaadi)

Gesündigt wird mit dem Herzen. Das Zurückhalten einer Zeugenaussage gehört zu den vorsätzlichen Sünden, die aus der Tiefe des Herzens kommen, trotzdem aber Allah nicht verborgen bleiben. (Qutb)

 

284. Allah gehört was in den Himmeln ist uns was auf Erden ist.606 Und ob ihr offenbart, was in euren Seelen ist, oder es geheim haltet, Allah wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen.607 Dann verzeiht Er, wem Er will und bestraft, wen Er will.608 Und Allah hat Macht über alle Dinge.

606. Es ist der erste und wichtigste Artikel der Aqiida, die Tatsache anzuerkennen, dass Allah der Herrscher über die Himmel und die Erde ist und über alles, was sich darin befindet, und dass es für den Menschen keine andere Alternative gibt, als sich in Seinen Willen zu ergeben. (Mauduudi)

607. In diesem Satz sind zwei weitere Imaanartikel niedergelegt. Zum einen nämlich, dass jeder Mensch persönlich und individuell verantwortlich ist und Allah gegenüber Rechenschaft abzulegen hat für seine Taten. Und zum zweiten, dass der Höchste, dem gegenüber der Mensch für seine Taten Rechenschaft abzulegen hat, ganz genau über alles bescheid weiß, ob es nun verborgen wird oder offenbar ist, und zwar so genau, dass Er selbst die Absichten und Gedanken kennt, die tief im Herzen geheim gehalten werden. (Mauduudi)

Der Gesetzgebung für das praktische Alltagsleben folgen nun Gebote, die den Menschen gefühlsmäßig durch starke Bande mit seinem Schöpfer verknüpfen Bande, die zugleich aus Hoffnung und Furcht bestehen. (Qutb)

608. Die Eigenschaft Allahs als dem Vergebenden wird hier vor Seiner Macht, zu bestrafen, erwähnt, damit die Tatsache erneut hervorgehoben werde, dass Seine Barmherzigkeit Seinen Zorn überwältigt. (Siddiqi)

 

285. Der Gesandte Allahs hat den Imaan an das verinnerlicht, was ihm von seinem Herrn herabgesandt worden ist, ebenso (wie) die Mu´mins. Sie alle haben den Imaan  an Allah und an Seine Engel und an Seine Bücher und an Seine Gesandten verinnerlicht.609 Sie machen zwischen keinem Seiner Gesandten einen Unterschied.610 Und sie sagen: "Wir hören und gehorchen611 Gewähre uns Deine Verzeihung, unser Herr, und bei Dir ruht der Ausgang."612

609. Diese Suura begann mit der Frage des Imaans (Ajas 3-4), zeigte uns verschiedene Aspekte des Imaans und der Verweigerung des Imaans auf, gab uns Anweisungen für das Neue Volk des Islam als Gemeinschaft und endet nun mit dem Bekenntnis zum Imaan und seinen praktischen Auswirkungen im Verhalten ("wir hören und gehorchen"), wobei vor allem die Demut anklingt, so dass wir uns unsere Verfehlungen eingestehen, um Vergebung bitten und zu Allah beten um Hilfe und Rechtleitung. (Juusuf ‘Allii)

Diese große Suura wird mit zwei Ajas beendet, in denen jedes Wort seine tiefe Bedeutung hat und auf die Natur dieses Diin und deren Charakteristika hinweist. Der Imaan an Allah ist von grundlegender Bedeutung und durchdringt alle Bereiche des Lebens vom Konzept der Schöpfung bis hin zu praktischen Dingen wie der Wirtschaft. Der Imaan an die Engel berührt Übersinnliches, das zu erfassen dem Verstand von alleine kaum möglich ist. Doch Allah, der Schöpfer, hilft dem Menschen, so dass aus der Vorstellung schließlich die Gewissheit wird, dass es noch andere, wenn auch für ihn unsichtbare Geschöpfe gibt, die mit ihm den Imaan teilen, bei Allah für ihn um Vergebung bitten und ihm zum Guten verhelfen, wodurch sein Bewusstsein erweitert und sein Herz mit Freude erfüllt wird. (Qutb)

610. Das ist, sozusagen in einer Nussschale, der wahre Imaan an die Tatsache und deren Bekräftigung, dass alle Gesandten und Propheten Allahs Verkünder und Verfechter derselben Wahrheit sind, die ihnen von Allah übermittelt worden ist. (Siddiqi)

Hier ist der Unterschied zwischen Muslimen und Juden zu sehen, die Muusa anerkennen, nicht jedoch Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden, und zwischen Muslimen und Christen. die Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, anerkennen, dem Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  des Islam aber die Anerkennung verweigern. (Darjabaadi)

Der Imaan an Allahs Bücher und Gesandte ohne einen Unterschied zwischen ihnen zu machen, ist eine logische Schlussfolgerung aus dem Imaan an Allah, so wie ihn der Islam vorzeichnet. Denn der uneingeschränkte Imaan an Allah setzt voraus, dass man an die Richtigkeit an all dessen den Imaan verinnerlicht, was von Ihm kommt, an Seine Gesandten und ihre Botschaften, die alle gleichen Ursprungs sind. (Qutb)

611. Das ist die richtige Einstellung. die sich der Mu´min zu eigen machen sollte im Hinblick auf die Gebote Allahs. Er sollte dem Aufruf zur Wahrheit mit voller Aufmerksamkeit Gehör schenken und ihn aufrichtig und hingebungsvoll befolgen, indem er sich seinen Anforderungen willig beugt (Siddiqi)

612. Dies stellt eine Bestätigung des Imaans an das Jenseits dar. (Siddiqi)

Das Bitten um Verzeihung oder Vergebung erfolgt nach der völligen Hingabe an Allah, der Bereitschaft, Ihm zu gehorchen und der Überzeugung, dass alles zu Ihm führt im Diesseits und im Jenseits, und dass Sein Urteil und Seine Strafe nur durch Seine Gnade und Barmherzigkeit abzuwenden sind. (Qutb)

 

286. Allah bürdet keiner Seele mehr auf, als sie zu tragen vermag. Ihr wird zuteil, was sie (an Gutem) erworben hat und über sie kommt, was sie sich zuschulden kommen lässt.613 "Unser Herr, mache uns nicht zum Vorwurf, wenn wir uns vergessen oder Schlechtigkeit begehen. Unser Herr, erlege uns keine Bürde auf, so wie Du sie jenen aufgebürdet hast, die vor uns waren.614 Unser Herr, und lade uns nichts auf, wofür wir keine Kraft haben. Und vergib uns und gewähre uns Verzeihung und habe erbarmen mit uns. Du bist unser Beschützer. So hilf uns gegen das Volk der Kaafirs.615

613. Der Gebrauch der Verben "kasaba" كَسَبَ (übersetzt mit erwerben) und "iktasaba" (übersetzt mit zuschulden kommen lassen) birgt eine tiefe Bedeutung in sich. "Iktasaba" ist eine Verbalform, die eine größere Anstrengung von Seiten des Handelnden andeutet. Dadurch wird unterstrichen. dass es eigentlich ganz leicht ist, auf dem Weg des Guten voranzuschreiten, weil das in der Natur des Menschen liegt, während es größerer Anstrengung bedarf, den Weg des Üblen einzuschlagen, weil das Schlechte der menschlichen Natur zuwiderläuft Überdies ergibt sich daraus, dass der Mensch für seine guten Taten auch dann belohnt wird, wenn er sie mehr oder weniger zufällig vollbringt und ohne sich besonders abzumühen, während er nur für jene Taten bestraft wird, die er absichtlich und im vollen Bewusstsein ihrer Schädlichkeit begeht. (Siddiqi)

614. Dies bezieht sich wohl u.a. auf die schwere Bürde von Ritualen, die nach dem Gesetz Muusas, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  den Kindern Israels auferlegt war, sowie auf die Weltverleugnung, die 'Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, seinen Anhängern empfahl. (Asad)

615. Um den wahren Geist dieses Gebets verstehen zu können, sollte man sich vor Augen halten, dass diese Ajas anlässlich der Himmelsreise des Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, etwa ein Jahr vor seiner Auswanderung nach Medina offenbart worden sind. Zu dieser Zeit hatte der Kampf zwischen dem Islam und dem Kufr seinen Höhepunkt erreicht und die Verfolgung der Mu´mins hatte die ärgsten Formen angenommen. Das beschränkte sich jedoch nicht nur auf Mekka: es gab keinen Ort in ganz Arabien, wo es einem Muslim gestattet war. in Frieden zu leben. Um unter diesen Gegebenheiten standzuhalten, wurden die Muslime gelehrt, dieses Gebet an Allah zu rich­ten. Es versteht sich von selbst, dass der Diener zu der Überzeugung gelangt, seine Bitte werde Gehör erlangen, wenn der Herr selbst ihm beibringt, wie man Ihn um etwas bitten sollte. Das ist auch der Grund dafür, warum dieses Gebet den Muslimen außergewöhnlich großen Mut einflößte und sie ihren Seelenfrieden inmitten der schlimmsten Verfolgung bewahren ließ. Darüber hinaus lehrte dieses Gebet sie, ihre Leidenschaften zu zügeln und innerhalb der Grenzen zu halten, die in diesem Gebet aufgezeigt sind, so dass sie nicht in die falsche Richtung ausbrachen. Darum ist es auch frei von jeglicher Verbitterung den Feinden gegenüber und weltliche Rachegefühle werden nicht einmal angedeutet. Dies war auch überaus notwendig zu jener Zeit, denn die Muslime mussten sehr harte Prüfungen und materielle Verluste auf sich nehmen und waren unsagbaren Grausamkeiten sowie körperlich und wirtschaftlich starkem Druck ausgesetzt. Infolgedessen zeichnet sich der krasse Gegensatz zwischen den hohen Idealen, die in dem Gebet zum Ausdruck kommen, und der Verfolgung, der die Mu´mins damals ausgesetzt waren, ganz deutlich ab und bringt den hohen Stand ihrer spirituellen und ethischen Erziehung zum Vorschein, die ihnen zu diesem kritischen Zeitpunkt zuteil wurde. Und gleichzeitig wurde damit der hohe Standard sittlichen Verhaltens festgelegt, den jeder wahrhaftig Mu´min zu erlangen trachten sollte. (Mauduudi)

Der Islam erkennt den Menschen so an, wie er ist, mit all seinen Stärken und Schwächen. Er betrachtet ihn weder als Tier noch als Stein, weder als Engel noch als Teufel. Er sieht ihn als eine Einheit aus Körper mit Neigung, Verstand und einer Seele voller Sehnsucht und Verlangen. Er legt ihm nur das auf, was er zu ertragen vermag und schafft eine Ebenmäßigkeit zwischen Belastung und Vermögen, ohne Schwierigkeiten und Mühsal. Allah hat den Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm, gesandt, um den Menschen die Bürde, die er ihnen früher auferlegte, zu erlassen. So entstand eine großmütige Religion, die der menschlichen Natur und ihren Bedürfnissen Rechnung trägt. (Qutb)

Zum Abschluss dieses Gebets führt Siddiqi den folgenden von Dschubeyr ibn Nufeyr überlieferten Ausspruch des Propheten, Friede sei mit ihm, an: "Wahrlich, Allah hat die Suura Al-Baqara mit zwei Ajas beendet, die aus den Schätzen unter Seinem Thron stammen. So lernt sie (auswendig) und lehrt sie eure Frauen, denn sie sind ein Gebet, eine Form der Anbetung, die einen in die Nähe seines Herrn bringt, und ein Bittgebet." (Darimi)

 

Einführung zu Suura 3 Al-'Imraan

Diese Suura ist verwandt mit Suura 2, doch werden die Dinge hier von einem anderen Standpunkt aus behandelt. Die Bezugnahme auf Badr (Ramadan des Jahres 2 nach der Hidschra) und Uhud (Schawwal des Jahres 3 nach der Hidschra) lässt Rückschlüsse auf den Zeitpunkt der Offenbarung dieser Abschnitte zu.

Wie Suura 2 gibt sie einen allgemeinen Überblick über die religiöse Geschichte der Menschheit unter besonderer Bezugnahme auf das Volk der Schriftbesitzer, fahrt dann fort mit einer Beschreibung, wie das neue Volk des Islam erstanden ist mit seinen religiösen Bräuchen, betont dann die Notwendigkeit, für die Sache der Wahrheit einzutreten und zu kämpfen, und ermahnt schließlich jene, die mit dem Islam gesegnet worden sind, standhaft zu bleiben im Islam, um Rechtleitung zu beten und ihre spirituellen Zukunftserwartungen aufrechtzuerhalten.

Die neuen Gesichtspunkte, die dabei entwickelt werden, sind:

1. die Betonung, die hier auf die Pflicht der Christen gelegt wird, das neue Religionslicht anzuerkennen; die Christen werden hier ganz besonders angesprochen, so wie die Juden in der letzten Suura angesprochen wurden;

2. die Lehren, die aus den Schlachten von Badr und Uhud für die Muslim-Gemeinschaft zu ziehen sind; und

3. die Verantwortung der Gemeinschaft sowohl nach innen wie auch in ihren Beziehungen zur Umwelt.

Zusammenfassung:

Nachdem Allah Sein Buch offenbart und dadurch die vorausgegangenen Offenbarungen bestätigt hat, müssen wir es achten und annehmen, seine Bedeutung zu verstehen trachten und die niederen Motive zurückweisen, die. die Wahrheit für jene unannehmbar machen, die den Islam verleugnen. (3:1-20)

Das Volk der Schriftbesitzer besaß nur einen Teil des Buchs. Wenn sie nun das vollständige Buch nicht akzeptieren wollen, dann muss das Volk der Mu´mins sich von ihnen lossagen, und ihr Fall ist damit erledigt. (3:21-30)

Die Geschichte der Familie von 'Imraan führt uns von der Gesetzesordnung Muusas zu den Wundern, die mit der Geburt von 'Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden, und seiner Mission zusammenhängen. (3:31-63)

Allahs Offenbarungen kamen fortlaufend und alle Menschen sind nun dazu aufgerufen, ihre Vervollkommnung im Islam anzunehmen, wobei jegliche Uneinigkeiten zurückzuweisen sind. Die Muslime werden dazu aufgefordert, in Einigkeit und Eintracht zusammenzuhalten. Dafür wird ihnen Sicherheit vor Schaden durch ihre Feinde versprochen und es wird ihnen angeraten, Freundschaft in den Reihen ihrer eigenen Leute zu suchen. (3:64-"120)

Die Schlacht von Badr hat gezeigt, wie Allah den Tapferen hilft und sie beschützt und wie Geduld, Standhaftigkeit und Disziplin belohnt werden: die Lehre aus der Schlacht von Uhud dagegen muss ebenso gezogen werden, nicht durch Abgleiten in Verzweiflung, sondern durch den Einsatz von noch mehr Mut und die Verachtung für Schmerz und selbst den Tod. (3:121-148)

Der unglückliche Ausgang der Schlacht von Uhud ist, wie sich gezeigt hat, auf die Disziplinlosigkeit einiger zurückzuführen, auf die mangelnde Entschlusskraft und Selbstsüchtigkeit anderer, und auf die Feigheit von Seiten der Heuchler. Doch kein Feind vermag der Sache Allahs Schaden zuzufügen. (3:149-180)

Der Spott des Feindes sollte nicht beachtet werden und stattdessen ein aufrichtiges Gebet an Allah gerichtet werden, Der Seinen Dienern Erfolg und Wohlstand zu bescheren vermag. (3:181-200) Die Offenbarung des Qur’ans hat Schritt für Schritt das Gesetz Muusas und das Evangelium 'Isas, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden, bestätigt. Sie ist eine Rechtleitung von Allah und spricht den Verstand an. Wir sollten sie richtig verstehen, ihr Achtung entgegenbringen und an ihre Wahrhaftigkeit fest den Imaan verinnerlichen, ohne uns von jenen, die den Islam verleugnen, ins Wanken bringen zu lassen. Unser Lohn liegt ja doch im Wohlgefallen Allahs, das wir uns durch Standhaftigkeit, Geduld, Disziplin und Güte erwerben können und dadurch, dass wir anderen das Licht darbieten, das wir selbst geschenkt bekommen haben. (Juusuf 'Allii)

 

Al-'Imraan

(Die Familie von 'Imraan)

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Bannherzigen.

1.Alif LaamMiim1

1. Siehe Fußnote 1 zu Suura 2.

Alif, Lam, Mim diese einzelnen Buchstaben können wir so erklären, wie es bei der vorangegangenen Suura getan wurde, dass sie nämlich darauf hinweisen sollen, dass dieses Buch, das jedem arabisch Sprechenden verständlich ist, aus der Art dieser Buchstaben besteht. Diese Erklärung hilft uns, den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Suuras leicht zu verstehen. Während der Hinweis in Suura "Al-Baqara" eine Herausforderung beinhaltet, und zwar den Aja 23 "Und wenn ihr im Zweifel seid über das, was Wir Unserem Diener (als Offenbarung) herabgesandt haben, so bringt (doch) eine Suura gleicher Art hervor und ruft eure Zeugen auf außer Allah, wenn ihr wahrhaft seid", wird hier auf etwas anderes hingewiesen. Es ist dies, dass dieses von Allah herabgesandte Buch aus Buchstaben und Wörtern besteht, wie es auch bei den anderen Büchern Allahs der Fall ist, die von den in dieser Suura besonders angesprochenen "Buchbesitzern" anerkannt werden (Qutb)

 

2. Allah, es gibt keine Gottheit außer Ihm, dem Lebendigen, dem Ewigen2 Erhalter.

2. Hier gibt es eine Trennung im Imaan und in der religiösen Vorstellung zwischen dem Islam und anderen Diins, die auch eine Trennung in der Lebensführung bedeutet. Die klare Vorstellung von der Ewigkeit und Beständigkeit Allahs unterscheidet sich eindeutig von den verstaubten heidnischen Ansichten der Bewohner der Arabischen Halbinsel, Juden und Christen eingeschlossen, denn die Juden deklarierten "Usair" zum Sohn Allahs, während die Christen Allah als einen von drei verehrten. (Qutb)

Siehe auch Fußnote 545 zu Suura 2, Aja 255.

 

3. Er hat dir das Buch mit der Wahrheit herabgesandt als Bestätigung dessen, was vor ihm (offenbart worden) war. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt als Offenbahrung für die Menschen

4. Vorher schon; und er hat herabgesandt (das Buch zur) Unterscheidung3, (zwischen Gut und Böse). Wahrlich, diejenigen, die nicht an die Zeichen Allahs den Imaan verinnerlichen4, denen wird strenge Strafe zuteil. Und Allah ist allmächtig und vermag sehr wohl zu vergelten.5

3. Unterscheidung, das heißt Trennung, Scheidung, Beweis Erleuchtung Allahs, Offenbarung und letztlich der Qur’an. (Darjabaadi)

Dieser Aja weist auf die Tatsache hin, dass alle Bücher, die, die Gesandten Allahs empfangen haben, demselben Ursprung entstammen. Denn es war ja der Einzige, Ewige Allah, der den Qur’an herabgesandt hat, wie zuvor Muusa durch Ihn die Thora und 'Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihnen  beiden, das Evangelium erhielt. In diesem Aja wird auch die Einheit Allahs und die Wahrheit, die, die von Allah herabgesandten Bücher beinhalten, besondern hervorgehoben. Alle diese Bücher haben dieselbe Aufgabe: die Menschen Rechtzuleiten. Dieses Buch (der Qur’an) aber soll eine Entscheidung herbeiführen und Klarheit darüber schaffen, was noch an Wahrheit in den vorangegangenen Büchern Allahs zu finden ist und was von den Besitzern dieser Schriften, teils aus politischen, teils aus ideologischen Gründen, teils auch rein willkürlich entstellt worden ist. (Qutb)

4. Oder: die, die Zeichen Allahs leugnen. (Anmerkung des Übersetzers) 

5. Wörtlich: Und Allah ist allmächtig, Herr der Vergeltung, d.h. Er besitzt das Recht, zu vergelten. (Anmerkung des Übersetzers).