Von Suura 18 "Die Höhle“ Aja 74 -

Suura 20 "Ta Ha"

 

75. Da sprach er: „Habe ich dir nicht gesagt, dass du nicht in der Lage sein wirst, geduldig bei mir auszuharren?"212

 212. Ein weiteres Mal weist ihn der fromme Diener Allahs auf die an ihn gestellte Bedeutung hin und erinnert ihn an das, was er beim ersten Mal versprochen hatte. Doch dieses Mal fügt er das „dir" hinzu, um zu betonen, dass es er selbst war, der auf seiner Begleitung beharrte und seine Bedingung akzeptiert hatte. (Qutb)

 

76. (Muusa) sagte: „Sollte ich dich noch ein weiteres Mal über irgend etwas befragen, so lass mich nicht länger dein Gefährte sein. Denn dann wäre der Punkt erreicht, an dem ich dir verzeihen müsste."213

213. Dann hast du völlig recht, dich von mir zu trennen. (Darjabadi)

Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wird sich dessen bewusst, dass er zweimal wortbrüchig geworden ist und nicht mehr an sein Versprechen gedacht hat, obwohl er bereits einmal ermahnt worden war. So reißt er sich zusammen, um sich nicht selbst den Weg abzuschneiden und um sich eine letzte Chance zu geben. (Qutb)

 

77. So zogen sie also weiter, bis sie eine Stadt erreichten, deren Bewohner sie um Nahrung baten.214 Doch sie weigerten sich, ihnen Gastfreundschaft zu gewähren.215 Und als sie dort eine Mauer landen, die einzustürzen droh da richtete er sie (wieder) auf. (Muusa) sagte: „Wenn du gewollt hättest,216 hättest du Lohn dafür nehmen können!"217

214. Anders als moderne Städte, hatte jener Ort keine Hotels oder Restaurants, und nach der Moralvorstellung der damaligen Zeit wären die Einwohner verpflichtet gewesen, die Fremden zu bewirten und ihnen ihre Gastfreundschaft anzubieten. (Darjabadi)

215. Dies war ein grober Verstoß gegen die gesellschaftliche Norm der damaligen Zeit und wurde gewöhnlich streng geahndet. (Darjabadi)

216. Da ihnen die Gastfreundschaft verweigert wurde, hätten sie als Leute mit Selbstachtung auf irgendeiner Weise ihr Befremden zum Ausdruck bringen sollen. Stattdessen geht Hidr tatsächlich hin und tut eine gute Tat. Er baut für sie eine einstürzende Mauer wieder auf und verlangt nicht einmal ein Entgelt dafür. (Juusuf `Allii)

217. Dann hätten wir diese rücksichtslosen Menschen wenigstens unser Befremden über ihr Verhalten spüren lassen können. (Darjabadi)

 

78. Da sagte er: „Nun muss ich mich von dir trennen.218 Doch ich werde dir die Deutung dessen geben, weswegen du nicht Geduld bewahren konntest.219

218. Wie zuvor vereinbart. (Darjabadi)

219. Nun werde ich dich von der Weisheit, die in den drei Begebenheiten steckt und die du mir übel nahmst, in Kenntnis setzen. In einem Hadis steht: „Allah sei meinem Bruder Muusas, Allahs Segen und Frieden auf ihm, gnädig. Ich wollte er hätte sich in Geduld gefasst, damit uns Allah mehr von ihnen erzählt hätte. Denn wäre bei seinem Gefährten geblieben, so hätte er noch mehr Wundersames zu sehen bekommen". (Safwat Al-Tafaasir)

Die Geschichte und ihre Interpretation ist mit sparsamen Worten wiedergegeben worden. Es lohnt sich, nach ihrem Sinn in Begriffen unserer eigenen inneren und äußeren Erfahrungswelt zu suchen. (Juusuf `Allii)

 

79. Was das Schiff angeht, so gehörte es sehr armen Leuten, die damit ihrem Erwerb auf dem Meer nachgingen.220 Ich wollte es unbrauchbar machen,221 denn es war ein König hinter ihnen her,222 der jede Schiff mit Gewalt an sich nahm.223

220. Sie verdienten damit ihren Lebensunterhalt. (Darjabadi)

221. Wörtlich: „einen Schaden daran verursachen", das heißt es vorübergehend betriebsunfähig zu machen. (Asad)

222. Hidr konnte sehen, was die Eigentümer des Schiffes nicht sehen konnten. (Darjabadi)

223. Die Schiffseigentümer waren sehr froh, vielleicht verarmt, nachdem sie in besseren Verhältnissen gelebt hatten, und verdienten um so größeres Mitgefühl, als sie ehrliche Arbeit dem Betteln vorzogen. Sie konnten nicht wie Hidr wissen, dass ihr Schiff - vielleicht ein neues - von einem Tyrannen dazu ausersehen worden war, beschlagnahmt zu werden, möglicherweise zu kriegerischen Zwecken. Wenn diesen ehrlichen Menschen das Schiff weggenommen werden wäre, dann wäre ihnen wirklich nichts anderes übrig geblieben als zu betteln. Durch einige schlichte Handgriffe wurde es vorübergehend unbrauchbar gemacht und davor bewahrt, beschlagnahmt zu werden. Sobald die Gefahr vorüber war, konnten seine Eigentümer es reparieren. Möglicherweise bezahlte Hidr großzügig für seine Überfahrt, und was grausam erschien, war in Wirklichkeit der größte Freundschaftsdienst, der unter diesen Umständen möglich war. (Juusuf 'Allii)

Dies war ein weit geringerer Schaden als der, der entstanden wäre, wenn jener ungerechte, gewalttätige Herrscher das Schiff beschlagnahmt hätte. (Qutb)

 

80. Und war den Jungen angeht, so hatte er Eltern, die mu’min waren,224 und wir fürchteten,225 dass er sie in Kummer stürzen würde226 durch Auflehnung und Kufr.

224. Und der Junge wäre als Kafir herangewachsen. (Darjabadi)

225. Der Wechsel vom gewöhnlichen Singular „Ich" zum Pluralis majestatis weist auf volle Absicht und Überzeugungskraft des Sprechers hin. (Darjabadi)

Über die wörtliche Bedeutung „wir fürchteten" hinaus bedeutet das Wort “haschinaa“ manchmal auch „wir hatten Grund zu der Befürchtung", dass nämlich ein bestimmtes Ereignis eintrifft. Wir können also mit Recht annehmen, dass der Ausdruck der „Befürchtung" des Weisen gleichbedeutend mit positivem Wissen war, das er durch äußeres Beweismaterial oder durch mystische Einsicht gewonnen hatte, wobei letzteres wahrscheinlicher ist, wie aus seiner Aussage unten in Aja 81 hervorgeht. (Asad)

 

81. So wollten Wir,227 dass ihnen ihr Herr als Ersatz einen (Sohn) gibt, der reiner und gütiger zu ihnen ist als er.228

226. Wegen ihrer großen Liebe zu ihm. (Darjabadi)

Auf den ersten Blick schien diese Handlung noch grausamer als das Versenken des Schiffes. Aber auch die Gefahr war größer. Hidr wusste, dass dieser junge Bursche ein potentieller Elternmörder war. Seine Eltern waren ehrwürdige, mutaqi Leute, die ihn mit viel Liebe aufgezogen hatten. Anscheinend ist er dann auf Abwege geraten. Siehe auch Fußnote 229. (Juusuf 'Allii)

227. Indem wir dem Leben des Jungen ein Ende machten. (Darjabadi)

228. Dieser Sohn war praktisch ein Gesetzloser, eine Gefahr für die Öffentlichkeit und eine besondere Sorge für seine rechtschaffenen Eltern. Dennoch wäre diese summarische Bestrafung ungerechtfertigt gewesen, wenn Hidr aus eigenem Antrieb gehandelt hätte. Aber Hidr handelte nicht aus eigenem Antrieb: siehe den letzten Teil des folgenden Ajas. Auch der Plural „wir" deutet darauf hin. Er handelte mit höherer Vollmacht und beseitigte eine öffentliche Gefahr, die den Eltern ständig Trauer und Demütigungen bereitete. Diesen wurde ein Sohn versprochen, der sich besser verhalten und sie liebevoll umsorgen würde. (Juusuf 'Allii)

Wenn die Angelegenheit auf menschliches Wissen beschränkt geblieben wäre, dann wäre nur der äußere Anschein zum Tragen gekommen, und er hätte keine Ermächtigung gegen ihn gehabt, nachdem er sich nichts zuschulden kommen ließ. Niemandem außer Allah oder einem besonders von Ihm bevollmächtigten und beauftragten Diener steht es zu, über verborgene Natur eines Menschen zu urteilen. Dazu gehört mehr Wissen als der äußere Anschein, wie es auch für die Anwendung des Rechts notwendig ist. (Qutb)

 

82. Und was die Mauer229 angeht, so gehörte sie zwei Waisenknaben aus der Stadt, und darunter ein Schatz,230 der ihnen beiden gehörte.231 Und ihr Vater war immer ein tugendhafter (Mann) gewesen,232 und dein Herr wünschte, dass sie ihre Volljährigkeit erreichen233 und ihren Schatz selbst herausholen sollten - als eine Gnade deines Herrn. Ich habe (all) das nicht aus eigenem Ermessen getan.234 Dies ist die Deutung dessen, was du nicht geduldig ertragen konntest."235

229. Die ich ohne Entgelt wieder aufgerichtet hatte. (Safwat Al-Tafaasir)

230. In der Erde vergraben. (Darjabadi)

231. Den er ihnen als Erbe hinterlassen hatte. Wahrscheinlich wäre dieser Schatz sichtbar geworden, wenn die Mauer eingestürzt wäre, und jene gierigen und geizigen Leute, die den Reisenden gegenüber ihr wahres Gesicht gezeigt hatten, hätten ihn gestohlen. (Asad)

232. Der Schatz war von einem rechtschaffenen Mann zusammengetragen und dort vergraben worden. Er war in keiner Weise unrechtmäßig erworben, und der Vater hatte ihn ausschließlich im Interesse seiner nun verwaisten Kinder vergraben. Beabsichtigt war, dass die Waisen volljährig werden und dann in den Genuss ihres Erbes kommen sollten. Ebenso war zu erwarten, dass sie rechtschaffene Menschen wie ihr Vater werden würden, so dass sie den Schatz für gute Zwecke verwenden und die Sache der Rechtschaffenheit in dieser bösen Stadt fördern würden. In allen drei Fällen waren also die Interessen einzelner mit öffentlichen Interessen verknüpft. (Juusuf 'Allii)

In diesem Satz liegt ein Hinweis darauf, dass die Taten eines tugendhaften Menschen für seine Nachkommen aufbewahrt werden. Der Segen seiner Handlungen umfasst sie sowohl im Diesseits als auch im Jenseits durch seine Fürbitte, die er für sie einlegen darf. (ibn Kasir)

233. „Das Alter ihrer Vollkraft": vergleiche auch Suura 17:34 und die entsprechende Fußnote. (Juusuf 'Allii)

234. Wer nicht aus Willkür oder eigenen Impulsen handelt, sondern mit höherer Autorität, der ist dem Tadel der Masse für Handlungen größter Weisheit und Nützlichkeit ausgesetzt. Auf menschlicher Ebene ist vieles unerklärlich, was auf universaler Ebene höchster Weisheit entspricht. (Juusuf 'Allii)

Ich tat alles nach Allahs Anweisung. (Darjabadi)

Alles, was er getan hatte, geschah unter dem Antrieb der höheren Wahrheit - der mystischen Einsicht, die ihm die Wirklichkeit hinter den äußeren Erscheinungsformen offenbarte und ihn zu einem bewussten Teil in Allahs unerforschlichem Plan machte. Dies erklärt auch den Plural „wir" in den Ajas 80-81 sowie die direkte Rückführung einer konkreten menschlichen Handlung auf Allahs Willen in Aja 82 oben. (Asad)

235. Ein ernsthaftes Problem stellt sich in Verbindung mit dieser Geschichte: zwei der drei Handlungen Hidrs verletzten offensichtlich die Gebote, die seit der Schöpfung des Menschen in Kraft sind. Kein Gesetz gibt irgendjemandem das Recht, dem Eigentum eines anderen Schaden zuzufügen oder einen Unschuldigen zu töten, selbst dann nicht, wenn durch Offenbarung gekannt würde, dass ein Tyrann ein bestimmtes Schiff beschlagnahmen oder ein gewisser Junge in Kufr und Rebellion verstrickt werden würde. Wenn wir also antworten, Hidr habe diese Handlungen auf Allahs Geheiß hin begangen, dann ist damit das Problem nicht gelöst, denn die Frage ist nicht „Auf wessen Geheiß hat Hidr diese Taten begangen?" sondern „Was war das Wesen dieser Befehle?" Dies ist wichtig, denn Hidr handelt nach Allahs Gebot, wie er auch selbst sagt. Dass er nicht aus eigenem Antrieb handelte, sondern durch Allahs Gnade dazu bewegt wurde, Allah selbst bezeugt, indem Er sagt: „Wir gaben ihm Wissen von Uns Selbst." Die Frage nach dem Wesen der Gebote bleibt jedoch immer noch offen, denn offensichtlich waren sie nicht rechtmäßig, weil es nach keinem Gesetz Allahs und auch nach den Grundsätzen des Qur’an nicht erlaubt ist, jemanden ohne Nachweis seiner Schuld zu töten. Wir müssen also zugeben, dass diese Gebote zu jenen Entscheidungen Allahs gehören, nach denen sich ein Kranker erholt, während ein anderer stirbt. In diesem Falle müssen wir zu der Schlussfolgerung kommen, dass Hidr ein Engel oder ein ähnliches Geschöpf Allahs war, der nicht an die Gesetze gebunden ist, die für Menschen gelten. Die Frage nach rechtmäßig oder unrechtmäßig in diesem Sinne stellt sich für Engel nicht, denn sie gehorchen Allahs Befehlen, ohne persönliche Macht zu haben. Auch aufgrund von Inspiration oder Intuition darf ein Mensch nicht dem Gesetz zuwiderhandeln, und niemand kann sich darauf berufen, auf geheime Weise über die Weisheit einer unrechtmäßigen Handlung informiert und durch Inspiration dazu aufgefordert worden zu sein. (Maududi)

 

Abschnitt 11

83. Und sie befragen dich über Sul-Qarnain.236 Sprich: „Ich will euch etwas von seiner Geschichte berichten.“237

236. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wurde nach der Geschichte dieses Mannes gefragt und Allah offenbarte ihm das, was wir hier lesen. Eine andere Quelle als den Qur’an haben wir diesbezüglich nicht. Somit steht uns nicht zu, sie ohne genaueres Wissen auszudehnen. Und obwohl es in einigen Qur’ankommentaren manche Erzählungen darüber gibt, müssen wir feststellen, dass sie sich auf keine Gewissheiten stützen. Daher sollten sie mit Vorsicht genossen werden. (Qutb)

Wörtlich: „der Zweihörnige", der König mit den beiden Hörnern oder der Herrscher der beiden Zeitalter. Wer war er? In welcher Zeit oder wo lebte er? Der Qur’an gibt uns kein Material, auf das wir eine positive Antwort aufbauen könnten. Dies ist auch nicht notwendig, denn die Geschichte hat hier die Funktion einer Parabel. Der Volksglaube identifiziert Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, mit Alexander dem Großen, einem antiken Perserkönig oder einem prähistorischen Himjaritenkönig. Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, war ein äußerst mächtiger König, aber es war Allah, der ihm Seinem allumfassenden Plan entsprechend die Macht verliehen und ihn mit den Mitteln ausgestattet hatte, seine Aufgabe zu erfüllen. Er herrschte über Ost und West und über Völker verschiedener Kulturen. Er war gerecht und rechtschaffen, nicht gierig oder eigennützig. Er schützte die Schwachen und strafte die Gesetzlosen und die Gewalttätigen. Im Text werden drei seiner Expeditionen geschildert, die jeweils einen großen ethischen Gedanken veranschaulichen, der mit Herrschaft oder Macht verbunden ist. (Juusuf `Allii)

Das einleitende „und" verbindet diese Geschichte mit den beiden vorigen von den Schläfern in der Höhle und von Muusa und Hidr, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden. Alle drei waren Antworten auf herausfordernde Fragen der kafir Mekkaner, die nach Rücksprache mit Juden und Christen den Prophet Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, auf diese Weise „testen" wollten.

Die Identität Sul-Qarnains, Allahs Segen und Frieden auf ihm, hat zu zahlreichen Kontroversen geführt. Im allgemeinen haben die Kommentatoren angenommen, er sei Alexander der Große, aber die Eigenschaften, die der Qur’an erwähnt, sind auf diesen nicht anwendbar. Es kann sich auch um Cyrus gehandelt haben, aber die bisher erforschten historischen Tatsachen machen eine endgültige Aussage unmöglich. Vergleiche hierzu die Vision Daniels in Daniel 8:3-20. Cyrus ist der einzige antike Herrscher und Eroberer, der selbst von seinen Feinden seiner Gerechtigkeit wegen gelobt wurde, und der im Buch Esra in der Bibel als Gottesdiener bezeichnet wird. (Maududi)

237. Wörtlich: „ich werde euch eine Erinnerung (oder Erwähnung) von ihm übermitteln", das heißt etwas, das der Erwähnung wert ist. Dies spielt meiner Ansicht nach auf den parabolischen Charakter der folgenden Geschichte an sowie auf die Tatsache, dass sie wie die vorige Geschichte von Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und dem unbekannten Weisen auf einige wenige grundlegende geistige Wahrheiten beschränkt ist. Das Wort „Qarn" bedeutet sowohl „Horn" als auch „Zeitalter" oder „Generation". Die klassischen Kommentatoren neigen zu ersterer Interpretation („der Zweihörnige") und scheinen damit von der altorientalischen Vorstellung von „Hörnern" als Symbol für Macht und Größe beeinflusst zu sein, obwohl der Qur’an selbst keine Grundlage für diese Interpretation bietet. Vielmehr erscheint der Betriff „qarn" oder dessen Plural „quruun" abgesehen von der Verbindung in dieser Suura zwanzigmal, und zwar immer in der Bedeutung „Generation" im Sinne von Menschen, die einem bestimmten Zeitalter und einer bestimmten Kultur angehören. Da die Allegorie von Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, die Eigenschaften eines gerechten und mächtigen Herrschers veranschaulichen soll, ist es möglich, dass es sich bei dieser Bezeichnung um ein Echo der alten Symbolik handelt. In diesem Zusammenhang könnten die beiden Hörner die beiden Quellen der Macht bezeichnen, die Sul-Qarnain zur Verfügung gestanden haben sollen, nämlich irdische Macht und Herrschaft sowie die geistige Kraft, die aus seinem Iman an Allah stammt. Aufgrund letzterer ist es durchaus möglich, dass diese Allegorie nichts mit Geschichte oder auch nur mit Legenden zu tun hat und dass einziges Ziel das ist, Iman und Ethik mit besonderer Bezugnahme auf das Problem irdischer Macht zu erläutern. (Asad)

 

 

84. Wahrlich, Wir statteten ihn mit Macht und Ansehen auf Erden aus und gaben ihm in jeder Hinsicht Mittel und Wege.238

238. Das heißt Wissen oder die Mittel zum Wissen. (Safwat al Bajaan)

„Sabab": „Mittel und Wege (in allen Dingen)". Seine Macht war groß und ebenso seine Möglichkeiten, die er für die Gerechtigkeit einsetzte. Er erkannte jedoch, dass Macht und Möglichkeiten ihm von Allah anvertraut waren. Er war mu’min und vergaß Allah nicht.

(Juusuf `Allii)

„Sabab" bedeutet in diesem Zusammenhang die Kenntnis der richtigen Mittel, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. (Asad)

 

85. So bediente er sich dieser Mittel,239

239. Wörtlich: „er folgte dem (rechten) Mittel", das heißt er wandte niemals falsche Mittel an, um ein an sich gerechtes Ziel zu erreichen. (Asad)

 

86. Bis er den Sonnenuntergang erreichte,240 und es erschien ihm,241 als ob sie In einer schlammigen Quelle unterging.242 Und er stieß dort auf ein Volk.243 Wir sprachen:244 „O Sul-Qarnain! Du kannst sie entweder bestrafen oder ihnen Gutes zuteil werden lassen."245

240. Dies bedeutet, dass er den entferntesten Punkt in westlicher Richtung, zu dem er je reisen konnte, erreichte, und zwar auf der Erde und nicht im Himmel,, wie manche Erzähler behaupten. (ibn Kasir)

Dies ist die Stelle am Horizont, hinter der sich die Sonne für den Zuschauer versteckt, was natürlich für jeden verschieden ist. Während für die einen diese Stelle hinter einem Berg liegt, ist sie für die anderen hinter Ozeanen oder Meeren oder hinter den Sandflächen in der Wüste. (Qutb)

Die Stelle, an der die Sonne untergeht. (Al-Dschalalain)

Das äußerste westliche Ende der zu seiner Zeit bewohnten Erde. (Safwat Al-Bajaan)

Die erste der drei hier erwähnten Episoden ist seine Reise nach Westen. „Am Untergang der Sonne ankommen" bedeutet nicht, dass er den äußersten Westen erreicht hatte, denn so etwas gibt es nicht. Osten und Westen sind relative Begriffe. Es bedeutet, dass die Expedition nach Westen durch eine „schlammige Quelle" ein Ende fand. Dies hat die Kommentatoren verwirrt, und sie haben dies für den finsteren, stürmischen Ozean gehalten.

241. „Wadschada" hat zwei verschiedene Bedeutungen: „er fand" und „er nahm wahr". Hier ist es in letzterem Sinne gebraucht, so dass der Satz bedeutet: „es erschien ihm, als ob die Sonne... unterging". (Darjabadi)

242. Wie es dem, der sich auf dem Meer befindet, erscheint, dass die Sonne hinter dem Ozean untergeht, so erschien es Sul-Qarnain, als ob die Sonne in einer finsteren tiefen Grube unterginge. (Asad)

Das wahrscheinlichste ist, dass dies eine Flussmündung war, an der sich das Gras häuft. Dort steht meistens ein klebriger Schlamm. (Qutb)

“'Ayn“ bedeutet in erster Linie „Quelle"; es bedeutet aber auch „Wassermenge". „Wadschadahaa" habe ich mit „es schien ihm, als ob (sie unterging)" übersetzt. Vergleiche Rasi und ibn Kasir, die beide drauf hinweisen, dass es sich hier um eine Metapher handelt, die auf der optischen Täuschung beruht, dass die Sonne „im Meer versinkt", und Rasi erklärt dies ganz korrekt damit, dass die Erde rund ist (seinen Angaben zufolge wurde diese Klärung bereits in dem -jetzt verloren gegangenen - Qur’ankommentar von Abu `All Al-'Ubayy, einem mu`tasilitischen Gelehrten zu Beginn des 10. Jahrhunderts n. Isa., angeführt). (Asad)

243. Ein mächtiges Volk. (ibn Kasir)

Ein frevelhaftes Volk. (Al-Dschalalain)

Ein Volk, das ungerechte Handlungen aller Art beging. (Asad)

244. War dies eine Offenbarung von Allah oder erkannte er die Lage der Dinge, als Allah ihn gegen dieses Volk einsetzte? (Qutb)

245. Nachdem Allah ihn die Macht über sie gewinnen ließ und er sie besiegte, stellte Er ihn vor die Wahl, sie entweder zu töten oder gefangen zu nehmen, oder aber ihnen die Freiheit zu schenken. (ibn Kasir)

Er war mächtig und hatte große Möglichkeiten. Hier bekam er Autorität über ein wildes, unruhiges Volk. Würde er mit den Menschen streng umgehen und sie strafen, oder würde er um jeden Preis Frieden suchen, das heißt Gewalt und Unrecht tolerieren, solange sie nicht an seiner Macht rüttelten? Er wählte noch etwas Besseres, wie aus dem nächsten Aja hervorgeht. Um die Schwachen und Unschuldigen zu schützen, strafte er die Schuldigen, aber der dachte stets daran, dass die wahre Strafe im zukünftigen Leben fällig wird - die wahre und endgültige Gerechtigkeit vor Allahs Thron. (Juusuf `Allii)

Diese Erlaubnis Allahs, zwischen zwei möglichen Vorgehensweisen zu wählen, ist nicht nur ein Ausdruck für die Willensfreiheit, die Allah dem Menschen gegeben hat, sondern begründet auch das wichtige Rechtsprinzip des „Istichsaan" (Suche nach der am besten durchführbaren Möglichkeit), das einem Regierenden ermöglicht zu entscheiden, was zum größten Nutzen der Gesellschaft führt. Dies ist die erste „Lehre" aus dieser Geschichte. (Asad)

 

87. Und er sprach:246 „Was den angeht, der unrecht getan hat, so werden wir ihn alsbald bestrafen. Alsdann wird er zu seinem Herrn zurückkehren,247 und Er wird ihn einer entsetzlichen Strafe unterwerfen.248

246. Hier proklamiert Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, sein Grundgesetz, das er in den Ländern anwendete, die er erobert und die Allah seiner Macht unterstellt. (Qutb)

Vergleiche Suura 11:117 und die entsprechende Fußnote. (Asad)

247. Obwohl er der mächtigste König war, erinnerte er sich daran, dass seine Macht nur menschlich war und dass sie von Allah stammte. Seine Strafmaßnahmen waren nur vorübergehend, um das Gleichgewicht dieses Lebens zu erhalten, soweit er es wahrnehmen konnte. Selbst wenn es sich um die Todesstrafe handelte, war dies nicht zu vergleichen mit den geistigen Folgen eines Verbrechens gegenüber Allahs endgültiger Gerechtigkeit.

(Juusuf `Allii)

 

248. In der Hölle. (Al-Dschalalain)

Das heißt im zukünftigen Leben. Nichts, was damit verbunden ist, kann jemals in menschlichen Begriffen oder Vorstellungen ausgedrückt werden. (Asad)

 

88. Und was den angeht, der gute Werke getan hat, dem soll eine schöne Belohnung zuteil werden, und unsere Gebote, die Wir ihm erteilen, werden leicht (erfüllbar) sein."249

249. Da rechtschaffenes Handeln eine Norm ist, die vom Menschen zu erwarten sein sollte, dürfen die darauf bezogenen Gesetze nicht zu große Anforderungen stellen. Dies ist eine weitere Lehre, die wir aus dieser Parabel ziehen sollen. (Asad)

Er sagte niemals wie Pharao: „Ich bin euer höchster Herr" (vergleiche Suura 79:24). Ganz im Gegenteil waren seine Strafmaßnahmen bescheiden mit Rücksicht darauf, dass sie nicht endgültig waren, und er legte mehr Gewicht auf das Gute, das er denen tun konnte, die in Rechtschaffenheit ein normales Leben führten. Er missbrauchte seine Macht nicht, um ihnen schwere Verpflichtungen aufzuerlegen, sondern gab Reichen und Armen gleichermaßen die Möglichkeit, ihre guten Fähigkeiten zu üben. Diese geistige Lehre ist aus der ersten Episode dieser Geschichte zu entnehmen. (Juusuf `Allii)

Dies sind die Grundsätze jeder mutaqi Regierung. Ein jeder rechtschaffene Mu’min sollte sowohl Edelmut als auch Erleichterungen bei seinem Herrscher finden. Einem ungerechten Missetäter hingegen muss die schärfste Bestrafung zugewiesen werden. (Qutb)

 

89. Alsdann250 schlug er einen (anderen) Weg ein,251

250. Der Partikel “Tummach“ wird meistens als eine Konjunktion gebraucht, die eine zeitliche oder ordnungsmäßige Abfolge bezeichnet (dann, danach, daraufhin und so weiter, gelegentlich aber auch als gewöhnliche Verbindung wie "und". In einem anderen Zusammenhang -wie es im Qur’an sehr oft vorkommt - hat es die Bedeutung einer wiederholten Betonung, Eine Anspie­lung auf etwas, das bereits festgestellt wurde und jetzt wiederum hervorgehoben werden soll. (Asad)

251. Diesmal ging die Reise nach Osten. (Darjabadi)

 

90. Bis er den Sonnenaufgang erreichte252 und er fand, dass sie über einem Volk aufging, für das Wir keinen Schutz vor ihm geschaffen hatten.253

252. „Sonnenaufgang" hat eine Bedeutung analog zu „Sonnenuntergang" in Aja 86; siehe die entsprechende Fußnote. (Juusuf `Allii)

Dies ist der östlichste Punkt seiner Expedition. (Asad)

253. Sie hatten weder Schutz in Form von Kleidung noch in überdachten Behausungen. Ihr Land konnte keine Gebäude tragen, so verkrochen sie sich tagsüber in unterirdischen Gewölben, die sie erst am Nachmittag verließen. (Al-Dschalalain)

Es muss sich dabei um ein offenes, bloßes Land gehandelt haben, wo es keinen Schutz vor der Sonne gab, weder Berge noch Bäume, so dass die Menschen unmittelbar der Sonneneinstrahlung ausgesetzt waren. Diese Beschreibung trifft auf Wüsten und weite ungeschützte Landstriche zu, jedoch kann mit diesen Angaben das Land geographisch nicht lokalisiert werden; wir wissen nur, dass es im fernsten Osten gelegen haben muss. (Qutb)

Die Menschen führten ein einfaches Leben. Möglicherweise herrschte dort ein heißes Klima, so dass sie weder Dächer noch viel Kleidung brauchten. Wie verfuhr er mit Ihnen?

(Juusuf `Allii)

 

91. So war es.254 Wir umfassten all seine Angelegenheiten mit Wissen.255

254. „So (wie Wir sie erschaffen hatten, so verließ er sie)" - dies ist Rasis Interpretation des allein stehenden Ausdruckes „kadaalika" („so" oder „so war es"), wie er hier verwendet wird. Dies bezieht sich offensichtlich auf den primitiven Zustand dieser Menschen, die keine Kleider brauchten, die sie vor der Sonne schützten, und auf die implizierte Tatsache, dass Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, sie so zurückließ, wie er. sie gefunden hatte, sorgsam darauf bedacht, nicht ihre Lebensweise zu stören und sie ins Elend zu stürzen. (Asad)

255. Er machte viel Aufhebens über ihren primitiven Zustand, sondern ließ sie in Frieden, so dass sie auf ihre eigene Weise ihr Leben führen konnten. Damit verhielt er sich weise. Macht verführt zu Intoleranz und Arroganz und zur Einmischung in alles, was nicht im Einklang mit der eigenen Größe steht. Dies war bei Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, nicht der Fall. Er erkannte seine eigenen Grenzen vor Allah. Der Mensch begreift seine eigene Position niemals vollkommen; wenn er aber ehrfürchtig zu Allah aufschaut, wird er leben und leben lassen. Dies ist die geistige Lehre aus der zweiten Episode. (Juusuf `Allii)

Nachdem zuvor Su1-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, seine Grundsätze proklamiert hatte, werden sie hier nicht wiederholt, auch nicht die Art seines Handelns auf seiner östlichen Reise, da sie hinlänglich bekannt ist. (Qutb)

Allah wusste alles über Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und auch über sein Heer, so immer sie sich auch befinden mochten. (ibn Kasir)

 

92. Als dann schlug er (wieder) einen (anderen) Weg ein,256

256. Diesmal ist keine Richtung angegeben. (Darjabadi)

 

93. Bis er, als er (eine Gegend) zwischen zwei Gebirgen erreichte,257 unterhalb von ihnen ein Volk vorfand, das kaum ein Wort verstehen konnte.258

257. „Sadd" bedeutet sowohl „Barriere" als auch „Gebirge". Letzteres ist hier gemeint. (Darjabadi)

Es waren zwei Gebirge, die parallel zueinander verliefen, und von deren Öffnung aus Dschuudsch und Maadschuudsch das Land der Türken überfielen. Dabei stifteten sie viel Unheil und machten alles dem Erdboden gleich. (ibn Kasir)

Es wird vermutet, dass es sich hier um den Kaukasus handelte. Da jedoch weder im Qur’an noch in authentischen Überlieferungen etwas über die geographische Lage dieser beiden „Gebirgsbarrieren" oder die dort lebenden Völker ausgesagt ist, können wir beruhigt alle Spekulationen der Kommentatoren zu diesem Thema als irrelevant beiseitelassen, zumal die Geschichte lediglich bestimmte ethische Prinzipien veranschaulichen soll. (Asad)

258. Dies soll nicht bedeuten, dass sie keine Sprache hatten. Sie verstanden lediglich nicht die Sprache der Eroberer. Diese hatten jedoch Dolmetscher bei sich. (Juusuf `Allii)

Da ihre Sprache unverständlich war und sie sich von den Menschen fernhielten. (ibn Kasir)

Es war ein zurückgebliebenes Volk. (Qutb)

 

94. Sie sagten: „O Sul-Qarnain! Wahrlich, Dschuudsch und Maadschuudsch259 stiften Unheil auf Erden.260 Sollen wir dir also Tribut zahlen, damit du zwischen uns und ihnen einen Wall errichtest?"

259. Sie sahen in ihm den mächtigen Eroberer und erkannten Rechtschaffenheit in ihm. Deshalb baten sie ihn, sie vor den Angreifern Dschuudsch und Maadschuudsch zu schützen. (Qutb)

Wer waren die Völker Dschuudsch und Maadschuudsch? Diese Frage ist eng mit der Frage nach Sul-Qarnains, Allahs Segen und Frieden auf ihm, Identität verknüpft. (Juusuf `Allii)

260. Indem sie plündern und zerstören und unser Land verwüsten. (Darjabadi)

Verschiedene Völker aus Innerasien sind im Laufe der Zeit mit Dschuudsch und Maadschuudsch identifiziert worden. (Maududi)

Die beiden Völker werden in der Bibel (Genesis 10:2; 1. Chronik 1:5; Hesekiel 33:2 und 39:6; Johannesoffenbarung 20:8) andeutungsweise erwähnt. Die meisten nachklassischen Kommentatoren identifizieren sie mit den Mongolen oder Tataren. (Asad)

 

95. Da sagte er: „Das, womit mich mein Herr versehen hat, ist weitaus besser.261 So helft mir also mit (eurer Arbeitskraft. Ich will zwischen euch und ihnen einen Schutzwall errichten.262

261. Gemäß seinen frommen Grundsätzen Schluss er ihr Angebot, Tribut zu zahlen, zurück. Stattdessen baute er ihnen den Wall unentgeltlich. (Qutb)

Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  war nicht gierig und wollte nicht, dass von diesem fleißigen Volk ein Tribut erhoben wurde. Er verstand, dass mit der Macht, die Allah ihm gegeben hatte, Pflichten und Verantwortung seinerseits verbunden waren - die Pflicht, seine Untertanen zu schützen, ohne ihnen eine zu große Steuerlast aufzuerlegen. Er würde die Antriebskraft und das organisatorische Geschick zur Verfügung stellen. Würden sie ihm dann gehorchen und Material und Arbeitskraft beitragen, so dass sie die Lücke mit einer starken Barriere und möglicherweise gut gesicherten Toren schließen konnten? Das Wort „Radm" bedeutet nicht unbedingt „Wand", sondern eher eine blockierte Tür.

(Juusuf `Allii)

Allgemein wird angenommen, dass der Satz „das, was mein Herr mir gegeben hat, ist besser" sich auf seine Macht und seinen Reichtum ziehen. Viel wahrscheinlicher ist jedoch - und sicherlich mehr im Einklang mit dem Tenor dieser Parabel - dass es sich auf Allahs Rechtleitung bezieht. (Asad)

262. Sie sollten ihm nur mit ihrer materiellen sowie ihrer Muskelkraft helfen. (Qutb)

Diese Menschen unterschieden sich in Sprache und Nationalität von ihren Eroberern, waren jedoch nicht ganz primitiv, denn sie konnten Metall bearbeiten und Blöcke aus Eisen herstellen sowie Blei schmelzen. Allem Anschein nach handelt es sich um ein fleißiges, friedliebendes Volk, das unter den Einbrüchen von Dschuudsch und Maadschuudsch sehr zu leiden hatte. (Juusuf `Allii)

 

96. Schafft mir Blöcke aus Eisen her bei."263 Als er dann den Platz zwischen den beiden Abhängen ausgefüllt hatte, sagte er: „Facht (es) an!"264 Und als er es schließlich zum Glühen gebracht hatte, sprach er: „Bringt mir geschmolzenes Kupfer herbei,265 damit ich es darüber gießen kann."

263. Die er in der Öffnung zwischen den beiden Bergen auftürmte. (Qutb)

Meinem Verständnis nach handelt es sich um eine starke Eisenbarriere mit eisernen Toren, deren Pfosten aus Eisenblöcken bestanden und deren Zwischenräume mit geschmolzenem Blei gefüllt wurden, so dass sie eine undurchdringliche Metallmasse bildeten. Möglicherweise gab es auch eine Steinmauer, aber das wird nicht erwähnt. (Juusuf `Allii)

264. „(Entzündet ein Feuer) Und blast mit euren Blasebälgen". (Asad)

„Sie machten es (rot) wie Feuer": worauf bezieht sich das „es"? Wahrscheinlich auf das Eisen, das in Blöcken oder Barren mit dem geschmolzenen Kupfer verschweißt werden sollte. (Juusuf `Allii)

265. Wenn Eisen mit geschmolzenem Kupfer durchsetzt wird, verleiht ihm das noch mehr Stärke. Diese Methode wird neuerdings angewendet, nachdem man entdeckt hat, dass die Härte des Eisens damit vervielfacht werden kann. (Qutb)

 

97. So konnten sie es weder übersteigen, noch konnten sie es durchbohren.266

266. Die eiserne Wand mit ihren Toren und Türmen war hoch genug, dass sie nicht erstürmt werden konnte, und stark genug, dass sie nicht durchbohrt werden konnte. (Juusuf `Allii)

Mit „sie" sind Dschuudsch und Maadschuudsch gemeint. Sie konnten es aus zwei Gründen nicht übersteigen: Wegen seiner Höhe und der Glätte seiner Wände. Und das Durchbohren war wegen seiner Härte und seiner Dicke unmöglich. (Al-Dschalalain)

 

98. Da sagte er:267 „Dies ist ein Gnadenerweis meines Herrn."268 Doch wenn das versprochene Ereignis meines Herrn269 eintrifft, wird Er sie zu Staub machen.270 Und das Versprechen meines Herrn ist wahr."271

267. In Dankbarkeit Allah gegenüber, nachdem die Arbeit getan war. (Darjabadi)

268. Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  übernimmt diese Aufgabe, ist jedoch weder stolz auf seine Leistung noch größenwahnsinnig aufgrund seiner Kraft und seines Wissens, sondern er denkt an Allah, dankt Ihm und führt seine Handlung auf Ihn zurück. Denn durch Allahs Kraft hat er gewirkt. (Qutb)

Barmherzigkeit Allahs in zweifachem Sinne: einmal für den König selbst, so dass er in der Lage war, diese Mauer zu errichten, und zweitens für die friedliebenden Einwohner dieser Gegend. (Darjabadi)

269. Wörtlich: „das Versprechen meines Herrn", das heißt der von meinem Herrn bestimmte Zeitpunkt. (Asad)

270. Alle solch menschlichen Vorsichtsmaßnahmen erweisen sich im Laufe der Zeit als nutzlos. Letztendlich zerfallen sie zu Staub. Wir lernen folgendes aus dieser dritten Episode: ergreift menschliche Vorsichtsmaßnahmen und tut alles euch Mögliche, um euch vor dem Bösen zu schützen. Kein Schutz ist jedoch vollkommen, solange ihr nicht Hilfe und Gnade bei Allah sucht. Die beste Schutzmaßnahme löst sich auf, wenn der festgesetzte Tag kommt. (Juusuf `Allii)

271. Mit diesem Aja endet die Geschichte Sul-Qarnains, Allahs Segen und Frieden auf ihm, der als das Vorbild schlechthin des frommen, tugendhaften Herrschers gilt. Allah verleiht ihm Macht auf Erden und gibt ihm die Mittel, vieles zu vollbringen. So durchmisst er den Westen wie den Osten, doch er zeigt sich weder stolz noch hochmütig. Er überschreitet weder das Maß, noch wird er überheblich. Seine Eroberungszüge unternimmt er nicht, um sich zu bereichern oder gar Menschen für seine Zwecke zu missbrauchen, sondern um den Schwachen zu helfen und Recht und Ordnung eintreten zu lassen. Die Macht und die Kraft, die Allah ihm verlieh, benutzt er zum Wohle der Menschen. Und auch auf den Gipfel seiner Macht vergisst er niemals, dass diese Gaben ihm von Dem Allmächtigen und Größten verliehen worden sind. (Qutb)

Einige der klassischen Kommentatoren betrachten dies als Voraussage eines bestimmten historischen Ereignisses, nämlich des Durchbruchs der Völkerschaften Dschuudsch und Maadschuudsch (verstanden als identisch mit Mongolen und Tataren) in der Zukunft. Solche Identifizierung beruht auf einer Überlieferung, nach der der Prophet Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, einen Traum hatte, nach dem er beim Erwachen ausrief: „Es gibt keinen Gott außer Allah! Wehe den Arabern, ein Unheil naht heran. Eine kleine Lücke hat sich heute im Wall gegen Dschuudsch und Maadschuudsch geöffnet!" Seit dem späten Mittelalter neigten die Muslime dazu, in diesem Traum eine Vorhersage der großen Mongoleninvasion zu sehen, durch die das Abbassidenreich und damit die politische Macht der Araber vernichtet wurde. Dass in den Ajas 99-101 dieser Suura „der Tag", das heißt der Tag des Gerichts, in Verbindung mit „Dschuudsch" und „Maadschuudsch" erwähnt wird, zeigt jedoch, dass es sich bei der „Zeit, die mein Herr bestimmt hat", um die letzte Stunde handelt, wenn alle Werke des Menschen zerfallen. Da jedoch keine der Bezugnahmen im Qur’an auf die „Nähe" oder das „Herannahen" der letzten Stunde etwas mit dem menschlichen Zeitverständnis zu tun haben, ist es möglich, beide Interpretationen als gleichwertig zu akzeptieren in dem Sinne, dass das „Herannahen der letzten Stunde" einen nach menschlichen Begriffen langen Zeitraum in Anspruch nimmt und der Durchbruch der kafir Mächte Dschuudsch und Maadschuudsch eins der Zeichen dafür ist. Schließlich ist es logisch (besonders auf der Grundlage von Sure 21:96-97) anzunehmen, dass die Begriffe Dschuudsch und Maadschuudsch rein allegorisch sind und sich nicht auf Völker oder Stämme beziehen, sondern auf eine Serie von gesellschaftlichen Katastrophen, die die Zivilisation des Menschen zerstören, lange bevor die Letzte Stunde tatsächlich anbricht. (Asad)

 

99. An diesem Tag272 werden Wir die einen von ihnen wie Wellen gegen die anderen anstürmen lassen,273 und es wird in die Posaune gestoßen werden und Wir werden sie allesamt versammeln.274

272. Hier erfolgt die Beschreibung des von Sul-Qarnain im letzten Aja versprochenen Tages. (Qutb)

Um sie für die Abrechnung herbeizuschaffen. (ibn Kasir)

273. So geht das Thema auf die letzten Tage vor Allahs großem Gericht über. Alle menschlichen Barrieren werden hinweggefegt. Es gibt Hektik und Tumult. (Juusuf `Allii)

Entweder die hereinbrechenden Stämme oder die Menschheit allgemein. (Darjabadi)         ,

274. Dies ist die Illustration der Szene an jenem Tag. Die Menschenmengen der verschiedenen Rassen, Farben und Länder aus allen Generationen wirbeln undiszipliniert und unaufmerksam durcheinander wie die Wellen des Meeres. Doch wenn in die Posaune gestoßen wird, so kehrt Ordnung in ihren Reihen ein. (Qutb)

 

100. Und zeigen werden Wir die Hölle an diesem Tag den Kafirs in voller Entfaltung.275

275. Deutlich sichtbar. (Darjabadi)

Wenn Menschen den Iman an ein zukünftiges Leben verspottet haben, dann werden ihre Augen jetzt geöffnet, und sie sehen die fruchtbare Wirklichkeit. (Juusuf `Allii)

 

101. Denjenigen, deren Augen gegenüber meiner Mahnung verhüllt waren, und die auch nicht zu hören276 vermochten.

276. Was der Prophet Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, ihnen vortrug und predigte, weil sie ihn hassten. (Darjabadi)

Sie waren zu blind und zu taub, um sich durch den Qur’an rechtleiten zu lassen. (Dschalalain)

Gerade jene Menschen, die sich weigerten, die vielen Zeichen Allahs zu sehen, die in dieser Welt Seine Botschaft übermitteln, und die Worte Allahs zu hören, als sie zu ihnen kamen, sehen dann ohne jeden Zweifel und Irrtum die Folgen ihres Verhaltens vor sich.

(Juusuf Allii)

Abschnitt 12

102. Meinen die Kafirs etwa, dass sie Meine Diener277 anstelle von Mir als Beschützer nehmen können?278 Wahrlich, Wir halten die Hölle als Herberge für die Kafirs bereit.279

277. Beharren sie immer noch auf ihren Vorurteilen, nachdem sie dies alles gehört haben, und glauben sie immer noch, ihre Haltung könnte ihnen nützen? Hier beginnt der Schlussabschnitt der gesamten Suura, der nicht allein mit der Geschick von Sul-Qarnain, Allahs Segen und Frieden auf ihm, sondern mit der Gesamtthematik verbunden ist, die anfangs (Ajas1-8) angesprochen wurde: der Prophet Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, sollte sein Volk auffordern,

1. sich vom Götzendienst loszusagen und dem Einen Gott zuzuwenden;

2. die Sklaverei dieser Welt aufzugeben und an das zukünftige Leben den Iman zu verinnerlichen. (Maududi)

278. Glauben die Kafirs wirklich, sie könnten Allahs Geschöpfe anbeten und von ihnen Schutz vor Allahs Strafe erwarten? Nun soll sie die Folge ihres „Glaubens" treffen. (Qutb)

Der Ausdruck „Meine Diener" will die völlige Abhängigkeit dieser Geschöpfe von ihrem Schöpfer betonen. (Darjabadi)

Dies bezieht sich nicht nur auf die Verehrung erschaffener Wesen und Naturgewalten, sondern auch auf die verbreitete Ansicht, lebende und tote Heilige könnten sich bei Allah für jemanden einsetzen, den Er verworfen hat. (Asad)

279. Diejenigen, die die Wahrheit von Allahs Einheit und Einzigartigkeit und damit die Tatsache, dass geschaffene Wesen keinen Einfluss auf Allahs Entscheidungen haben können, ablehnen. (Asad)

 

103. Sprich:280 „Sollen wir euch Kunde geben von denen, deren Taten am verworfensten sind,281

280. Dies soll der Prophet Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, zu den Kafirs sagen. (Darjabadi)

281. Niemand übertrifft sie an Verworfenheit. (Qutb)

Das heißt diejenigen, die in diesem Leben stolz auf ihre Werke waren, jetzt aber erkennen müssen, dass diese nutzlos waren. Ihr Verlust ist um so größer, als sie auf ihre Handlungen oder auf die Vermittlung von „Fürsprechern" oder „Beschützern" allzu großes Vertrauen gesetzt hatten. Allah ist der einzige Beschützer; jeder andere Schutz ist wirkungslos.

(Juusuf Allii)

 

104. Deren Bemühungen im diesseitigen Leben vergeblich waren, während sie meinten, dass sie Gutes getan hätten?"282

282. Viele Menschen sind so selbstgerecht, dass sie glauben, sie erwerben Verdienste, während sie weiterhin Unrecht tun. So machen beispielsweise beim Almosenvergeben alle Faktoren, die selbstsüchtige Gründe haben (wie z.B. Erlangen eigener Vorteile dadurch) die Handlung selbst nichtig. Ebenso sind Heuchler manchmal überrascht, dass ihre ausgesprochene Fürsorge für jemanden nicht geschätzt wird, während sie in Wirklichkeit auf irgendeinen verborgenen Vorteil oder Ruhm für sich selbst aus sind. Aufrichtig sind nur diejenigen, die an ihre geistige Verantwortlichkeit glauben und so handeln, wie es jemand tut, der sich der Anwesenheit Allahs bewusst ist. (Juusuf Allii)

Sie betrachteten sich selbst lediglich als „intelligente Tiere", die völlig unabhängig und frei von jeder Verantwortung sind und nichts weiter zu tun haben als die guten Dinge dieses Lebens zu genießen, wie Tiere auf der Weide. (Maududi)

Ihre Bemühungen haben sie weder zur Rechtleitung geführt, noch waren sie fruchtbringend. (Qutb)

Sie handelten nicht nach einer gesetzgebenden Vorschrift. (ibn Kasir)

 

105. Das sind diejenigen, die nicht an die Zeichen ihres Herrn den Iman verinnerlichen und an die Begegnung mit Ihm, und deren Taten nutzlos sein werden. So werden Wir ihnen am Tag der Auferstehung kein Gewicht beimessen.283

283. Sie bleiben am Tag der Auferstehung unberücksichtigt, ohne Wert und ohne Gewicht. (Qutb)

Welches Gewicht kann Handlungen zugemessen werden, hinter denen keine reinen Motive stecken, oder möglicherweise sogar böse? Sie sind entweder vergeblich oder sprechen gegen denjenigen, der versucht, sie als verdienstvoll auszugeben. (Juusuf Allii)

Auch wenn am Tage des Gerichts alle ihre guten Handlungen in Übereinstimmung mit der Aussage des Qur*ans: „wer ein Atomgewicht Gutes getan hat, wird es sehen" (Suura 99:7) in Betracht gezogen werden, bedeutet obiger Aja, dass alles Gute, das diese Ungerechten tun, weit von ihren Kufr übertroffen wird. (Asad)

 

106. Dies ist ihre Belohnung - die Hölle, weil sie kafir waren und Meine Zeichen und Meine Gesandten zum Gegenstand des Spottes genommen haben.284

284. Falsche Absichten, Betrug und Heuchelei können nur deswegen gedeihen, weil die Menschen das höhere Leben nicht ernst nehmen. Sie behandeln es in der Tat wie einen Scherz. Zeichen und Gesandte werden als persönliche Barmherzigkeit von Allah geschickt.

 

107. Diejenigen aber, die den Iman verinnerlichen und gute Werke tun, denen werden wahrlich die Gärten des Paradieses zur Herberge werden.285

285. In der persischen Sprache bezeichnet „Firdaus" einen umschlossenen Park. In der theologischen Fachterminologie wird das Wort für den inneren Kreis des Himmels oder den höchsten Himmel benutzt, den Bestimmungsort für diejenigen, die beide Erfordernisse voll erfüllen, nämlich starken Iman und rechtschaffenes Verhalten. Kleine Fehler und Mängel in beiden werden vergeben: da wird Allahs Barmherzigkeit wirksam.

(Juusuf *Allii)

In einem Hadis in Bucharii heißt es: "Es gibt hundert Stufen im Paradies, die Allah denen vorbehalten hat, die sich auf seinem Pfad bemühen. Der Raum zwischen den jeweiligen Stufen beträgt soviel wie zwischen Himmel und Erde. So ersucht Allah um den „Firdaus", wenn ihr ihn um das Paradies bitten wollt. Denn er ist der Mittel- und Höchstpunkt des Paradieses." (Qutb)


 

108. Ewig werden sie darin verweilen.286 Niemals werden sie es anders haben

286. Für immer. (Darjabadi)

Sie werden nicht den Wunsch haben, woanders zu sein, denn sie finden keinen Ort, der besser sein könnte. (Maududi)

Es liegt in der Natur des Menschen, sich dauernd verändern zu wollen, auch wenn er sich im Wohlleben befindet. Diese Natur ist dem Menschen von Allah gegeben, damit er sich zum Besseren entwickelt. Im Paradies hingegen, das das Vollkommenste darstellt, wird dem Menschen diese Natur genommen, damit er des Lebens darin nicht überdrüssig wird. So entwickelt sich in ihm der Wunsch, sich nicht verändern zu wollen. (Qutb)

 

109. Sprich: „Wenn das Meer Tinte wäre für die Worte meines Herrn,287 so wäre eher das Meer erschöpft, als dass die Worte meines Herrn ausgehen würden, auch wenn Wir noch einmal so viel hin zufügen würden."288

287. Mit „Worte" sind auch die wunderbaren Werke und die Wunder Seiner Macht und Weisheit gemeint. (Maududi)

Die Worte, Zeichen und Gnadenerweise Allahs sind in der gesamten Schöpfung vorhanden und können niemals völlig in menschlicher Sprache geschildert werden, wie erweitert wir uns unsere Möglichkeiten auch immer vorstellen. (Juusuf 'Allii)

288. Das Meer erstreckt sich weiter und tiefer als der Mensch erfassen kann. Und Tinte ist das Mittel, mit dem die Menschen alles, was sie an Wissen erfassen, zu Papier bringen. Hier wird der Vorstellungskraft ein ganzes Meer von Tinte vorgeführt, mit der Allahs Worte, die Sein Wissen repräsentieren, aufgeschrieben werden. Aber selbst wenn dieses Meer erschöpft ist und noch ein weiteres dazu, so sind doch Allahs Worte nicht erschöpft. Auf diese Weise soll der begrenzten menschlichen Phantasie die Bedeutung des Unendlichen nahe gebracht werden. Im Qur*an werden deswegen immer wieder Gleichnisse angeführt, um der menschlichen Denkkraft näher zu bringen, was diese sonst nicht erfassen könnte. Das Meer gleicht in dieser Allegorie dem menschlichen Wissen, das trotz seiner Fülle begrenzt ist. Die Worte Allahs hingegen repräsentieren Allahs Wissen, das unbegrenzt ist, und dessen Ende der Mensch nicht zu erfassen vermag. (Qutb)

 

110. Sprich: „Fürwahr, ich bin nichts anderes als ein Mensch wie ihr.289 Eingebung ist mir zuteil geworden, dass euer Gott ein Einziger Gott ist. Wer also auf die Begegnung mit seinem Herrn hofft, der soll gute Werke tun und keinen anderen an der Anbetung seines Herrn teilhaben lassen."290

289. Ich weiß nicht mehr als das, was mir Allah an Wissen zukommen lässt. (Qutb)

290. Rechtschaffenheit und wahre Ehrfurcht vor Allah - unter Ausschluss der Verehrung alles anderen, seien es Götzen oder vergötterte Menschen oder Naturkräfte oder menschliche Fähigkeiten oder das eigene Ich - sind die Kriterien des ’Ibadachs an Allah. (Juusuf Allii)

Niemals sollte der Mensch so handeln, nur um von den Leuten gesehen zu werden. (Qutb)

 

Einführung zu Suura 19 “Marjam“

Während das geistige Wachstum des Menschen als Individuum in Suura 17 als ausgehend von den ersten Grundsätzen moralischen Verhaltens beschrieben wird, und in Suura 18 als beginnend mit unserer Wahrnehmung der kurzen Zeitspanne und der Geheimnisse des Lebens, und mit dem richtigen Gebrauch von Macht wie in der Geschichte von Sul-Qarnain, wenden wir uns nun der Geschichte einzelner Propheten Allahs in ihrer persönlichen Beziehung zu ihrer Umwelt zu: Jachja mit seinen Vater Sakarija, Isa  seiner Mutter Marjam, Ibrahiim mit seinem kafir Vater, Muusa mit seinem Bruder Haruun, Ismail mit seiner Familie und Idris mit seiner hohen Stellung, Allahs Segen und Frieden auf ihnen allen, zu der er berufen wurde. In Anbetracht der Art und Weise, wie diese großen Menschen sich in ihre Lebensumstände einfügten, wird der Mensch für seinen mangelnden Glauben oder für sein Absinken in Aberglauben getadelt und vor dem Jenseits gewarnt.

(Juusuf `Allii)

Wie alle makkanischen Suuras dreht sich die Achse dieser Suura um die Einzigkeit Allahs und die Verneinung der Existenz eines Sohnes oder eines Teilhabers. Doch den Inhalt der Suura bilden die Geschichte der Propheten, angefangen bei Sakarija und endend bei Adam und Nuch, Allahs Segen und Frieden auf ihnen allen. Diese Erzählungen beanspruchen zwei Drittel der Suura.

Alle Kommentatoren stimmen in der Ansicht überein, dass diese Sure in Mekka offenbart wurde. Während jedoch einige sie am Ende dieser Periode ansetzen, gibt es unwiderlegbare historische Beweise dafür, dass sie nicht später als im fünften Jahr nach der Berufung des Propheten, das heißt sieben oder acht Jahre vor der Hidschra, offenbart worden sein kann. Sie war bereits den Gefährten bekannt, die um diese Zeit an der zweiten Auswanderung nach Abessinien teilnahmen. So wird beispielsweise berichtet, dass Dscha`far ibn Abi Taalib, der Vetter des Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und Führer der ersten Gruppe der Auswanderer, sie dem Negus vortrug, um die islamische Haltung gegenüber "zu erklären. (Asad)

Zusammenfassung:

Sakarija sehnte sich nach einen Erben, der die Arbeit für Allahs Sache in einer Welt voller Unrecht fortsetzen konnte, und wurde mit Jachja, Allahs Segen und Frieden auf ihm, gesegnet. (Ajas 1-15)

Marjam die Mutter Isas, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden, wurde von ihren Angehörigen getadelt, aber Isa tröstete sie und war gut zu ihr. (Ajas 16-40)

Ibrahiim seines Diins wegen von seinem Volk und seinem kafir Vater verfolgt. Doch er wandte sich von ihnen ab und göttlicher Segen wurde ihm zuteil. Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, bekam Hilfe durch einen Bruder Ismail, Allahs Segen und Frieden auf ihm, erzog seine gesamte Familie zur Taqwa. Idris, Allahs Segen und Frieden auf ihm, war aufrichtig und stets Allahs eingedenk in seiner hohen Stellung. Sie alle waren Vorbilder. Dennoch wollen die Menschen nicht von ihnen lernen und sich selbst für eine gute Lebensweise entscheiden. (Ajas 41-65)

Der Mensch soll weder das Jenseits leugnen noch seinen Glauben durch falsche Vorstellungen von Allah verunreinigen. (Ajas 66 - 98) (Juusuf `Allii)

 

Marjam

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen.

1. Kaaf-Ha-Ja-'Ain-Saad.1

1. Wir bevorzugen für diese Buchstaben die Interpretation, dass die Sprache nur aus einzelnen, bekannten Buchstaben besteht, doch die Menschen sind nicht imstande, sie so zu formen wie die wunderbare Macht Allahs es tut in diesem Qur’an. (Qutb)

Dies ist die einzige Suura, die mit dieser Buchstabenfolge beginnt. Zu diesen abgekürzten Buchstaben im allgemeinen vergleiche Suura 2:1 und die entsprechende Fußnote. Diese Buchstaben sind Symbole, deren Bedeutung nur Allah allein kennt. Wir dürfen also mit unserer Vermutung nicht dogmatisch umgeben. Ich neige dazu, den letzten Buchstaben „Sad" als für “Qisaas", das heißt Geschichten (der Propheten)  anzunehmen. Die hier erwähnten Hauptfiguren sind Sakarija, Jachja, Marjam, Isa und Ibrahiim, Allahs Segen und Frieden auf ihnen allen. Die anderen werden nur nebenbei erwähnt. Der starke Buchstabe in Sakarija ist das „Kaf", in Ibrahiim das „Ha", in Jachja und vielleicht in Marjam das „Ja", und in `Isa das „'Ain". „Ha" kommt auch in dem Namen Haruun vor und „Ja" in allen Namen einschließlich Ismail und Idris. Nach dem Tafsir Kabir stehen die Buchstaben für Attribute Allahs: „Kaf" für „Kaafj" (der Genügende), „Ha" für „Hadi" (der Leitende), „Ja" für „Jad" (Die Hand, Symbol der Macht Allahs, vergleiche Suura 48:10), „'Ain" für „`Alim" (der Allwissende) und „Sad" für „Saadiq" (der Wahrhaftige). (Juusuf `Allii)

Von ibn 'Abbas überliefert heißt dies: „dass Er für Seine Geschöpfe Der Genügende ist, Der Seine Diener rechtleitet. Seine Hand ist über ihren Händen. Er weiß alles über sie, Er ist Wahrhaftig in Seinen Versprechungen. (Qutb)

 

2. (Dies ist) ein Bericht über die Barmherzigkeit deines Herrn gegen Seinen Diener Sakarija2

2. Allahs Gnade gegenüber, Sakarija wurde auf vielerlei Weise sichtbar:

1. in der Erhörung seines Gebetes;

2. in der Gabe eines Sohnes wie Jachja, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und

3. in der Liebe zwischen Vater und Sohn

zusätzlich zu der Arbeit, die Jachja, Allahs Segen und Frieden auf ihm, als Gesandter Allahs für die Welt tat. Vergleiche auch Suura 3:38-41 und die entsprechenden Fußnoten. Dort wurde sein öffentlicher Auftrag besonders hervorgehoben, während es hier um die schöne Beziehung zwischen Vater und Sohn geht. (Juusuf 'Allii)

Nach dem Bericht in den Evangelien, denen der Qur’an nicht widerspricht, war Sakarijas Frau Elisabeth eine Kusine von Marjam, der Mutter ’Isas, Allahs Segen auf ihnen allen .(vergleiche Lukas 1:36). (Asad)

Um Sakarijas Position zu verstehen, muss man das priesterliche System der Kinder Israel kennen. Nach der Landnahme wurde Palästina unter den zwölf Stämmen verteilt, der dreizehnte Stamm (die Leviten, nachkommen Haruuns Allahs Segen und Frieden auf ihm) wurden mit den religiösen Pflichten betraut. Selbst unter diesen gab es eine bestimmte Familie, die das Allerheiligste im Tempel betreten durfte, die anderen hatten andere Aufgaben. Zur ersteren gehörte Sakarija. (Maududi)

 

3. Als er seinen Herrn insgeheim anrief.3

3. Insgeheim, weil er fürchtete, seine eigenen Angehörigen und Verwandten könnten sich auf Abwegen befinden (vergleiche unten Aja 5), und er wollte Allahs Licht hell erstrahlen lassen. Seine Befürchtungen bezüglich seiner Verwandten und Amtsbrüder konnte er nicht öffentlich laut werden lassen. (Juusuf `Allii)

Er hält Zwiesprache mit seinem Herrn weitab von den Augen und Ohren der Menschen. Er ruft Ihn an ohne Mittler. Und obwohl er weiß, dass Allah auch ohne Beten und ohne Rufen zu hören und zu sehen vermag, tut es seinem Herzen wohl, wenn er sich seinem Herrn offenbart und ihm klagt, was ihn bedrückt. (Qutb)

 

4. Er sprach: „Mein Herr, wahrlich mein Gebein ist mir gebrechlich geworden und mein Haupt(haar) schimmert grau, und niemals bin ich im Bittgebet an Dich, mein Herr, ohne Segen geblieben.4

4. Schwache Knochen und graue Haare sind Symbole des Altwerdens und der Vergreisung. (Qutb)

Diese Einleitung zeigt Sakarija glühenden Glauben. Er war ein Priester. Seine Aufgabe lag im Tempel, und seine Verwandten waren seine Amtsbrüder. Er fand jedoch, dass sie nicht den wahren Geist des Dienstes an Allah und den Menschen in sich hatten. Er machte sich Sorgten darum, wer die Gedanken Allahs aufrechterhalten würde, die für seine Amtsbrüder eine fremde Welt waren. (Juusuf `Allii)

Vergleiche auch Lukas 1:7. (Darjabadi)

 

5. Nun fürchte ich fürwahr, (was) meine Angehörigen5 nach meinem Ableben (anrichten werden).6 Und da meine Frau unfruchtbar ist,7 so schenke mir von Dir einen Nachfolger,8

5. Und die Priester-Kollegen im Tempel. (Darjabadi)

Seine Vettern. Die Araber nennen nämlich die Vettern „Mawaali". (Qutb)

6. Das heißt, ich kann unter meinen Verwandten niemanden finden, der religiös und moralisch geeignet ist, meine Aufgabe fortzusetzen. (Maududi)

Er sah offensichtlich voraus, dass seine Verwandten, die wie er selbst Priester waren, moralisch zu schwach sein würden, würden, um ihre Pflichten zu erfüllen, und möglicherweise auch ungeeignet, für Marjam, Allahs Segen und Frieden auf sie, zu sorgen (vergleiche Suura 3:73). (Asad)

Dass sie sich Irreligiosität und Kufr zuwenden, statt die Menschen im Iman zu unterrichten. (Darjabadi)

7. Wodurch die Möglichkeit, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, eingeschränkt ist. (Darjabadi)

Sie hatte ihm keinen Sohn schenken können, den er hätte erziehen und darauf vorbereiten können, seine Aufgabe eines Tages zu übernehmen. (Qutb)

8. Es ging nicht nur um einen vulgären Wunsch nach einem Sohn, sonst hätte er viel früher in seinem Leben gebetet. Er war zu sehr von Taqwa erfüllt, um eigennützige Wünsche im Gebet auszusprechen. Hier ging es um ein Bedürfnis der Gemeinschaft im Dienste Allahs. Er war sehr alt - aber vielleicht konnte er ja ein Kind adoptieren, das sein Erbe sein konnte. Vergleiche auch Suura 3:38 und die entsprechende Fußnote. (Juusuf `Allii)

 

6. Der mein Erbe und das Erbe der Nachkommen Jakobs antreten kann,9 und mache ihn, mein Herr, Dir wohlgefällig."10

9. Es stimmt wohl, dass ein Erbe in erster Linie Besitztümer erbt, aber seine höhere Pflicht ist es, in allen Dingen die Persönlichkeit zu repräsentieren, die er beerbt. Es ist zweifelhaft, ob Sakarija, Allahs Segen und Frieden auf ihm, irdische Güter besaß. Er hatte jedoch einen tugendhaften Charakter, wie es von einem Propheten zu erwarten ist und diesen wollte er als sein kostbarstes Eigentum seinem Erben übertragen. Es war fast das kostbarste, das Nachfahren besaßen. Die Menschen in ihrer Umgebung hatten Allahs Weg verlassen. konnte sein Erbe wie er versuchen, den Diin Allahs zu erneuern? (Juusuf `Allii)

Das Erbe bestand aus dem Diin Allahs und Iman..(Darjabadi)

Er wollte seine Erkenntnisse und sein Prophetentum vererbt wissen und nicht sein Geld. Denn nach einer bestätigten Aussage des Propheten heißt es: „Wir Propheten werden nicht beerbt. Was wir hinterlassen, gilt als Almosen." (Qutb)

10. Dir wohlgefällig durch seine Tugend und Taqwa. (Darjabadi)

Sakarija, Allahs Segen und Frieden auf ihm, vergisst nicht, seine Erwartung an diesen Erben auszudrücken: Allahgefällig soll er sein, weder gewalttätig noch grob, weder eitel noch habgierig. Das Wort „radija" ist eine Zusammenfassung all dieser Begriffe. Ein Allahgefälliger ist jemand, der zufrieden stellt, zufrieden ist und Zufriedenheit verbreitet. (Qutb)

 

7. „O Sakarija Wir verkünden dir die frohe Botschaft11 von einem Knaben,12 dessen Name Jachja sein soll. Wir ließen zuvor niemanden diesen Namen tragen."13

11. Vergleiche Suura 3:39. (Asad)

Diese Botschaft beinhaltet drei Dinge: Als erstes, dass Allah Sakarijas, Allahs Segen und Frieden auf ihm, Bitte erhört hat, was zweifellos eine Ehrung darstellt. Zweitens wird ihm ein Sohn gewährt, was als eine Stärkung zu betrachten ist, und drittens, dass Allah für ihn speziell einen einzigartigen Namen bestimmt. (Qutb)

12. Vergleiche Lukas 1:13. (Darjabadi)

13. Dies war Jachja (Johannes der Täufer) Isas Vorläufer, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden. Dem Gebet seines Vaters entsprechend erneuerte er - wie auch‚’Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihnen allen, dessen Weg er vorbereitete - die Botschaft Allahs, die unter den Israeliten verloren zu gehen drohte und entstellt worden war. Die arabische Form des Namens Jachja bedeutet „Leben". Die hebräische Form “Jachja“ bedeutet „Allah ist gnädig gewesen". Dies bedeutet nicht, dass zum erstenmal ein Mensch diesen Namen getragen hat, sondern dass zum erstenmal Allah Seinen auserwählten Diener bei diesem Namen gerufen hat. (Juusuf `Allii)

Der Name Jachja bedeutet „er wird leben", das heißt er wird geistig leben, und man wird sich an ihn erinnern. Die Tatsache, dass Allah diesen Namen für ihn aussuchte, war eine einzigartige Auszeichnung für ihn, gleichbedeutend mit einem Versprechen Allahs. (Asad)

Vergleiche Lukas 1:61. (Maududi)

 

8. Er sprach: „Mein Herr, wie kann ich einen Sohn haben, wo meine Frau doch unfruchtbar ist14 und ich schon das Alter eines Greises erreicht habe?"15

14. Nicht nur, dass sie in jungen Jahren unfruchtbar war, hinzu kommt auch noch, dass sie nun alt geworden ist. (Safwat Al-Tafasir)

Diese Frage ist kein Ausdruck der Missbilligung, sondern des Erstaunen über Allahs Vermögen, einem Greis und einer unfruchtbaren Frau einen Sohn zu schenken. (Qutb)

Diese Frage ist kein Ausdruck des Erstaunens, geschweige denn des Zweifels, sondern eine Bitte um nähere Erklärung. (Darjabadi)

15. Vergleiche Lukas 1:7 und 1:18. (Darjabadi)

Sakarija, Allahs Segen und Frieden auf ihm, akzeptiert, dass das vorhergesagte Ereignis tatsächlich eintreffen wird, denn es ist ein Versprechen Allahs. Da jedoch die natürlichen Voraussetzungen fehlen, möchte er wissen, wie dies verwirklicht werden kann, um sein Herz zu beruhigen. (Asad)

 

9. Da sprach er. „So ist es.16 Dein Herr sagt: ,„Dies ist eine Leichtigkeit17 für Mich, denn Ich habe dich schon vordem geschaffen, als du ein Nichts warst."18

16. Das heißt, es sollte unter den bestehenden Verhältnissen geschehen, ohne irgendwelche ungewöhnlichen Mittel. (Darjabadi)

Wer ist „er" in diesem Satz? Nach Ansicht der meisten Kommentatoren ist damit der Engel gemeint, der die Botschaft von Allah mitteilte. Vergleiche auch unten Aja 21. Einige Kommentatoren beziehen es jedoch auf Sakarija, Allahs Segen und Frieden auf ihm, selbst. Die Bedeutung wäre dann: nach etwas Nachdenken sagte Sakarija, Allahs Segen und Frieden auf ihm, verwundert: „Könnte es wirklich so sein? Sollte ich wirklich in meinen alten Tagen noch einen Sohn haben?" Die nachfolgende wörtliche Rede: „Dein Herr spricht:...." wäre dann die des himmlischen Boten. (Juusuf `Ali)

17. Nämlich die Geburt eines Kindes im hohen Alter. (Darjabadi)

Ein Leichtes und ein Schweres gibt es nicht in der Schöpfung Allahs. Denn das Mittel ist bei allen das gleiche, nämlich: „Sei!" - und es wird. (Qutb)

18. Jeder Mensch war ein Nichts, bevor er erschaffen wurde, das heißt seine Persönlichkeit wurde von Allah ins Dasein gerufen. Selbst wenn materielle Prozesse den Naturgesetzen entsprechend den Körper formen, ist die wirkliche Schöpfermacht Allah. Hierin liegt jedoch noch eine feinere Bedeutung. Jachja sollte für ’Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden, den Weg bereiten und sein Vorläufer sein: dieser Satz soll uns auf die noch wunderbarere Geburt ’Isas, Allahs Segen und Frieden auf ihm, selbst vorbereiten. Siehe unten Aja 21. Bei Allah ist alles möglich. (Juusuf `Allii)

Er ist Derjenige, Der eine unfruchtbare Frau nicht gebären und einen Greis nicht zeugen lässt. Doch Er vermag die Unfruchtbarkeit zu heilen und die Zeugungsfähigkeit eines Mannes wiederherzustellen, was nach der Anschauung der Menschen zweifelsohne leichter ist, als etwas aus dem Nichts zu erschaffen. (Qutb)

Wörtlich: „als (oder obwohl) du nichts warst." Diese Betonung von Allahs uneingeschränkter Macht, eine neue Kette von      Ursachen und Wirkungen ins Dasein zu rufen, bildet hier wie auch in Suura 3 eine Art Vorbereitung auf die Geburt ’Isas, Allahs Segen und Frieden auf ihm. (Asad)

So wie Allah einer unfruchtbaren Frau ermöglichen kann, ein Kind zu bekommen, kann Er dies auch einer Jungfrau ermöglichen. (Maududi)

 

10. Sakarija bat: „Mein Herr, gib mir ein Zeichen."19 Da sprach Er: „Dein Zeichen soll sein, dass du, obgleich gesund, drei Nächte nicht zu den Menschen sprichst."20

19. Dieses Zeichen sollte ihn mit dem Versprochenen noch vertrauter machen und sein Herz noch mehr beruhigen, so wie Ibrahiim, Allahs Segen und Frieden auf ihm, einst darum bat, ihm zu zeigen, wie Er die Toten zum Leben erweckt. (ibn Kasir)

20. Vergleiche Suura 3:41 und die entsprechende Fußnote. (Asad)

Er sollte sich von der Welt der Menschen abkehren und mit Allah die Zeit von drei Nächten verbringen. Bei der Lobpreisung Allahs löst sich seine Zunge, nicht jedoch, wenn er mit den Menschen spricht. (Qutb)

Vergleiche diesen Aja mit Suura 3:41. Die Variationen sind interessant. Hier ist die Rede von „drei Nächten", während dort die Rede von „drei Tagen" ist. Die Bedeutung ist dieselbe, denn ein Tag ist ein Zeitraum von 24 Stunden. Aber der Schwerpunkt ist in beiden Fällen anders gelagert. Dort wird die Geschichte aus der Perspektive der Gemeinschaft wiedergegeben, in der er tagsüber wirkte. Hier geht es in erster Linie um seine individuelle Seele, die die Nacht in Gebet und Lobpreisung verbrachte. Beachtenswert ist auch die Wendung am Ende des nächstenAja: „morgens und abends" parallel zu „abends und morgens" am Ende von Suura 3:41 wo wiederum der Gesichtspunkt verändert ist.

(Juusuf `Allii)

 

11. Da kam (Sakarija aus der Gebetsstätte21 zu seinen Leuten heraus und befahl ihnen durch einen Wink, (Allah) des Morgens und des Abends zu lobpreisen.22

21. Vergleiche Suura 3:37 und Fußnote 66, wo das Wort „michraab" ausführlich erklärt wurde. (Maududi)

22. Vergleiche Lukas 1:5-22. Sakarijas, Allahs Segen und Frieden auf ihm, dreitätiges Schweigen wird dort als Strafe für seinen „Kufr" dargestellt. (Maududi)

 

12. „O Jachja!23 Halte dich ernsthaft am Buch!"24 Und Wir verliehen ihm Weisheit, schon im Knabenalter,25

23. Die Zeit vergeht, und der Sohn wird geboren. In diesem Teil der Suura steht Jachja, Allahs Segen und Frieden auf ihm, im Mittelpunkt des Interesses, und ihm wird diese Anweisung gegeben. „Halte mit all deiner Kraft an Allahs Offenbahrung fest": denn eine kafir Welt hatte sie entweder vernachlässigt oder entstellt, und Jachja den Weg für ’Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden, bereiten, der sie erneuern und neu interpretieren sollte. (Juusuf `Allii)

Nachdem sein Sohn geboren und erwachsen geworden war, wurde zu ihm gesprochen. Dies ist nach Rasi hier impliziert, denn die Erzählfolge weist darauf hin, dass Jachja, Allahs Segen und Frieden auf ihm, in der Zwischenzeit ein Alter erreicht haben musste, in dem er in der Lage war, Allahs Gebote zu empfangen und zu verstehen. (Asad)

24. Das „Buch" ist in diesem Fall die Thora, die heilige Schrift der Israeliten nach Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm. Über diese wachten ihre Propheten, und auf ihr gründeten sich ihre Lehren und mit ihr urteilten sie. Diese Tradition erbte Jachja, Allahs Segen und Frieden auf ihm, seinen seinem Vater und setzte dessen Aufgabe fort. (Qutb)

25. „Hukm", gewöhnlich mit „Weisheit" übersetzt, bedeutet mehr als Weisheit, nämlich auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und ein Urteil zu fällen. (Asad)

Das arabische Wort „Hukm" umfasst folgende Fähigkeiten:

1. Entscheidungen zu treffen;

2. sich eine richtige Meinung zu bilden;

3. das Gesetz Allahs zu interpretieren;

4. Probleme zu lösen; und

5. „von Allah gegebene Entscheidungsvollmacht". (Maududi)

Dies war ebenso einzigartig wie sein Name und seine Geburt, denn Weisheit und Urteilsfähigkeit erlangt ein Mensch gewöhnlich erst im Alter. (Qutb)

 

13. Und Barmherzigkeit von Uns26 und Reinheit, und er war mutaqi,27

26. Diese Gabe wurde ihm wie ein Siegel aufgedrückt. Barmherzigkeit ist eine notwendige Eigenschaft eines jeden Propheten, um die Herzen der Menschen zu gewinnen und sie sanft zum Guten hinzuwenden. (Qutb)

Jachja der Täufer) lebte nicht lange. Er wurde von Herodes eingesperrt, weil er diesen seiner Lasterhaftigkeit wegen getadelt hatte, und schließlich auf Betreiben der Frau, mit der Herodes liiert war, enthauptet. Aber selbst in seinen jungen Jahren hatte er viele Gaben erhalten:

1. Weisheit, denn er trat kühn der Lasterhaftigkeit entgegen;

2. Mitleid und Liebe gegenüber allen Geschöpfen Allahs, denn er hielt sich in der Gesellschaft der Armen und Niedrigen auf und verachtete Verweichlichung; und

3. eine reine Lebensführung, denn er entsagte der Welt und lebte in der Wildnis. All sein Wirken geschah in seiner Jugend. (Juusuf 'Allii)

Wörtlich: „Mitglied von Uns", das heißt als besondere Gabe Allahs. (Asad)

Das arabische Wort “Hanaan“ ist fast gleichbedeutend mit „Mutterliebe", mit anderen Wo