Der Tafsir von Teil 15

 

Von Surach 17 „Die Nachtreise“ – Surach 18 „Die Höhle“ Ajach 74

 

Einführung zu der Surach „Die Nachtreise“

 

Wenn wir einen Rückblick auf die bisher erläuterten Lehren im Qur’an werfen, finden wir, dass in den ersten sieben Surachs ein Überblick über die frühe geistige Geschichte des Menschen bis hin zu der neuentstandenen Gemeinschaft des Islam skizziert wurde. Die Surachs 8 bis 16 bildeten eine weitere Serie, die sich mit der Ausformung und Erhaltung der neuen Gemeinschaft befasst sowie mit Allahs Handeln mit den Menschen, die als Gemeinschaft verstanden und im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Beziehungen und organisierten Gruppen betrachtet werden (vergleiche auch die Einführung zu den Surachs 8; 10 und 16). Hier beginnt nun eine neue Serie (Surachs 17-29), die in drei Teile geteilt werden kann. Die Surachs 17-21 beginnen mit einem Hinweis auf die Himmelsreise des Propheten, Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, von der weiter unten noch ausführlich die Rede sein soll, und gehen weiter zu der geistigen Geschichte mit Schwerpunkt auf dem Einzelmenschen anstelle der Nationen. Die Geschichten aus vergangenen Zeiten und von den früheren Propheten werden hier unter diesem Gesichtspunkt beleuchtet. Die Surachs 22-25 beziehen sich auf Pilgerfahrt, ’Ibadach und Gebet, Keuschheit, Privatsphäre und so weiter mit Bezug auf das geistige Wachstum des Einzelmenschen. Die Surachs 26-29 kehren thematisch wieder zu den Geschichten der Vergangenheit und früherer Propheten zurück und veranschaulichen das Wachstum des Einzelnen in seiner Beziehung zu den Gemeinschaften und die Reaktion der Gemeinschaften auf die Lebensführung ihrer großen Persönlichkeiten.

Nun wollen wir aber Surach 17 für sich selbst betrachten. Sie beginnt mit der mystischen Vision der Himmelsreise des Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm,: er wurde eines Nachts von der Heiligen Moschee (von Mekka) zur Fernsten Moschee (in Quds) gebracht und durfte einige Wunderzeichen Allahs sehen. Die meisten Kommentatoren verstehen diese Nachtreise wörtlich, sprechen aber auch von anderen Anlässen, wo eine geistige Reise oder Vision geschah. Selbst wenn angenommen wird, dass die Reise leiblich stattgefunden hat, wird zugegeben, dass der Körper in fast geistige Feinheit verwandelt wurde. In den Hadisen finden wir Einzelheiten dieser Reise, deren Studium es uns ermöglicht, ihre mystische Bedeutung zu erfassen. Der Prophet Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wurde zunächst zum Schauplatz früherer Offenbarungen nach Jerusalem gebracht und dann durch die sieben Himmel bis zum erhabenen Thron geführt und in die geistigen Mysterien der Menschenseele eingeweiht, die in Raum und Zeit ihren Kampf bestehen muss. Professor Miguel Asin von der Universität Madrid hat gezeigt, dass diese Miraadsch-Literatur einen großen Einfluss auf die europäische Literatur des Mittelalters ausgeübt hat, besonders auf Dantes Divina Comedia.

Die Bezugnahme auf diese große mystische Geschichte der Miraadsch (der Himmelsreise) ist eine passende Einleitung für die Reise der Menschenseele in ihrem geistigen Wachstum im Leben. Bei einem solchen Wachstum muss der erste Schritt durch moralisches Verhalten geschehen - die Achtung der gegenseitigen Rechte von Eltern und Kindern, Güte gegenüber unseren Mitmenschen, Mut und Festigkeit im Augenblick der Gefahr, das Bewusstsein persönlicher Verantwortung und der Anwesenheit Allahs durch Gebet und Lobpreisung.

Die Miraadsch soll in der 27. Nacht des Monats Radschab (nach anderen Überlieferungen beispielsweise auch am 17. Rabi-Al-Auwal) im Jahr vor der Hidschra stattgefunden haben. Dies gibt einen Anhaltspunkt, den Zeitpunkt der Offenbarung des Anfangsverses zu bestimmen, obwohl Teile dieser Surach auch früher offenbart worden sein können.

 


Einführung:

 

Dies ist eine der mekkanischen Surachs, die ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Aqidach richten, hier der Artikel der Einigkeit Allahs und der Auferstehung. Doch ihr herausragendster Teil ist der Persönlichkeit des Propheten Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, gewidmet, den Wundern und schlagenden Beweisen, die auf seine Wahrhaftigkeit hindeuten. (Safwat Al-Tafaasrr)

Die Surach beinhaltet verschiedene Themen. Die meisten von ihnen widmen sich den Artikeln der Aqidach, andere den Verhaltensregeln des Einzelnen und der Gemeinschaft. Wieder andere enthalten Erzählungen über die Kinder Israels, die mit der Al-Aqsa Moschee, dem Ziel der nächtlichen Reise zusammenhängen. (Qutb)

 

Zusammenfassung:

 

Die geistigen Erfahrungen der prophetischen Persönlichkeiten werden ausgeführt, damit Allahs Zeichen den Menschen verdeutlicht werden können: der Mensch wird zum Bösen verführt und muss zu einem Gefühl persönlicher Verantwortung geleitet werden. (Ajachs 1-22)

Dass wir Allah dienen, zeigt sich auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, in Güte gegenüber Eltern, Verwandten und Fremden, die sich in Not befinden, Freundlichkeit gegenüber Kindern, Reinheit der sexuellen Beziehungen, Gerechtigkeit und Achtung vor Menschenleben, Schutz der Waisen, Ehrlichkeit in allem Handeln und Vermeidung von Hochmut. (Ajachs 23-40)

Hochmut verursachte den Fall von Iblis, aber die Kinder Adams, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wurden über andere Geschöpfe erhöht. Sie werden für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen. Das Gebet zur bestimmten Zeit und in der Nacht ist gut für den Menschen, und der Qur’an bietet sich als Heilmittel und Barmherzigkeit an. (Ajachs 61-84)

Offenbarung (des Qur’an) ist ein Zeichen der Gnade Allahs, und die Menschen sollten sie ohne Ausflüchte aufnehmen. Seid demütig in Gebet und Lobpreisung. (Ajachs 85-111)

 


Die Nachtreise

 

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen.

 

1. Gepriesen sei Der, Der Seinen Diener1 des Nachts2 von der Heiligen Moschee zur fernen Moschee3 reisen ließ, deren Umgebung Wir gesegnet haben4, um ihm einige Unserer Zeichen zu zeigen.6 Wahrlich, Er ist der Allhörende, der Allsehende.7

 

1. Nämlich den Propheten Muhammad - Friede sei mit ihm. (Darjabadi)

Im Zusammenhang mit dieser Erhebung, die keinem anderen Menschen zuteil wurde, wird mit Nachdruck auf die Stellung des Prophet Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, hingewiesen, nämlich als Diener Allahs. Diese Bezeichnung darf nicht vergessen werden, um ihm nicht einen Hauch von Göttlichkeit beizumessen, wie es in der christlichen Lehre in Bezug auf Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, wurde. (Qutb)

 

2. Das Wort “Lailan“ (in einer Nacht) wurde zusätzlich hinzugefügt, um das Wunderbare an dieser Reise zu betonen, die in einer einzigen Nacht stattfand. (Darjabadi)

Normalerweise dauerte diese Reise vierzig Nächte. (Safwat Al-Tafaasir)

 

3. Masdschid ist ein Ort des Gebetes. Hier bezieht sich der Ausdruck auf die Kaba in Mekka. Sie war noch nicht von den Götzen gereinigt und ihrer Bestimmung als Gebetshaus für den einzigen Gott zurückgegeben worden. Dies war symbolisch für die neue Botschaft, die der Menschheit übermittelt wurde. (Juusuf `Allii)

„Die ferne Moschee“ muss sich auf das Grundstück des Tempels von Suleymaan, Allahs Segen und Frieden auf ihm, in Quds auf dem Berg Mora beziehen, in dessen Nähe sich der Felsendom befindet, der auch `Umar-Moschee genannt wird. Diese und die als ferne Moschee bekannte Moschee (Al-Masdschid Al-Aqsa) wurden im Jahre 68 nach der Hidschra von Amir 'Abdul-Malik vollendet. Ferne Moschee deswegen, weil sie der am weitesten westlich gelegene Gebetsort war, den die Araber zur Zeit des Propheten Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, kannten. Sowohl für Juden als auch für Christen war es eine heilige Stätte. Die Regierungsgewalt über dieser Gegend lag jedoch in der Hand der Christen, denn sie war ein Teil des byzantinischen Reiches, das auch den Patriarchen von Quds unterhielt. Folgendes sind die wichtigsten Daten in Verbindung mit dem Tempel: Er wurde um 1004 v. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm von fertig gestellt; von den Babyloniern unter Nebukadnezar um 586 v. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, zerstört; um 515 v. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, unter Esra und Nehemia wieder aufgebaut; um 167 v. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, von einem der Nachfolger Alexanders in einen kafir Götzentempel verwandelt; zwischen 17 v. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm. und 29 n. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, von Herodes restauriert und schließlich 70 n. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, von Kaiser Titus völlig dem Erdboden gleichgemacht. Diese Wechselfälle gehören zu den bedeutendsten Zeichen der Geschichte des Islams. (Juusuf `Allii)

 

4. Sowohl im materiellen als auch im geistigen Sinne. (Darjabadi)

Das Grundstück des alten Tempels Suleymaans, Allahs Segen und Frieden auf ihm, symbolisiert hier die lange Reihe der israelitischen Propheten, die dem letzten Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, vorausging. Darauf spielt die Wendung: „deren Umgebung Wir gesegnet haben" an. Die Nebeneinanderstellung dieser beiden heiligen Stätten soll zeigen, dass der Qur’an nicht eine „neuen" Islam proklamiert, sondern eine Fortsetzung und Weiterentwicklung derselben Botschaft Allahs ist, die von den Propheten in alter Zeit verkündet wurde. (Asad)

 

5. Das Wort „“Israa“ bedeutet „Reise bei Nacht", enthält also in sich schon die Zeitangabe. (Qutb)

Dies bezieht sich auf die Miraadsch (Himmelsreise des Propheten Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, vergleiche auch die Einleitung zu dieser Surach. (Juusuf `Allii)

Diese nächtliche Reise von der Heiligen Moschee zur fernen Moschee stellt eine Verbindung zwischen den großen monotheistischen Diins von Ibrahiim und Ismail bis hin zu Muhammad - Friede sei mit ihnen allen - her sowie auch zwischen den heiligen Stätten aller monotheistischen Diins, so als ob mit dieser wundersamen Reise für den letzten Propheten, Allahs Segen und frieden auf ihm, das Erbe der Heiligen Stätte der früheren Propheten proklamiert würde. So schließt sich der Kreis der Botschaften Allahs zu einer Einheit. Allahs Botschaft ist unabhängig von Raum und Zeit. (Qutb)

 

6. Diese Nachtreise ist eins der Zeichen Allahs, die die Herzen für die wunderbaren Horizonte dieses Daseins öffnet und die verborgenen Möglichkeiten in der Natur des Menschen enthüllt. Denn der Mensch ist auf vielerlei Weise vor anderen Geschöpfen ausgezeichnet, und in ihn hat Allah diese feinen Geheimnisse hineingelegt. (Qutb)

In diesem Ajach wird nur ein Teil der Reise erwähnt, nämlich der von Mekka nach Quds. Als Zielsetzung wird hier genannt, dass Allah Seinem Gesandten Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, einige Seiner Zeichen zeigen wollte. Weitere Einzelheiten erwähnt der Qur’an nicht. Nach Berichten in den Hadisen wurde der Prophet Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, nächst nach Quds geführt, wo er in Gemeinschaft mit den anderen Propheten das Bebet verrichtete. Dann wurde er in höhere Sphären gebracht, wo er jeweils einige der größten Propheten traf, bis er schließlich den höchsten Ort des Himmels erreichte und Allah selbst gegenüberstand. Unter anderen wichtigen Aufträgen wurde ihm hier auch das tägliche fünfmalige Gebet geboten. Während dieser Reise wurden ihm Paradies und Hölle gezeigt. Die mekkanischen Götzendiener verspotteten seinen Bericht von dieser Reise, und selbst einige Muslime waren skeptisch. Über diese Reise bestehen unterschiedliche Meinungen. Einige sagen, sie haben im Traum stattgefunden, andere wieder sind der Ansicht, der Prophet Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, völlig wach gewesen und habe diese Reise mit seinem physischen Körper angetreten, während wieder andere der Meinung sind, es habe sich um eine mystische Vision gehandelt. Auf den Einwand, warum Allah Seinen Dienern eine solche Reise machen ließ, um ihm Seine Zeichen zu zeigen, wo Er doch nicht an einen Ort gebunden, sondern allumfassend ist, muss darauf hingewiesen werden, dass Er, wenn Er sich Seinen Geschöpfen verständlich machen will, deren beschränkte Ausdrucksweise berücksichtigt. Ein Geschöpf kann nicht zur gleichen Zeit das ganze Universum übersehen, wie es Allah kann. Es muss daher an einen Ort gebracht werden, wo Seine Manifestationen für sein Wahrnehmungsvermögen konzentriert sind. Viele Zeichen, die dem Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, gezeigt wurden, waren Symbole, beispielsweise für Lohn und Strafe im zukünftigen Leben. Alle Propheten waren ihrem Rang entsprechend in der Lage, ähnliche Zeichen Allahs zu sehen. (Maududi)

 

7. Allahs Wissen umfasst alle Dinge, ohne jedes Hindernis wie Raum oder Zeit. Deswegen kann Er alles hören und sehen. Die Himmelsreise war eine Reflektion solchen Wissens außerhalb von Raum und Zeit. (Juusuf `Allii)

Niemand hat Anteil an diesen Eigenschaften in ihrem absoluten Sinne. (Darjabadi)

 

 

2. Und Wir haben Muusa das Buch gegeben8 und es zur Rechtleitung für die Kinder Israels gemacht:9 „Nehmt niemanden anstelle von Mir10 zum Sachwalter!"11

 

8. Der folgende Abschnitt aus der Geschichte der Kinder Israels wird im Qur’an nur an dieser Stelle erwähnt. Er beinhaltet das Ende der Kinder Israels, zu dem sie gelangt sind, und die Ablösung ihrer Macht. Zunächst wird auf das Buch des Propheten Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, - die Thora hingewiesen, und die darin enthaltene Ermahnung und die Erinnerung an ihren Urvater Nuch, Allahs Segen und Frieden auf ihm. Diese Ermahnung und diese Erinnerung sind eine Bestätigung dessen, was Allah in dieser Surach versprach, dass Er kein Volk bestraft, bis Er ihnen einen Propheten geschickt hat, der sie ermahnt und erinnert. (Qutb)

Das Buch: nämlich die Offenbarung, die Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, erhielt. Es wurde eindeutig festgelegt, dass Muusas, Allahs Segen und Frieden auf ihm, Anhänger Allah als über allem stehend anerkennen sollten: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht..." (Exodus 20:3-6). In der Tat ging der Geist der Lehre Muusas, Allahs Segen und Frieden auf ihm, weiter. Sie stellte alle Dinge Allahs Fürsorge anheim; auf keinen anderen soll der Mensch vertrauen. Dies ist Islam, und die Himmelsreise des Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, darauf hinweisen, dass es seit alters her Allahs Lehre war. Dennoch wurde sie gerade von denen verletzt, die dafür hätten verantwortlich sein sollen. (Juusuf `Allii)

 

9. Da dieser Ajach allem Anschein nach keine Verbindung zum vorigen hat, könnte der oberflächliche Leser hier einen Bruch vermuten. Wir müssen die Sache aber im Gesamtzusammenhang der Surach sehen. Sie soll die Kafirs von Mekka warnen: derjenige, den ihr der Hochstapelei beschuldigt und dessen offenbartes Buch ihr ablehnt, hat gerade jetzt große Zeichen Allahs gesehen. Ihr solltet daher aus der Geschichte der Kinder Israels lernen, die ebenfalls Allahs Buch ablehnten und dafür bestraft wurden. (Maududi)

Da hier von der„ fernen Moschee" die Rede ist, dem Herz des heiligen   des,   Allah von den Kindern Israels besiedeln ließ, aus dem Er sie dann aber vertrieb, ist hier die passende Stelle, von   Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und den Kindern Israels zu berichten. (Qutb)

 

10. Beachte den Wechsel von „Wir" im ersten zu „Mir" im zweiten Satz. Der erste Satz bezieht sich auf Allahs Herrlichkeit als himmlischer Herrscher, der zweite bezieht sich auf Sein persönliches Interesse an allen unseren Angelegenheiten. (Juusuf `Allii)

 

11. Der Begriff “Wakil“ bezeichnet „jemanden, dem die Angelegenheiten eines anderen anvertraut sind", oder „jemanden, der für das Verhalten eines anderen verantwortlich ist". Wenn er auf Allah angewandt wird, wird er manchmal mit „Vertrauter" oder „Beschützer" übersetzt oder auch mit „jemand, der für alles sorgt". Im hier vorliegenden Fall (wie auch in Surach 36:62) bezieht sich der Begriff offensichtlich auf Allahs Macht, ausschließlich das Schicksal aller geschaffenen Wesen und Dinge zu bestimmen. (Asad)

“Wakil“ ist jemand, der vertrauenswürdig ist und an den man sich um Rechtleitung und Hilfe wenden kann. (Maududi)

Keiner ist wirklich mu’min, der nicht seine Sache Allah anheim stellt. (Qutb)


 

3. O ihr Nachkommen derer, die Wir mit Nuch (in seinem Schiff) getragen haben! Er war wahrlich ein dankbarer Diener.12

 

12. Allah erinnert die Kinder Israels an ihre Abstammung von denen, die Allah auserwählte, um mit Nuch, Allahs Segen und Frieden auf ihm, als einzige gerettet zu werden. Auch die Bezeichnung Nuchs, Allahs segen und Frieden auf ihm, als Diener Allahs ist beabsichtigt, um die Gleichartigkeit der Eigenschaften aller Propheten hervortreten zu lassen. (Qutb)

Allah für Essen, Trank, Kleider und all seine Habe zu danken. Aus diesem Grunde wurde er mit der Bezeichnung dankbarer Diener bedacht. (ibn Kasir)

Die einzigen Nachkommen Nuchs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, nach der Sintflut waren diejenigen, die mit ihm auf sein Schiff gerettet worden waren. Sie hatten besonders Grund, Allah zu preisen. Sie fielen jedoch in Götzendienst, Laster und Verbrechen zurück. Hier werden sie an die aufrichtige und vorbehaltlose Hingabe Nuchs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, selbst erinnert im Gegensatz zur Würdelosigkeit seiner Nachkommen, besonders der Kinder Israels. (Juusuf `Allii)

Ihr solltet Allah allein zu eurem Beschützer nehmen, wie eure Vorfahren, die der Flut entgingen, weil sie Allah allein zu ihrem Beschützer gemacht hatten. (Maududi)

 


4. Und Wir offenbarten den Kindern Israels in der Schrift13: „Ihr werdet gewiss zweimal Unheil auf Erden stiften,14 und ihr werdet fürwahr voll großer Überheblichkeit sein."15

 

13. In dem Buch, das Allah Muusa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, offenbarte, damit es eine Rechtleitung für die Kinder Israels ist, wird ihnen mitgeteilt, was ihnen zugedacht ist, wenn sie Unrecht auf Erden begehen. Und diese Zerstörung soll eine Warnung sein, damit sie sich hüten, denn Allah handelt nach Seinen unabänderlichen Gesetzmäßigkeiten (Sunnach Allah). (Qutb)

Dies scheint sich auf die glühenden Worte des Propheten Jesajas und ähnliche Warnungen zu beziehen, beispielsweise Jesaja 24 (das ganze Kapitel); 5:20-30 oder 3:16-26. (Juusuf `Ali)

Wahrscheinlich bezieht es sich auch auf die Voraussagen Jeremias', Jachjas und Isas, Allahs Segen und Frieden auf ihnen allen. (Asad)

 

14. Auf welche beiden Anlässe bezieht sich dies? Möglicherweise ist „zweimal" eine Redewendung, die bedeuten soll „mehr als einmal". Es kann aber auch sein, dass es sich

1. auf die Zerstörung des Tempels durch die Babylonier und

2. auf die Zerstörung Quds durch Titus bezieht, wonach der Tempel nie wieder aufgebaut wurde. Vergleiche auch oben Fußnote

Beide Ereignisse waren ein Strafgericht Allahs für die Vergehen der Juden und ihre Arroganz. (Juusuf `Allii)

Ibn 'Abbas sagte: „Ihr erstes Vergehen war die Tötung Sakarias und ihr zweites die Tötung des Jachjas, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden. (Safwat Al-Tafaasir)

Allah verurteilt niemanden zum Unheilstiften, denn Er kann niemals Schlechtigkeit gebieten. Durch Sein Wissen jedoch weiß Er schon vorher, was sein wird. (Qutb)

 

15. Hoch hinaufsteigen in Rebellion und Vergehen gegen Allah und Menschen. (Darjabadi)

Da sowohl in der Bibel als auch im Qur’an erwähnt wird, dass sich die Kinder Israels vielmals gegen Allahs Gesetz auflehnten, muss auf jeden Fall angenommen werden, dass sich der Ausdruck „zweimal" nicht auf zwei einzelne Anlässe, sondern auf zwei bestimmte historische Epochen bezieht. (Asad)

Dawuud war der erste, der das Volk Israel vorn Folgen ihres Verhaltens warnte, beispielsweise in Psalm 106. Es folgten die biblischen Propheten bis hin zu Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihnen beiden.   .

,,... und euch mit großem Stolz erheben (und zweimal dafür bestraft werden)". (Juusuf `Allii)

 

 

5. Und als das Versprochene für das erste der beiden (Vergehen) eintraf,16 setzten Wir gegen euch von Unseren Dienern solche ein, die über gewaltige Kampfkraft verfügten,17 und sie drangen in das Innerste der Häuser ein.18 So ging das Versprechen in Erfüllung.19

 

16. Als das erste Urteil vollstreckt wurde. (Darjabadi)

 

17. Eine treffende Beschreibung für den kriegerischen Nebukadnezar und seine Babylonier. Sie waren Diener Allahs in dem Sinne, dass sie Werkzeuge für Allahs Zorn waren, der sich über die Juden ergießen sollte, denn sie drangen in ihr Land ein, in ihren Tempel und ihre Häuser und führten die Juden - Männer, Frauen und Kinder - in die Gefangenschaft. Vergleiche auch Jesaja 3:16-26. (Juusuf `Allii)

Auch in der Bibel wird der Begriff „Mein Diener" auf Nebukadnezar angewandt (Jeremia 25:9). (Darjabadi)


18. Nebukadnezar ging gnadenlos gegen das besiegte Volk vor. (Darjabadi)

 

19. Quds wurde zerstört. Der Tempel, der Königspalast und die Häuser der Stadt wurden verbrannt, die Mauern niedergerissen, der Oberpriester und andere führende Persönlichkeiten hingerichtet, und viele Menschen in die Gefangenschaft fortgeführt. Dieses Ereignis sollte in der jüdischen Geschichte und Literatur eine bedeutende Rolle spielen. (Darjabadi)

Dass Allah starrsinnigen Sündern Heimsuchung „schickt", ist hier, wie überall im Qur’an, eine Umschreibung für das natürliche Gesetz von Ursache und Wirkung, dem auf lange Sicht das Leben des Menschen - besonders auch das kollektive Leben von Gemeinschaften und Nationen - unterworfen ist. (Asad)

 

 

6. Dann führten Wir euch wieder zur Macht über sie zurück20 und gewährten euch Reichtum und Nachkommen21 und ließen eure Schar an Zahl wachsen.22

 

20. Von ibn 'Abbaas und Qutaada wird überliefert, dass dies Goliath und seine Soldaten waren, die sie zuerst besiegten und beherrschten. Dann aber, als diese in Sünde versanken, ließ Allah die Kinder Israels die Oberhand über sie gewinnen, und Dawuud, Allahs Segen und Frieden auf ihm, tötet Goliath. (ibn Kasir)

Nachdem die Kinder Israels den Schmerz der Unterwerfung und Erniedrigung genug zu kosten bekommen hatten, kehrten sie wieder zu ihrem Herrn zurück und handelten recht. Zugleich wurden ihre Eroberer überheblich und stolz. Sie wurden grausam und lasterhaft. So wandte sich das Schicksal der Eroberten und Erniedrigten zu ihren Gunsten. (Qutb)

Um 520 v. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, kehrten die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft zurück und begannen ein neues Leben. Sie bauten den Tempel wieder auf. In Verbindung mit Esra führten sie verschiedene Reformen durch und bauten ein neues Judentum auf. Eine Zeitlang ging es ihnen gut. Ihre früheren Unterdrücker, die Babylonier, waren inzwischen im persischen Reich aufgegangen. Persien wiederum ging im Reich Alexanders auf. Ganz Westasien wurde hellenisiert, auch die neue Schule der Juden, die in Alexandria ein bedeutendes Zentrum hatte. Ihre Basis in Filistin blieb jedoch bestehen und erlebte unter der Asmonäer-Dynastie (167-63 v. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm) eine neue Blüte. Eine andere Dynastie, zu der Herodes gehörte, genoss fast unabhängige Macht. 65 v. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, h ging die Herrschaft in Syrien und Filistin an die Römer über, und die jüdischen Könige übten eine Art Marionettenherrschaft aus. Die Juden verhielten sich aber wiederum hartnäckig abweisend gegenüber Allahs Gesandtem, nämlich zur Zeit von Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und das unvermeidliche Strafgericht folgte in der vollständigen und endgültigen Zerstörung des Tempels unter Titus im Jahre 70 n. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm.

(Juusuf `Allii)

Durch ein euch freundlich gesinntes Volk. (Darjabadi)

 

21. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil folgte eine neue Blütezeit. Vergleiche auch Hesekiel 1:9-11. (Darjabadi)

 

22. Vergleiche auch Hesekiel 2:64-65. (Darjabadi)

Wir ließen eure Zahl an Männern mehr werden als die eures Feindes, um euch in die Lage zu versetzen, zur Macht zurück zu gelangen. (Safwat Al-Tafaasir)

 

 

7. Wenn ihr Gutes tut, so tut ihr das Gute für euch selbst, und wenn ihr Übles tut, so ist es zu eurem eigenen (Schaden).23 Und als das Versprochene für das zweite Vergehen eintraf,24 da wurden eure Gesichter entstellt,25 und sie betraten den Tempel,26 so wie sie ihn das erste Mal betreten hatten,27 und sie brachten völlige Zerstörung über alles, was in ihre Gewalt gelangt war.28


23. Bevor die Erzählung hier weitergeführt wird, wird die Basis von Handeln und Vergeltung festgesetzt die Basis, die unabänderlich ist im Diesseits und im Jenseits. Nach ihr bemisst sich die Belohnung wie auch die Bestrafung, die natürliche Frucht des eigenen Handelns. (Qutb)

Dieser Satz ist ein Einschub. Wenn jemand Allahs Gesetz befolgt, nützt er damit sich selbst; er tut damit keinem anderen einen Gefallen. Ebenso trägt Böses seine eigenen Früchte. (Juusuf `Allii)

Böses fällt nur auf euch selbst zurück. All dies wurde den Juden durch ihre Propheten verkündet. (Darjabadi) Vergleiche auch Surach 10:108. (Anm. d. Übers.)

 

24. Dies bezieht sich auf die zweite Zerstörung des Tempels unter Titus im Jahre 70 n. Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm. (Asad)

 

25. Der Qur’an nennt wiederum nicht die Leute, die Allah gegen die Kinder Israels geschickt hat, da dies nicht zur Lehre beiträgt. (Qutb)

Grund für dieses Strafgericht war, dass sie den Propheten Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, abgewiesen hatten. „Euer Gesicht entstellen" bedeutet, alles Ansehen und alle Macht zu zerstören, die jemand hat. Das Gesicht steht für die Persönlichkeit eines Menschen. (Juusuf `Allii)

„Jemandes Gesicht entstellen" bedeutet, äußerste Schande über jemanden zu bringen. (Asad)

 

26. Titus zerstörte Quds vollständig. (Juusuf `Allii)

Sie entweihten den Tempel von Quds. (Darjabadi)

 

27. Eure Feinde unter Nebukadnezar. (Darjabadi)

 

28. Es gab eine Hungersnot, und Massaker fanden statt. Überall herrschte Fanatismus. (Juusuf `Allii)

 

 

8. Möge29 euer Herr sich eurer erbarmen.30 Doch wenn ihr es von neuem tut,31 dann werden Wir erneut so handeln.32 Und Wir haben die Hölle zum Gefängnis für die Kafirs gemacht.33

 

29. Auf Allah bezogen bedeutet das Wort “'asa“ (wörtlich: „vielleicht") die Gewissheit, dass dieses Ereignis eintrifft. (Darjabadi)

 

30. Indem Er sie von euch ablassen lässt. (Ibn Kasir)

Falls ihr Reue zeigt. (Al-Dschalalain)

Die Schlussfolgerung der vorher erwähnten Offenbarung und Versprechen wird hier aufgeführt. Nämlich, dass eine hart durchgeführte Bestrafung manchmal den Weg zur Erbarmung führt, wenn man die Lehre daraus zieht. (Qutb)

Wir kommen jetzt in die Zeit des letzten Propheten. Trotz ihrer gesamten Vergangenheit hätten die Juden noch eine Möglichkeit gehabt, Allahs Vergebung zu erlangen, wenn sie nicht auch diesen Propheten hartnäckig abgelehnt hätten. Wenn sie ihre Ungerechtigkeit fortsetzen, wird Allah sie wiederum strafen. (Juusuf `Allii)


31. Wenn ihr zu eurer alten Lebensweise der Ungerechtigkeit und Auflehnung zurückkehrt. (Darjabadi)

 

32. In unserer Bestrafung. (Darjabadi)

 

33. Sie wird sie so umschließen, dass keiner ihr entfliehen wird. (Qutb)

Hasiran wird von ibn 'Abbas als Gefängnis bezeichnet, während Mudschahid sie als Matte oder Unterlage auslegt. (ibn Kasir)

Es gibt sehr wohl Schmach in diesem Leben, aber die endgültige Schmach liegt im zukünftigen Leben, und dann ist sie unabwendbar. (Juusuf `Allii)

Obgleich diese Warnung an die Kinder Israels gerichtet ist, bedeutet dies nicht, dass sie nur für diese gilt. In der Tat ist all dieses an die mekkanischen Götzendiener gerichtet. Sie wurden jedoch nicht direkt angesprochen, sondern eine Episode aus der Geschichte der Kinder Israels wurde benutzt, um sie indirekt durch dieses Beispiel zu warnen. (Maududi)

Die allegorische Bezugnahme auf die jüdische Geschichte in Verbindung mit der mystischen Bedeutung der Himmelsreise des Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  schildert den ständigen Kampf der individuellen Seele gegen das Böse. Es gibt Rückschläge und Strafen. Wenn die Seele jedoch sich selbst und Allah gegenüber aufrichtig ist, gibt Allah ihr Kraft und Erfolg in ihrem Kampf. Denn Allahs Gnade ist unbegrenzt und wendet sich der leidenden Menschheit immer wieder zu. (Juusuf `Allii)

 

 

9. Wahrlich, dieser Qur’an leitet zu dem, was richtig ist,34 und bringt den Mu’mins, die gute Werke tun, die frohe Botschaft, dass ihnen großer Lohn zuteil werden wird.

 

34. Nachdem die Instabilität der Seele am jüdischen Beispiel erwähnt wurde, wird nun auf das Heilmittel hingewiesen, das hier hätte helfen können. Die Botschaft des Qur’an gilt für alle. Wer den Iman verinnerlicht und diesen Iman durch sein Verhalten zum Ausdruck bringt, erntet seine geistigen Früchte. Wer aber den Islam ablehnt, kann der Strafe nicht entgehen. Abgesehen von der Vergangenheit, abgesehen von Fragen der nationalen Geschichte gibt es eine geistige Hoffnung - und eine geistige Gefahr - für jeden einzelnen. (Juusuf `All)

Der Islam erstellt sein Gebäude zugleich auf dem Iman und der Rechtschaffenheit. Denn es gibt keinen Iman ohne Tat und keine Tat ohne Iman. Ersteres gilt als unvollendet und letzteres als ohne Wurzel und Basis. (Qutb)

Der Qur’an führt zur Aufrichtigkeit im Seelen- und Gefühlsbereich durch die klare, einfache Aqida, in der nichts Kompliziertes oder Obskures zu finden ist, die von der Last des Aberglaubens und der Illusion befreit ist, die das wahre Wesen des Menschen frei macht zum Handeln, und die eine Verbindung zwischen den Gesetzmäßigkeiten der äußeren Natur und den Gesetzmäßigkeiten im Inneren des Menschen herstellt. (Qutb)

Das heißt der ethischen Rechtschaffenheit entsprechend und zum Guten des individuellen und gesellschaftlichen menschlichen Lebens. Nachdem also aufgezeigt wurde, dass Ungerechtigkeit immer gleichbedeutend mit Leugnen der Wahrheit ist, kehrt der Qur’an hier wieder zu seinem grundlegenden Thema zurück, dass nämlich Allah dem Menschen immer durch Offenbarung und Seine Propheten Rechtleitung anbietet. (Asad)

 


10. Denjenigen jedoch, die nicht an das Jenseits den Iman verinnerlichen, haben Wir schmerzliche Strafe bereitet.35

 

35. Dies soll alle Individuen oder Nationen warnen, die aus den Ermahnungen des Qur’an nicht lernen wollen. (Maududi)

Die Belohnung der Rechtschaffenen sowie die Bestrafung der Kafirs erfahren beide Parteien am Tag der Auferstehung. (ibn Kasir)

 

 

Abschnitt 2

 

11. Und36 der Mensch erbittet das Schlechte in der gleichen Weise, wie er das Gute herbeiwünscht.37 Wahrlich, der Mensch ist immer voreilig.38

 

36. Meiner Ansicht nach ist die Konjunktion “wa“ („und") in diesem Zusammenhang als nachdrücklicher Hinweis auf den Sachverhalt zu verstehen. (Asad)

 

37. Der Mensch pflegt, wenn er verärgert ist, Schlechtes für sich selbst und für seine Familie herbeizuwünschen, in der gleichen Art und Weise, wie er das Gute herbeiruft. (Al-Dschalalain)

In seiner Unwissenheit Oder Hast hält der Mensch Böses für gut und wünscht sich, was er nicht haben sollte. Der weise und wissende Mensch hat Geduld und setzt nicht seine eigenen Wünsche über Allahs Weisheit. Mit Zufriedenheit empfängt er Allahs Gaben und betet darum, in seinen Wünschen und Bitten recht geleitet zu werden. (Juusuf `Allii)

In einem Hadis von Ibn 'Abbas, Mudschahid und Qatada überliefert, heißt es: „Wünscht euch oder eurem Eigentum nichts Böses herbei, denn das könnte in eine Stunde fallen, in der Allah euren Wunsch erhört und ihn euch gewährt." (ibn Kasir)

Der Mensch, der sich nicht durch den Qur’an rechtleiten lässt, ist seinen eigenen Leidenschaften ausgeliefert, er, der von Natur aus voreilig handelt ohne zu wissen, was für ihn gut und schlecht ist. Er ist ungestüm in seiner Art und handelt oft erregt, auch wenn dies böse Folgen für ihn hat. Solches tut er, weil er Ziel und Folgen der Dinge nicht kennt. Er tut manchmal etwas, das eigentlich Böses für ihn darstellt und sucht dies rasch herbeizuführen, teils unwissentlich, doch manchmal auch wissentlich, ist aber nicht in der Lage, die Wirkung seiner Taten zu kontrollieren oder sich zu zügeln. (Qutb)

Vergleiche Surach 2:216 - „vielleicht verabscheut ihr etwas, das gut für euch ist, während ihr etwas liebt, das schlecht für euch ist; und Allah weiß, während ihr nicht wisst". Mit anderen Worten: Rechtleitung Allahs ist das einzige Kriterium dafür, was gut und böse ist. (Asad)

 

38. Dies beantwortet die Forderung der kafir Mekkaner an den Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, die Strafe herbeizubringen, die er ihnen angedroht hatte. Damit schließt sie eng an den vorigen Ajach an.

Der Ajach enthält aber auch eine angedeutete Warnung für jene Muslime, die um Bestrafung der Kafirs beteten, die sie verfolgten und Allahs Botschaft ablehnten. Auch unter ihnen gab es Menschen, die später den Islam annahmen und sich dafür einsetzten, so dass sie dadurch in der ganzen Welt bekannt wurden. Deswegen spricht Allah: „Der Mensch ist ungeduldig und hastig". Er betet um Erfüllung seiner unmittelbaren Bedürfnisse, auch wenn die Erfahrung oft zeigt, dass es ihm geschadet hätte, wenn Allah  seine Bitte erhört hätte. (Maududi)

 

 

12. Wir haben die Nacht und den Tag zu zwei Zeichen gemacht,39 und während Wir das Zeichen der Nacht erlöschen ließen, erhellten Wir das Zeichen des Tages,40 auf dass ihr Gaben eures Herrn zu erlangen suchet41 und (mit eurer Hilfe) die Anzahl der Jahre und die Berechnung (der Zeit) kennen möget.42 Und ein jedes Ding43 haben Wir genau erklärt.44

 

39. Die Nacht ist eine Vorbereitung auf den Tag. Vielleicht wünschen wir uns - wie der letzte Ajach sagt - den Tag, wenn wir Ruhe für die Nacht brauchen. Beides sind Zeichen Allahs. Finsternis und Licht stehen aber auch für Unwissenheit und Wissen. Oder aber für Trauer und Freude, die beide wichtig für unsere Entwicklung sind. (Juusuf `Allii)

Auch wenn der Begriff Ajach im Qur’an meist im Sinne von „Bottschaft Allahs" verwendet wird, müssen wir daran denken, dass er in erster Linie „Zeichen" bedeutet, oder „Merkmal". Er bezeichnet wahrnehmbare Phänomene aller Art (unabhängig davon, ob sie mit den Sinnen oder mit dem Intellekt wahrgenommen werden können), die mit etwas verbunden sind, das selbst nicht direkt wahrnehmbar ist, also Symbole. Wie aus dem folgenden deutlich wird, beziehen sich die „zwei Symbole" hier auf geistige Finsternis und Licht. (Asad)

Von den Zeichen, die Allah Seinen Gesandten mitgab, geht der Text zu den Zeichen dieses Daseins über. (Qutb)

 

40. Von dem verborgenen Gesetz des Daseins, das Tag und Nacht festlegt, hängt das Streben des Menschen nach Verdienst und das Wissen der Zeitberechnung ab. Auch der Erwerb des Menschen an Gutem oder Schlechtem und seine Vergeltung ist eng mit ihm verbunden. Ein Zusammenhang besteht auch zwischen ihm und den Folgen von Rechtleitung und Irrtum. Mit der Zeit hängt auch Allahs Versprechen zusammen, nicht zu strafen, bevor Er die Menschen durch einen Propheten gemahnt hat. (Qutb)

 

41. Durch physisches Licht erkennen wir physische Fakten. Und diese physische Gabe Allahs ist auf zweierlei Weise gut für uns:

1. wir können unseren Lebensunterhalt erwerben oder auch durch die physischen Wissenschaften Wissen erwerben und eine gewisse Kontrolle über die Naturphänomene erlangen; und

2. der tägliche Aufgang und Untergang der Sonne ermöglicht uns, Tage und Jahre zu berechnen, denn das natürliche Jahr ist das Sonnenjahr. Das geistige Licht ist jedoch noch kostbarer; durch dieses können wir ebenfalls zwei Ziele erreichen, nämlich

1. unseren geistigen Lebensunterhalt und Wissen; und

2. die Berechnung der Stadien, die wir in unserer geistigen Entwicklung durchlaufen. Wir sollten geduldig sein und nach allem als etwas streben, das von Allah kommt - in Freude und Trauer, in Wissen oder bei fehlendem Wissen um jene Dinge, die wir nicht erfassen können. Wir sollten uns über das freuen, was Allah uns gegeben hat, und nicht ungeduldig das zu erlangen versuchen, was Er uns in Seiner Weisheit vorenthalten hat. Nach allem sollten wir unter der Rechtleitung des allwissenden Allahs streben. (Juusuf `Allii)

Indem ihr eurer Arbeit und euren Geschäften nachgeht. (Darjabadi)

 

42. Und andere Zeiteinteilungen, die durch den regelmäßigen Wechsel von Tag und Nacht bestimmt werden können. (Darjabadi)

Dieser Satz bezeichnet auch „die Lebensjahre (eines Menschen), die er zählt". Dies beinhaltet offensichtlich eine Aufforderung zur geistigen Selbstkritik angesichts der Vergänglichkeit des irdischen Lebens. (Asad)

 

43. Alles, was für den Islam notwendig ist. (Darjabadi)

 

44. Nichts in dieser gesamten Existenz ist Sache des Zufalls oder der Willkür. Und die Präzision des verborgenen Gesetzes, das den Wechsel von Tag und Nacht bewirkt, drückt die Genauigkeit der Planung und der Ordnung in Allahs Schöpfung aus. (Qutb)

Allah fordert den Menschen auf, die Weisheit zu studieren, die der Vielfalt in der Welt zugrunde liegt, und nicht verwirrt zu sein und sich nach Monotonie zu sehnen. Das ganze System beruht auf der Vielfalt und Verschiedenheit der Dinge, wie beispielsweise Tag und Nacht, ohne die es in der Welt kaum Leben geben könnte. Ebensolche Weisheit liegt in der Erschaffung von Menschen mit verschiedenen Temperamenten, Gedanken und Neigungen. Ohne dies hätte der Sinn der Schöpfung des Menschen nicht erfüllt werden können. (Maududi)

 

 

13. Und jedem Menschen haben Wir sein Geschick45 an seinen Nacken geheftet, und Wir werden am Tag der Auferstehung ein Buch hervorbringen,46 das vor ihm offen gelegt wird.47

 

45. “Taa'ir“ bedeutet wörtlich „Vogel" und damit ein Omen, das Schicksal. Vergleiche auch Surach 36:19. Wie die alten Römer versuchten auch die Araber, die Geheimnisse des menschlichen Schicksals aus dem Vogelflug zu lesen. Selbst heutzutage versuchen viele Menschen, die Zukunft mit ähnlichen abergläubischen Praktiken vorauszusagen. Im vorigen Ajach haben wir von Zeichen Allahs, erfahren, aber die dienen keinem solchen primitiven Zweck. Unser wirkliches Schicksal hängt nicht von Vögeln oder Omen oder Sternen ab, sondern von unseren guten und bösen Handlungen, die an uns festhängen. Der Mensch schafft sein eigenes Schicksal.

(Juusuf `Allii)

Die Qur’anische Vorstellung von „Schicksal" bezieht sich weniger auf äußere Umstände als auf die Richtung, die das Leben eines Menschen nimmt, auf das geistige Schicksal des Menschen, das von seiner moralischen Entscheidung abhängt. Es ist von ihm selbst abhängig. (Asad)

 

46. Einen Bericht, in dem alle seine Handlungen verzeichnet sind. (Darjabadi)

Gemeint ist, dass die Taten jedes Menschen, ob klein oder groß, für ihn verwahrt werden. (ibn Kasir)

 

47. Seine Taten werden somit bloßgelegt. Er kann sie weder verbergen noch ignorieren. (Safwat Al-Tafaasir)

Unsere Handlungen, gute wie böse, sind in einem Buch aufgezeichnet, das am Tag des Gerichts offen vor uns liegt, wie sehr wir uns jetzt auch immer unwissend stellen oder versuchen, Einblick in Geheimnisse zu erlangen, die uns nichts angehen. (Juusuf `Allii)

 

 

14. „Lies dein Buch! Deine eigene Seele genügt heute zur Abrechnung über dich."48

 

48. Er braucht dazu keinen anderen als Zeugen oder um abzurechnen. (Qutb)

Unsere wirklichen Ankläger sind unsere eigenen Taten. Warum betrachten wir nicht sie, statt die Zeit mit sinnlosem Aberglauben zu vergeuden? (Juusuf `Allii)

Am Tag des Gerichts sieht der Mensch die Wahrheit über sein gesamtes vergangenes Leben. Ähnliche Allegorien gibt es im Qur’an an verschiedenen Stellen, beispielsweise in Surach 37:19 oder 39:68 oder besonders deutlich in Surach 50:22, wo gesagt wird: „Jetzt haben Wir den Schleier von dir gehoben, und heute ist deine Sicht scharf." (Asad)

 

 

15. Wer sich rechtleiten lässt, so ist es nur zu seinem eigenen Besten,49 und wer sich irreführen lässt, so geht dies nur zu seinen eigenen Lasten.50 Und keiner trägt die Last eines anderen Sünders.51 Auch pflegen Wir niemals zu strafen,52 ohne vorher einen Gesandten geschickt zu haben.53


49. Zu seinem eigenen Nutzen und Vorteil. (Darjabadi)

 

50. Der Qur’an besteht auf der Lehre von der persönlichen Verantwortlichkeit. Als Grundlage der Ethik wird uns deutlich gemacht, dass unsere eigenen guten und bösen Handlungen unsere höchste Entwicklung fördern oder behindern. (Juusuf `Allii)

Wenn jemand dem rechten Weg folgt, tut er damit nicht Allah oder Seinem Gesandten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, oder irgendeinem Reformer des Islam einen Gefallen, sondern er selbst hat den Nutzen davon. Wenn er jedoch vom rechten Weg abweicht, dann schadet er damit nicht Allah oder Seinem Gesandten oder einem Reformer des Islam, denn sie wollen die Menschen nur vor Falschem schützen und ihnen den rechten Weg zeigen. Sie verfolgen damit keine eigennützigen Ziele. Ein weiser Mensch wird daher den rechten Weg einschlagen, sobald ihm deutlich wird, was Wahrheit und was Trug ist. Wenn jemand aufgrund seiner Vorurteile und Eigeninteressen die Wahrheit ablehnt, dann wird er sein eigener Feind. (Maududi)

Vergleiche auch Surach 10: 108. (Anm. d. Übers.)

 

51. Die Lehre von einer stellvertretenden Sühne wird hier verurteilt. Für die Bösen kann nicht das Heil erlangt werden, indem ein Unschuldiger für sie bestraft wird. Keiner kann die Last eines anderen tragen; das wäre ungerecht. Jeder muss seine eigene persönliche Verantwortung tragen. Vergleiche auch Surach 6:164. Allahs Zorn wendet sich jedoch niemals gegen jemanden, bevor dieser nicht durch einen Propheten gewarnt worden ist.

(Juusuf `Allii)

Der Qur’an betont immer wieder die Lehre von der persönlichen Verantwortung, denn niemand kann dem rechten Weg folgen, ohne die damit verbundenen Implikationen voll verstanden zu haben. Es bedeutet, dass jeder ganz allein für sein moralisches Verhalten verantwortlich ist und niemand diese Verantwortung mit ihm teilen kann. Ein weiser Mensch sollte deshalb nicht das Verhalten anderer imitieren oder sein eigenes Verhalten mit den Handlungen anderer zu rechtfertigen versuchen. (Maududi)

Vergleiche auch Surach 35:18 und 39:7 mit den entsprechenden Fußnoten sowie auch Surach 53:38, wo dieser Grundsatz der Ethik zum ersten Mal im Qur’an ausgedrückt wird. (Asad)

 

52. Allah straft kein Volk und keine Gemeinschaft ohne Warnung. (Darjabadi)

 

53. Es gehört zu Allahs besonderer Barmherzigkeit gegenüber Seinen Geschöpfen, dass Er sie nicht bestraft allein aufgrund der Beweise, die Er in diesem Dasein ausgebreitet hat, oder aufgrund der Verpflichtung, die Er ihnen seit Adam, Allahs Segen und Frieden auf ihm, abgenommen hat, sondern erst dann, wenn Er Gesandte zu ihnen geschickt hat, um sie zu warnen und zu ermahnen. (Qutb)

So dass ihr vollständig die Bedeutung von Richtig und Falsch versteht. Vergleiche auch Surach 6:131-132 und die entsprechende Fußnote, sowie Surach 28:59 (die der Offenbahrung dieser Surach unmittelbar vorausgeht). (Asad)

Es wäre ungerecht, wenn jemand bestraft würde, der den rechten Weg gar nicht kennt. (Maududi)

 

 

16. Und wenn Wir eine Stadt der Vernichtung preisgeben wollen,54 dann lassen Wir Unseren Befehl55 an jene ergehen, die sich dem Wohlleben ergeben haben. Doch sie lebten weiter ausschweifend in ihr,56 Hierauf wird das Urteil57 gegen sie fällig und Wir zerstören sie ganz und gar.58

 

54. Infolge der ständigen Gesetzlosigkeit ihrer Einwohner. (Darjabadi)

Allahs Wille hat für das menschliche Leben Gesetze geschaffen, die unabänderlich sind. Sie richten sich nach Ursache und Wirkung, und danach vollzieht sich Allahs Wille und Urteil. Allah würde niemals zu freveln befehlen. Doch die Existenz von Menschen, die sich völlig dem Wohlleben ergeben haben, ist in sich ein Beweis dafür, dass diese Gesellschaft von Grund auf zerstört ist. Und damit hat sie die Bestimmung Allahs gegen sich erwirkt. (Qutb)

 


55. Wörtlich: „Unser Gebot", nämlich sich zu bessern. Der Begriff “Qarja“ (wörtlich: „Stadt") bedeutet gewöhnlich - wenn auch nicht immer - „eine Gemeinschaft" oder „Leute einer Gemeinschaft". (Asad)

 

56. Allahs Barmherzigkeit gibt den Bösen jede Gelegenheit zur Umkehr. Wenn die Bosheit so überhandnimmt, dass eine Bestrafung unvermeidlich wird, selbst dann wirken Allahs Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zusammen. Von denen, die große Gaben von Allah erhalten haben - seien es Reichtum oder gesellschaftliche Stellung oder Begabungen oder andere Möglichkeiten - wird erwartet, dass sie begreifen und gehorchen. An sie sind zunächst das Gebot zur Selbstbesinnung und die Warnung gerichtet. Wenn sie weiterhin Böses tun, bleibt kein Platz mehr für Argumente. Sie können sich nicht auf ihre Unwissenheit berufen. Allahs Urteil ergeht gegen sie und wird vollstreckt. (Juusuf `Allii)

An diejenigen, die sich unter Ausschluss aller moralischen Bedenken mit den „guten Dingen des Lebens" befassen. Aufgrund ihres Reichtums an Besitz und Einfluss sind diese Leute die tatsächliche Führungsspitze ihrer Gesellschaft und damit moralisch für das Verhalten ihrer Anhänger mitverantwortlich. (Asad)

 

57. “Qaul“ bedeutet hier „Wort", „Befehl", „Gesetz", „Urteil, das nach einem bestimmten Gesetz gegen jemanden ausgesprochen wird." (Juusuf `Allii)

Vergleiche auch Surach 10:33 und die entsprechenden Fußnoten. (Anm. d. Übers.)

 

58. Sie und ihre Bewohner wurden der Vernichtung preisgegeben. (Al-Dschalalain)

Vergleiche auch Surach 5:16. Allah hat das Gewissen geschaffen, damit die Menschen dadurch geleitet werden. Wenn sie ihrem Gewissen nicht folgen, sondern jenen einflussreichen Leuten, die die tatsächlichen Führer der Gesellschaft sind, selbst aber Korruption in der Gesellschaft verbreiten, dann verdient dieses Volk Allahs Zorn. Umgekehrt ist dies eine Ermahnung für jede Gemeinschaft, dass sie sorgfältig ihre Führer auswählen sollte, denn wenn letztere böse sind, führen sie die Gemeinschaft ihrem Untergang entgegen. (Maududi)

 

 

17. Und wie viele Generationen haben Wir nach Nuch59 vernichtet! Und es genügt, dass Dein Herr mit der Schuld Seiner Diener vertraut ist und sehr wohl sieht.60

 

59. Die Sintflut bildet einen Neuanfang in der Geschichte. Aber selbst danach wurden hunderte von Staaten, Städten und Generationen wegen ihrer Schlechtigkeit vernichtet. (Juusuf `Allii)

Vergleiche Surach 7:59-64 und 11:25-49. (Anm. d. Übers.)

Die Ermahnung ist an die kafir Quraischiten gerichtet, die den Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, Lüge bezichtigten. Allah will ihnen mit diesen Worten zeigen, dass sie nicht edler sind als jene, die Er bestraft hat dafür, dass sie Seine Gesandten verleugneten. (ibn Kasir)


60. Die Bösen sollen nicht denken, sie seien mit ihrer Bosheit unbemerkt davongekommen, nur weil ihnen eine gewisse Lebensspanne und zeitweiliger Luxus gewährt worden ist. Allah beobachtet und beachtet alles, Offenkundiges wie Geheimes. Er kennt die verborgenen Motivationen und Gedanken der Menschen und braucht kein anderes Beweismittel. (Juusuf `Allii)

Er braucht keine weiteren Zeugen. (Darjabadi)

 

 

18. Wenn jemand nach Vergänglichem61 strebt, so lassen Wir ihn unverzüglich daran teilhaben, soviel Wir wollen und für wen Wir es wünschen.62 Dann bereiten Wir für ihn die Hölle,63 in der er verachtet und ausgestoßen Qualen erleiden wird.64

 

61. Wer ausschließlich dieses Leben leben will, so dass er nicht nach Höherem trachtet als nach dieser Erde, dem gibt Allah sofort seinen Anteil daran, wenn Er will. (Qutb)

Hier wird erklärt, warum der Erfolg manchmal den Bösen recht zu geben scheint.

1. Vergängliche Dinge sind in der ewigen Ordnung der Dinge nur von geringem Wert;

2. sie werden nach einem bestimmten Plan Allahs verteilt, nicht weil ihre Empfänger sie sich wünschen; und

3. das Ziel der Bösen ist schließlich ewiges Elend und Verlust der Gnade - die Hölle, die schlimmer ist als Vernichtung in den Begriffen dieser Welt. (Juusuf `Allii)

Vergängliche Güter sind ganz sicher kein Zeichen für Allahs Zustimmung, sondern Er verteilt sie in Übereinstimmung mit Seinem allumfassenden Plan. (Darjabadi)

 

62. Allah gewährt ihnen großzügig alles, was sie von den Annehmlichkeiten dieser Welt wünschen. (Darjabadi)

 

63. Wörtlich: „Wir teilen ihm die Hölle zu". (Asad)

Wer sich nur seinen Neigungen und Begierden hingibt, und nicht darauf achtet, wie er diese irdischen Freuden zu erreichen sucht, der begeht unwillkürlich solche Sünden, die ihn direkt zur Hölle führen. (Qutb)

 

64. Verachtet für sein falsches Handeln und Tun, als er das Vergängliche dem Fortdauernden vorzog. (ibn Kasir)

Dann wird Hochmut und Arroganz gedemütigt. Diese Schande und der Ausschluss davon, „Allahs Angesicht sehen zu dürfen", ist schon in sich eine Strafe, deren Schwere nicht in Begriffen dieser Welt ausgedrückt werden kann. (Juusuf `Allii)

Jemand, der nicht an das zukünftige Leben den Iman verinnerlicht und nur für den Erfolg in dieser Welt kämpft, dient damit dieser Welt und verhält sich falsch, denn er hat kein Gefühl für seine persönliche Verantwortung gegenüber Allah. Damit verdient er diese Strafe. (Maududi)

 

 

19. Wer aber nach dem Jenseits strebt65 und sich eifrig darum bemüht und mu`min ist,66 dem wird sein Bemühen dereinst gedankt.67

 

65. Hier kommt das Gegenstück zum letzten Ajach. Wer nur irdischen Erfolg wünscht, bekommt ihn manchmal und missbraucht ihn. Auch diejenigen, deren Blick auf das zukünftige Leben gerichtet ist, bekommen ihren Anteil an Allahs Überfluss, vorausgesetzt, sie erfüllen die Bedingungen, die in der nächsten Fußnote ausführlich erläutert werden. Ihre Wünsche und Bestrebungen aber sind vor Allah wohlgefälliger. (Juusuf `Allii)


66. Und er verinnerlicht den Iman an die Vergeltung und Belohnung. (ibn Kasir)

Der bloße Wunsch nach moralischem und geistigem Gut genügt nicht. Er muss sich in ernsthaftem Streben äußern und von einem Iman getragen sein. Unter solchen Voraussetzungen sind menschliche Wünsche für Allah annehmbar. (Juusuf `Allii)

Streben nach dem Guten des zukünftigen Lebens setzt Iman an Allah und Verantwortungsbewusstsein Ihm gegenüber voraus. Daher bezieht sich das Wort „Iman" in diesem Zusammenhang offensichtlich auf die Erkenntnis der absoluten Einheit und Einzigartigkeit Allahs sowie die Bereitschaft, die Rechtleitung zu akzeptieren, die Er dem Menschen durch die prophetischen Offenbarungen schickt. (Asad)

Das Leben auf dieser Erde ist angemessen für Vieh, Reptilien, Insekten und anderes Getier. Das Leben des Jenseits ist würdiger für den Menschen, denn dort ist er in Allahs Nähe, Der ihm Ehre erwies und ihn aufs beste erschaffen hat. (Qutb)

 

67. Er wird für alle Bemühungen in seinem Streben nach dem zukünftigen Leben belohnt. (Maududi)

 

 

20. Jeden von ihnen, die einen wie die anderen, versehen Wir mit den Gaben deines Herrn.68 Und die Gaben deines Herrn werden niemandem versagt.69

 

68. Hier handelt es sich um die Gaben des Diesseits. (Al-Dschalalain)

Was diese oder jene erhalten, sind nichts anderes als Allahs Gaben. Sowohl die einen, die das diesseitige Leben suchen, bekommen davon, wie auch die anderen, die das Jenseits erstreben. (Qutb)

 

69. Im Diesseitigen Leben werden die Gaben Allahs niemandem vorenthalten. (Al-Dschalalain)

Allah versorgt alle, die Gerechten wie die Ungerechten. Der Unterschied wird jedoch aus den beiden nächsten Versen deutlich. (Juusuf `Allii)

Allah schenkt Gerechte und Ungerechte, aber es sind die Gaben Allahs und keines anderen. Die Diener dieser Welt sind nicht in der Lage, den an dem zukünftigen Leben Orientierten Allahs Gaben vorzuenthalten, und umgekehrt. (Maududi)

 

 

21. Schau, wie Wir den einen von ihnen vor den anderen den Vorzug gegeben haben,70 doch das Jenseits ist größer an Rang stufen und größer an Auszeichnung.71

 

70. In irdischen Gütern, ohne Rücksicht darauf, ob die Empfänger gut oder böse sind. Reichtum und Einfluss sind kein Kriterium für die Nähe eines Menschen zu Allah. (Darjabadi)

Vergleiche auch Surach 16:71 mit den entsprechenden Fußnoten. (Anm. d. Übers.)

Die Verschiedenheit der Menschen auf dieser Erde ist offensichtlich in ihren Mitteln, ihre Richtungen und Taten. (Qutb)

Auf der Erde gibt es Reiche wie auch Arme, Hübsche wie auch Hässliche, solche die jung sterben und andere, die uralt werden. (ibn Kasir)


71. Der Mensch soll nicht meinen, alle Gaben Allahs seien von gleichem Wert. An geistigen Werten orientierte Menschen haben einen weit höheren Stellenwert vor Allah als diejenigen, die nur an Vergänglichem interessiert sind. Es wäre daher völlig falsch, den irdischen Wohlstand eines Bösen mit dem scheinbaren Mangel bei einem geistig orientierten Menschen zu vergleichen. Nach richtigen Maßstäben gemessen gibt es zwischen beiden keinen Vergleich. (Juusuf `Allii)

Der höhere Rang derjenigen, die nach dem zukünftigen Leben streben, äußert sich nicht in Überlegenheit in materiellen Dingen, sondern liegt auf einer ganz anderen Ebene. Sie genießen die wahre Ehre und Zuneigung, die den Tyrannen und Einflussreichen versagt bleibt. Alles, was sie auf dieser Welt erwerben, erwerben sie nämlich auf ehrliche Weise, während jene unlautere und grausame Methoden anwenden. Sie geben es sinnvoll und für rechtschaffene Zwecke aus, erfüllen ihre Pflichten anderen gegenüber, spenden für Arme und Bedürftige, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, während jene ihre Mittel für Vergnügen und Luxus ausgeben oder damit Korruption und andere Missstände verbreiten. Deswegen sind die Mutaqis vorbildlich in jeder Hinsicht und somit besonders erhöht. (Maududi)

Die Ungleichheit im Jenseits ist noch gewaltiger als die auf der Erde. Denn während die einen die untersten Stufen der Hölle erleiden, genießen die anderen die höchsten Stufen des Paradieses. Und wie es mehrere Stufen in der Tiefe der Hölle gibt, enthält das Paradies hundert Rangstufen. (ibn Kasir)

 

 

22. Setze nicht neben Allah eine andere Gottheit,72 damit du nicht verachtet und enttäuscht zurückbleibst.73

 

72. Die scheinbare Ungleichheit der Gaben Allahs lässt kurzsichtige Menschen an Allahs Gerechtigkeit zweifeln. Der Fehler liegt jedoch im mangelnden Wissen und Iman dieser Menschen. Es gibt keine Entschuldigung für sie, wenn sie andere Wesen als Allah anbeten und verehren. Niemand außer Allah ist unserer Verehrung würdig. (Juusuf `Allii)

Dieser Satz kann auch übersetzt werden: „Erfindet nicht eine andere Gottheit neben Allah" oder „Stellt keine andere Gottheit an Allahs Seite". (Maududi)

Nachdem Allah zuvor erklärt hat, dass das Glück, das Jenseits zu erlangen, davon abhängt:

1. dass man es will,

2. dass man sich bemüht dahin zu streben und

3. dass man mu`min ist. Nun werden die Einzelheiten dieses Bemühens in Form von 25 Geboten dargestellt. 1. Die Einzigartigkeit Allahs: „Setze keine Gottheiten neben Allah." (Safwat Al-Bajaan)

 

73. Wenn unvernünftige Menschen sich der Verehrung anderer Gottheiten zuwenden, werden sie nicht nur enttäuscht, sondern verlieren bei ihren Mitmenschen den Respekt und sind auf geistiger Ebene zum Elend verurteilt. Alle ihre Begabungen und Handlungen nützen ihnen nichts. (Juusuf `Allii)

 

 

Abschnitt 3

 

23. Und dein Herr hat entschieden,74 dass ihr niemanden außer Ihm75 anbeten und den Eltern Wohltaten erweisen76 sollt. Falls einer von ihnen oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen,77 dann sage niemals ein mürrisches Wort78 zu ihnen und schelte sie nicht,79 sondern sprich in gütiger Weise mit ihnen.80

 

74. In den nun folgenden Ajachs sind die Grundprinzipien dargelegt, auf denen der Islam die Gesamtstruktur des menschlichen Lebens aufbaut. Sie bilden sozusagen das Manifest des Aufrufs, das der Prophet Muchammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm, gegen Ende seines Aufenthalts in Mekka verkündete, vor Beginn des neuen Stadiums in Medina. Auf diese Weise sollte jeder wissen, dass die neue islamische Gesellschaft und der islamische Staat auf solchen ideologischen, moralischen, kulturellen, wirtschaftlichen und rechtlichen Grundlagen aufgebaut werden sollte. (Maududi)

 

75. Das Verbot, niemand anderem zu dienen. (Safwat Al-Bajaan)

Auf das Verbot des Götzendienstes (im letzten Ajach) folgt hier unmittelbar das Gebot, Allah allein zu dienen. Dass es sich dabei um ein unbedingtes Gebot handelt, wird durch das Wort “qada“ (wörtlich: „Er bestimmte") besonders betont. (Qutb)

Dieses Gebot ist sehr umfassend. Es verbietet nicht nur die Anbetung irgendeines anderen als Allah, sondern bedeutet auch, dass wir Allah allein vorbehaltlos gehorchen und uns Ihm allein hingeben. Seine Gebote und Sein Gesetz sind allein des Gehorsams würdig, und Seine Autorität steht über allem. Dies ist also nicht nur eine Anweisung, die sich auf das Bekenntnis zum Islam und die individuelle Praxis bezieht, sondern sie dient als Grundlage des moralischen, kulturellen und politischen Systems, wie es in Medina durch den Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, verwirklicht wurde. Ihr oberstes Prinzip ist, dass Allah allein der Souverän und Gesetzgeber ist. (Maududi)