Teil 11

Suura 1 “Die Eröffnung“ – Suura 2 “Die Kuh“ Aja 141

 

1. Der Qur’an wird in dreißig etwa gleichlange Teile unterteilt, von denen beispielsweise je ein Teil an jedem Abend des Fasten­monats Ramadan anlässlich der Tarawi-Gebete rezitiert wird. Diese Unterteilung ist eine rein mechanische, also unabhängig vom Inhalt des Qur'ans.

2. Jedes Kapitel oder jeder Abschnitt des Qur’ans wird Suura genannt. Das bedeutet Stufe oder Schritt, also Stufe, um die wir (in unserem religiösen Verständnis) höher steigen. Manchmal wurden ganze Suuras offenbart, manchmal nur Teile, die unter Auf­sicht des Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, entsprechend ihrem Inhalt zusammengestellt wurden. Einige Suuras sind lang, andere kurz, doch durch alle zieht sich ein logischer Faden. Jeder Aja einer Suura wird Aja genannt, was auch so viel wie Zeichen be­deutet. Ein offenbarter Aja ist ein Zeichen der Weisheit und Güte Allahs, ebenso wie Allahs herrliche Werke in der sicht­baren Schöpfung oder Sein Wirken im Gang des Geschehens Zeichen für uns sind, wenn wir nur zu verstehen vermochten. Auch die Ajas sind von unterschiedlicher Länge. Die Aja ist die tatsächliche Einheit des Qur’ans.

 

Die Eröffnung3

3. Für wichtige Dinge haben die Araber mehrere Bezeichnungen, wie zum Beispiel für das Schwert haben sie über 100 Wörter oder auch für den Löwen haben sie mehr als 90 Namen. Im Qur'an gibt es für bestimmte Sachen mehrere Namen. Als erstes der Qur'an selbst As-Sikr, Al-Kitab, Al-Qur'an, Nuur, Huuda, Tansir und viele andere Namen. So auch der Tag am jüngsten Gericht als das wichtige Geschehnis mehr als 70 Namen hat. Jaumal Achir, Jaumel Qijama, Jaumul Huruusch und viele andere Namen. So hat auch Al-Fatiha mehrere Namen wie As-Saful Qur'an (Basis des Qur'ans) Fatihatul-Kitaab, Ummul-Kitaab (Mutter des Buches), Ummul Qur'an (Mutter der Qur'ans), Al-Schifa (Heilung), Al-Ruqija, Asch-Schafija, Al-Kafija, Al-Qur'anum Asiim, Al-Hamdu, und As-Salah jene sind alle Namen von Al-Faatiha. (Abdul-Asiim)

Faatiha=Eröffnungs-Suura. Nach allgemeiner Übereinstimmung steht diese Suura zu Recht am Anfang des Qur’ans, weil sie in wunderbar überzeugenden und alles einschließenden Worten des Menschen Verhältnis zu Allah in Andacht und Gebet zusammenfasst. In unserer geistigen Andacht sollten die ersten Worte die des Lobes sein. Wenn dieses Lobpreisen aus unserem tiefsten Inneren entspringt, versetzt es uns in Einklang mit Allahs Willen. Dann erblicken unsere Augen überall Gutes, Frieden und Harmonie. Übel, Auflehnung und Uneinigkeit werden ausgelöscht. Sie existieren nicht für uns, denn unsere Blicke heben sich darüber hinweg in Anbetung. Dann erkennen wir die Eigenschaften Allahs besser (2-4). Dies versetzt uns in den Zustand der Andacht und Erkenntnis (5). Und schließlich kommt die Bitte um Führung und das Nachdenken darüber, was Führung bedeutet (6-7). Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Allah der Lobpreisung nicht bedarf. Er ist über jedes Lob erhaben; vor Ihm bedarf es nicht des Bittens, denn Er kennt unsere Bedürfnisse besser als wir selbst; und Seine Gaben werden allen ohne Bitten zuteil, dem Rechtschaffenen ebenso wie dem Übeltäter. Das Gebet ist zu unserer eigenen geistigen Entfaltung, zur Tröstung und Festigung bestimmt. Darum sind uns die Worte dieser Suura so gegeben, wie wir sie aussprechen sollen. Wenn wir zu geistiger Einsicht gelangen, fließen sie uns ganz spontan von den Lippen. Die sieben Ajas dieser Suura stellen eine vollkommene Einheit dar. Sie werden in jedem Gebet und bei vielen anderen Gelegenheiten rezitiert. Siehe Suura 15, Aja 87.

 

1. Im Namen Allahs, des sich Erbarmenden, des Barmherzigen.4

4. Die beiden Worte "Rachman" الرَّحْمـنِ oder "Rachiim" الرَّحِيمِ , übersetzt mit "der sich Erbarmende" und, "der Barmherzige" beziehen sich auf verschiedene Aspekte von Allahs Eigenschaft der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit kann Mitleid bedeuten, Langmut, Geduld und Vergebung. All dies braucht der Sünder, und Gott, der Allbarmherzige, gewährt es in überreichem Maß. Doch es gibt eine Barmherzigkeit, die schon gewährt wird, bevor es ihrer bedarf; die Gnade, die stets bereitgehalten wird und die von Allah, dem Allergnädigsten, ausgeht und über Seine Geschöpfe ausgeschüttet wird, sie beschützt, bewahrt, lenkt und sie zu klarem Licht und höherem Leben geleitet. Aus diesem Grund wird das Wort "Rachman" nur in Verbindung mit Allah benutzt, während "Rachiim" sich auch auf Menschen beziehen kann. Um uns zum Nachdenken über diese uneingeschränkten Gaben Allahs zu bringen, wird der Satz "Im Namen Allahs, des sich Erbarmenden, des Barmherzigen" jeder Suura des Qur’ans (mit Ausnahme der neunten Suura) vorangestellt. Die Meinungen darüber, ob dieser Satz als eigener Aja nummeriert werden sollte oder nicht, gehen auseinander in zwei große Gruppen von Gelehrten. Allgemeine Übereinstimmung besteht darüber, dass er einen Teil des Qur’ans darstellt. Deshalb erscheint es besser, ihm in der ersten Suura eine eigene Nummer zu geben. In den folgenden Suuras wird er als Einleitung behandelt oder als Überschrift und deshalb nicht nummeriert. Qutb schreibt in seinem Kommentar zu diesem Aja: "Im Namen Allahs sind die ersten Worte, die dem Propheten Muchammad, Friede sei mit ihm, offenbart wurden, also der wirkliche Anfang des Qur’ans: "Lies im Namen deines Herrn..." (Suura 96, Aja 2). Es sind die Worte, die am Beginn jeder Tätigkeit gesprochen werden, heute ebenso wie zur Zeit ihrer Offenbarung vor 1400 Jahren."

Dieser Satz wird auch "Besmele" genannt, da wenn man ihn in einen zusammenhängenden Text als "Bismillahhir..." zu lang wäre. Jenes wurde nach der Zeit unsres Propheten Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, eingeführt hat aber jedoch allgemein Gültigkeit.

Es gibt auch weitere Abkürzungen wie Hauqale (La Haula wa Laquwata ila billa), Sabhalla (Subahanallah) und Hamdallah (Alhamdullilah).

 

2. Preis5 sei Allah, dem Herrn der Welten6 ,

5. Wörtlich: "der Preis", "das Lob", das heißt "aller Preis", "alles Lob" gebührt nur Allah allein (Qutb).

Doch das Wort steht nicht nur für Lobpreisung sondern auch für Bewunderung, und damit für die Verherrlichung und Verehrung dessen, dem es zuteil wird.

6. Wenn wir lesen "Herr der Welten", so bedeutet das, dass Allah die absolute Herrschaft über alles, also über die gesamte Schöp­fung und nicht nur über die Menschen gehört. Dies ist einer der wesentlichsten Grundsätze der islamischen Lebensanschauung. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang auch, dass Allah nicht nur alles erschaffen und dann sich selbst überlassen hat, sondern die gesamte Schöpfung erhält, ernährt, über sie wacht. Die Bindung zwischen dem Schöpfer und dem Erschaffenen ist eine ständige, immer bestehende und nie unterbrochene, und zwar zu allen Zeiten und in jeder Lage. Aus der absoluten Herrschaft über alles wird die absolute Einheit Gottes, der strenge Monotheismus des Islam verständlich. (Qutb)

Wenn der Diener diesen Aja wiederholt sagt Allah: "mein Diener hat mich gelobt". (Abdul Asiim)

 

3. Dem sich Erbarmenden, dem Barmherzigen6a,

6a.Wenn der Diener diesen Aja wiederholt sagt Allah: "mein Diener hat mich gepriesen". (Abdul Asiim)

 

4. Dem Herrscher am Tage des Gerichts6b.

6b. Wenn der Diener diesen Aja wiederholt sagt Allah: "mein Diener hat mich hoch geehrt". (Abdul Asiim)

 

5. Dir allein7 dienen wir und Dich allein bitten wir um Beistand7a.

7. Wenn wir in unserer Seele Allahs Liebe und Fürsorge erkennen, Seine Gnade und Seine Allmacht sowie Seine Gerechtigkeit (als Herrscher am Tage des Gerichts), so ist das unmittelbare Ergebnis, dass wir uns in einem Akt der Anbetung verneigen und sowohl unsere Fehlbarkeit wie auch Seine allumfassende Macht anerkennen. Wenn wir sagen: „Dir allein dienen wir und Dich allein bitten wir..." so besagt das, dass wir nicht nur die Haltung der Anbetung Allahs einnehmen und Ihn um Seine Hilfe bitten, sondern dass wir nur Ihn anbeten und nur Ihn um Hilfe bitten. Denn es gibt nichts und niemanden sonst, der unserer Anbetung würdig wäre und uns helfen könnte. Die Pluralform “wir“ bedeutet, dass wir uns mit all denen zusammentun, die Gott suchen, womit wir uns selbst bestärken und die Gemeinschaft aller Mu`mins festigen.

7a.Wenn der Diener diesen Aja wiederholt sagt Allah: "das was zwischen mir und mein Diener ist". (Abdul Asiim)

 

6. Führe8 uns den geraden Weg,

8. Wenn wir in der Übersetzung das Wort “führen“ wählen, dann müssen wir sagen: "Führe uns zu und auf dem rechten Weg." Denn wir gehen möglicherweise ziellos umher und es ist der erste sinnvolle Schritt, den Weg überhaupt zu finden. Oft ist dies jedoch zugleich der enge und steile Weg, den viele Menschen fürchten (90:11). Meist ist es so, dass der rechte Weg geschmäht und der krumme Weg gepriesen wird. Wie können wir hier zur richtigen Unterscheidung kommen? Wir müssen um Allahs Führung bitten. Mit ein wenig geistiger Einsicht werden wir erkennen, welche die Menschen sind, die im Licht der Gnade Allahs wandeln, und welche diejenigen, die in der Finsternis des Zorns Allahs gehen. Abdul-Hamid Siddiqi schreibt dazu: "Dieses Gebet“ diese Bitte besagt, dass der Mensch mit Hilfe seines eigenen Verstandes und seiner Einsicht (so weise er auch sein mag), den rechten Weg nicht finden kann, ja ihn aufgrund seiner eigenen Bemühungen nicht einmal zu befolgen vermag. Es ist Allah allein, Der durch Seinen Gesandten der Menschheit den rechten Weg gewiesen hat und es ist durch Seine Gnade Allahs, dass sie geradewegs ihrem Ziel zugeführt wird. Mit diesen wenigen Worten wird uns ins Bewusstsein gerufen, dass Prophetentum und Rechtleitung Allahs unerlässlich sind zur Führung eines rechtschaffenen Lebens.

 

7. Den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, die nicht (Deinem) Zorn9 verfallen sind und die nicht irregehen10;

9. Wenn in diesem Aja von Gnade gesprochen wird, so ist dies die Barmherzigkeit Allahs, die uns weit über unsere eigenen Verdienste hinaus umfasst. Für den Zorn hingegen sind wir durch unsere eigenen Taten verantwortlich.

10. Hier ist von zwei Arten von Menschen die Rede, von jenen nämlich, die sich in der Finsternis des Zorns befinden und von jenen, die irregehen. Zur ersten Kategorie gehören die, die absichtlich Allahs Gesetz brechen, zur zweiten jene, die aus Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit irregehen. Beide sind für ihre eigenen Taten oder Versäumnisse verantwortlich. Im Gegensatz zu beiden stehen die Menschen, die der göttlichen Gnade teilhaftig werden, denn diese Gnade bewahrt sie nicht nur davor, willentlich Unrecht zu begehen (wenn sie nur ihren Willen Allah unterordnen), sondern auch davor, sich auf die Wege der Ver­suchung und Unachtsamkeit zu verirren.

Wenn der Diener diesen Aja wiederholt sagt Allah: "mein Diener bekommt das worum er gebeten hat". Ein Bittgebet wir erfüllt. (Abdul Asiim)

 

Einführung zu der Suura Al-Baqara البقرة  "Die Kuh“

So wie die Faatiha in sieben herrlichen Ajas die Essenz des Qur’ans darstellt, fasst diese Suura in 286 Ajas die gesamte Lehre des Qur’ans zusammen. Sie ist eine ganz auf verstandesmäßige Erfassung ausgerichtete Gedankenfolge.

Zusammenfassung:

Die Suura befasst sich anfangs (1-2) mit drei Arten von Menschen (den Mu`min, den Kaafirs und den Munafuqs) und beschreibt, wie sie Botschaft aufnehmen.

Dann folgt die Geschichte von der Schöpfung des Menschen (30-39), seiner hohen Bestimmung, seinem Sturz und der Hoffnung, die ihm schließlich doch wieder winkt.

In der Erzählung über Israel, die Vorrechte, die diesem Volk eingeräumt wurden und wie es sie missbrauchte (40-86), sehen wir abermals eine Parabel auf die allgemeine Menschheitsgeschichte. Die Erzählung knüpft an israelische Aufzeichnungen und Überlieferungen an.

Insbesondere aus dem Leben von Muusa as und Isa as erfahren wir, wie diese gegen ein widerspenstiges Volk zu kämpfen hatten, wie die Besitzer der Schrift, ihnen zuteil gewordenen Offenbarungen verfälschten und schließlich in ihrem unmäßigen Stolz Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  nicht anerkennen wollten, obwohl er in echter prophetischer Reihen­folge erschien (87-121).

Sie beriefen sich fälschlicherweise auf die Tugenden des Stammvaters Ibrahiims, Allahs Segen und Frieden auf ihm. Er war in der Tat ein rechtschaffener Führer, doch war er nicht nur der Vorfahre der Linie Israels, sondern auch der Linie Ismael, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  (nämlich der Araber). Und es war Ismael mit dem er gemeinsam die Kaaba errichtete. Damit begründete er das geistige Zentrum des allgemeingültigen und weltumfassenden Islam (122-141).

Von da ab sollte die Kaaba zum Mittelpunkt der Anbetung und zum Symbol islamischer Einigkeit werden (142-167).

Nach der Festlegung der Grundsätze für die 'Ummach (Gemeinde) mit ihrem eindeutigen Zentrum und Symbol, folgen Gebote für das Zusammenleben der Gemeinschaft. Hier gilt die Bedingung, dass Rechtschaffenheit nicht aus sinnlosen Formalitäten (und deren Einhaltung) besteht, sondern im Imaan in Güte, Gebet, Mildtätigkeit, Redlichkeit und in Geduld unter widrigen Umständen. Die Gebote beziehen sich auf Essen und Trinken, Almosengeben und Fasten, Dschihad (das heißt die Bemühung für die Sache Allahs), auf Wein und Glücksspiel, und auf die Behandlung von Waisen und Frauen (168-242).

Um Missverständnisse über den Dschihad auszuschließen, wird dieses Thema nochmals in der Geschichte von Saul, Goliath und Dawuud, Allahs Segen und Frieden auf ihm, im Gegensatz zu der von Isa, Allahs Segen und Frieden auf ihm, handelt (243-253).

Damit wird uns klar vor Augen gehalten, dass wahre menschliche Tugend in mutigen Taten, getragen von echtem Imaan und Güte (254-283), während uns im einzigartig schönen Thron-Aja (255) die überwältigenden Eigenschaften Allahs ins Gedächtnis gerufen werden.

Zum Abschluss werden wir (284-286) nochmals zum Imaan, Gehorsam, persönlichem Verantwortungsbewusstsein und Gebet aufgerufen.

Dies ist die längste Suura des Qur’ans, die gleichzeitig auch den längsten Aja (282) beinhaltet. Al-Baqara (die Kuh) ist diese Suura nach der Parabel von der jungen Kuh in den Ajas 67-71 benannt, die die Unzulänglichkeit eines widerwilligen Gehorsams darstellt. Sie lehrt uns, dass die Menschen, sobald sie den Imaan verlieren, unter allerlei Ausreden auch den Gehorsam verweigern. Und selbst wenn sie schließlich dem Buchstaben nach gehorchen, dann fehlt die richtige Geisteshaltung. Dies bedeutet, dass sie gefühllos werden und in ihrer Selbst­herrlichkeit gar nicht bemerken, dass sie geistig nicht mehr lebendig sondern tot sind. Denn Leben bedeutet Bewegung. Tätigkeit, Streben, Ankämpfen gegen das Niedrige, Gemeine. Das ist der wesentliche Gehalt dieser Suura, die größtenteils während der ersten Zeit in Medina offenbart wurde.

Macht eure Häuser nicht zu Gräbern lest Suura Al-Baqara

Wer Suura Al-Baqara einmal am Tag leist dann kommt der Teufel 3 Tage nicht in das Haus

Wer Suura Al-Baqara auswendig kann wird Amir von der Gruppe und Suura Al-Baqara wird Fürsprache machen am Tag des jüngsten Gericht für einen einlegen.

 

Suura 2

Die Kuh

Im Namen Allahs, des sich Erbarmenden, des Barmherzigen.

1. Alif Laam Miim1

1 Allah ist der Wissende über diese Buchstaben.

Die Buchstaben Elif, Lam, Mim الم. finden sich zu Beginn der (insgesamt sechs) Suuras 2, 3, 29, 30, 31 und 32. Die Suuras 2 und 3 befassen sich mit dem Aufstieg und Niedergang von Völkern, mit ihrer geschichtlichen Vergangenheit und ihrer Zukunft. Sie sind gedacht als Lehre für die neuen Anhänger des Islam in aller Welt. In Suura 29 leitet eine ähnliche Beweisführung in Bezug auf die Völker über zum Mysterium von Leben und Tod Fehlschlag und Triumph, Vergangenem und Künftigem Im Lebensablauf der einzelnen Menschen. Suura 30 besagt, dass Allah der Ursprung von allem ist und dass alles zu Ihm zurückkehrt. Auch die Suuras 31 und 32 lehren uns, dass Allah der Schöpfer ist und am Jüngsten Tag der Richter sein wird. All diesen Suuras ist also ein Gedankengang gemeinsam, nämlich der des Geheimnisses von Leben und Tod, Anfang und Ende.

Viel ist geschrieben worden über die Bedeutung dieser Buchstaben, doch das meiste davon sind reine Mutmaßungen. Einige Kommentatoren geben sich damit zufrieden, sie einfach als mystische Symbole anzuerkennen, deren Erörterung mit den Mitteln verbaler Logik müßig ist. In der Mystik nehmen wir Symbole als solche vorerst hin; ihre esoterische Bedeutung wird uns durch Erleuchtung klar, wenn wir dazu innerlich bereit sind.

Unter den Mutmaßungen befinden sich zwei plausible Theorien: Die eine besagt, das jeder Anfangsbuchstabe für eine Eigenschaft Allahs steht. Es ist nicht schwer, unter diesen Eigenschaften drei auszuwählen, die zu diesen Buchstaben passen. Eine andere Theorie, nämlich die von Baidawi bevorzugte ist, das diese Buchstaben die Anfangs-, End- und Mittel- (oder abermals Anfangs-) Buchstaben der drei Namen Allah, Dschibriil und Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, symbolisieren. Das bedeutet Allah ist der Ursprung der Offenbarungen, Dschibriil der himmlische Bote, der sie überbrachte, und Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, ist der irdische Gesandte, durch den sie in menschlicher Sprache verkündet wurden. Dies mag im Hinblick auf die erste Suura zutreffen (denn Al-Baqara ist eigentlich die erste, wenn wir Al-Faatiha als Einführung betrachten). Doch wenn diese Buchstaben auch anderen Suuras vorangestellt werden, warum dann nur diesen sechs?

Wenn wir das Wesen der Laute, die durch diese Buchstaben wiedergegeben werden, betrachten, dann ist "Elif" ein aus der Kehle kommender Hauchlaut "Lam" ein Zungen-Gaumen-Zahn-Laut, der aus der Mundmitte kommt, und ,Mim ein Labial oder Lippenlaut. Können wir sie deshalb nicht als Symbole für Anfang, Mitte und Ende nehmen? Und wenn wir das tun, passen sie dann nicht gerade zu jenen Suuras, die sich ganz besonders mit Leben, Heranreifen und Tod befassen mit dem Anfang und dem Ende? In der griechischen Fassung des Neuen Testaments stehen der erste und. letzte Buchstabe des griechischen Alphabets, Alpha und Omega, als Symbole für Anfang und Ende, geben eine der Bezeichnungen Allahs wieder: "Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, spricht der Herr, Der ist und Der war und Der kommen wird, der Allmächtige." (Geheime Offenbarung des Apostels Johannes 1/8).

 

2. Dies ist das Buch, an dem es keinen Zweifel gibt; (es ist) eine Rechtleitung für die Mutaqi2

2. Unter Taqwa ist zu verstehen:

1. die Furcht vor Allah; die (wie schon in den Sprüchen Suleymaans, Allahs Segen und Frieden auf ihm,   im Alten Testament nachzulesen) der Anfang aller Weisheit ist;

2. das Zurückhalten oder Im- Zaum- Halten der Zunge, der Hand und des Herzens von allem Üblen, demzufolge also Rechtschaffenheit, Frömmigkeit und gutes Benehmen.

All diese Gedanken sind in diesem Wort beinhaltet, in der Übersetzung kann jedoch nur der eine oder andere ausgedrückt werden, so wie es der Zusammenhang erfordert. Siehe auch Suura 47: 17 und Suura 74 :56 sowie Fußnote dazu.

Es gibt in diesem Zusammenhang eine schöne Überlieferung von Ubey ibn Ka'b, einem Gefährten des Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, Er ant­wortete auf .die, Frage des Amirul Muminin ’Umar, was Taqwa, bedeutet ,,O Beherrscher der Mu`mins, wie siehst du dich vor, wenn du einen Pfad entlanggehst, an dem auf beiden Seiten Dornenbüsche stehen?" "Ich raffe mein Gewand zusammen und schreite vorsichtig den Pfad entlang," antwortete 'Umar: "damit nicht ein Teil meines Gewandes in den Dornen hängen bleibt." Darauf sagte Ubey ibn Ka'b: "Das ist genau, was Taqwa bedeutet."

 

3. Die an das Verborgene den Imaan verinnerlicht haben, das Gebet (regelmäßig) verrichten und von dem spenden, was Wir ihnen gegeben haben3;

3. Zeitgemäß kommentiert Qutb "das Verborgene": "Der Imaan an das Verborgene ist eine Schwelle, die nur der Mensch überschreiten kann. Auf seinem Weg von der Entwicklungsstufe des Tieres, das nur das wahrnehmen kann, was ihm seine Sinne vermitteln, bewegt er sich auf die Entwicklungsstufe des Menschen zu, der willens ist zu begreifen, dass das Dasein größer und vollkommener ist als das, was sich mit den Sinnen oder modernen Geräten, die ja nur ein verlängerter Arm der Sinne sind, erfassen lässt. Ein Mensch, der von seinen geistigen Fähigkeiten keinen Gebrauch macht und nur in seiner Sinneswelt lebt, ist natürlich nicht gleich einem Menschen, der sich als Teil der gesamten Schöpfung versteht, die sich ihm durch seine Intuition und sein inneres Wahrnehmungsvermögen erschließt."

Alle Gaben kommen von Allah. Es mag sich dabei um materielle Dinge handeln wie Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Reichtümer und dergleichen, oder um Dinge, die sich nicht greifen lassen, wie Einfluss, Macht, Gesundheit, Begabungen, Abstammung und die Möglichkeiten, die sich einem dadurch eröffnen, oder um geistige Gaben wie Einsichtigkeit und richtiges Unterscheiden zwischen Gut und Böse, Verständnis für die Mitmenschen, die Fähigkeit zu lieben und dergleichen mehr. Wir sollten von all diesen Gaben in Demut und mit Maß Gebrauch machen. Doch wir sollten auch von jeder einzelnen dieser Gaben etwas hingeben, um damit zum Wohl anderer beizutragen. Wir sollten weder Asketen noch in Luxus schwelgende Genießer sein, weder selbstsüchtige Geizhälse noch gedankenlose Verschwender.

 

4. Und die an das den Imaan verinnerlicht haben was dir offenbart worden ist, und an das, was vor dir offenbart wurde, und die vom Jenseits überzeugt sind4.

4. Gemeint sind die Mu`mins, die an das, was Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und den vorausgegangenen Propheten, Friede mit ihnen Allen, offenbart wurde, den Imaan verinnerlicht haben, denn wer könnte vom Qur’an "oder der Bibel und der Thora profitieren" wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass sie das Wort Allahs sind? Diese Mu`mins sind auch vom Jenseits überzeugt. Aus dieser Überzeugung folgt die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Taten und das Bewusstsein, dass diese Welt nicht ewig bestehen bleibt, sowie dass Erfolg oder Misserfolg auf Erden unabhängig von materiellen Werten sind.

 

5. Sie sind es, die von ihrem Herrn rechtgeleitet sind und sie sind es, denen es Wohlergehen wird5.

5. Wohlergehen im Jenseits, aber auch auf Erden, weil das Bewusstsein, in Übereinstimmung mit Allahs Geboten zu   leben, Glück und vor allem ein reines Gewissen und damit Zufriedenheit bedeutet.

 

6. Fürwahr, denen, die Kaafir sind6, ist es gleich, ob du sie warnst oder nicht6a.

6. Kufr كَفَر (bedeutet eine vorsätzliche Ablehnung des Imaans im Gegensatz zu einer falschen Vorstellung von Allah die nicht unvereinbar ist mit dem aufrichtigen Wunsch, die Wahrheit zu erkennen. Wo ein solcher Wunsch vorhanden ist, weist die Gnade und Barmherzigkeit Allahs den rechten Weg. Doch diese Rechtleitung kann nicht wirksam werden, wenn sie absichtlich zurückgewiesen wird, was durch den freien menschlichen Willen durchaus möglich ist. Die Folge dieser Zurückweisung ist dann das Absterben der geistigen Fähigkeiten, so dass sie den besseren Einflüssen gegenüber unempfänglich sind. Siehe auch Fußnote zu 2:88.

6a. Dies bedeutet nicht das man die Kaafir nicht warnen sollte

 

7. Versiegelt7 hat Allah die Herzen und ihr Gehör und über ihren Augen ist ein Schleier7a; ihnen wird eine gewaltige Strafe zuteil.8

7. Alle Ereignisse haben ihren Ursprung in Allah. Wenn wir also für unsere vorsätzliche Abkehr die Strafe bekommen, indem unsere Sinne versiegelt, also für das Gute unzugänglich gemacht werden, ist diese Bestrafung auf die Gerechtigkeit Allahs zurückzuführen. Darjabaadi schreibt dazu: "Man beachte, dass das Versiegeln ihrer Herzen die Folge der vorsätzlichen Entscheidung für den Kufr ist, nicht deren Ursache."

7a.Sie hören nur äußerlich der Schleier, der verhindert das sie nicht sehen ist im Kopf und ihr Herz. Dieser verhindert das Denken und das Lieben.

8. Die Strafe steht hier im Gegensatz zum Wohlergehen in Suura 2:5. So wie uns das hingenommene Böse mit ständig wachsender Macht immer tiefer hinabzerrt, beschwingt uns das Gute zu immer höheren Leistungen.

 

 

Abschnitt 2

8. Unter den Menschen gibt es auch einige, die sagen9: "Wir haben an Allah und an den Jüngsten Tag den Imaan verinnerlicht", doch sie sind gar keine Mu`mins,

9. Wir kommen nun zu der dritten Art von Menschen, den Heuchlern. Sie sind sich selbst gegenüber unaufrichtig und deshalb sind ihre Herzen von Krankheit befallen (Suura 2: 10). Sie sind - noch - heilbar, doch wenn sie ihre Herzen verhärten, werden sie alsbald zu der Art von Menschen gehören, die den Islam vorsätzlich ablehnen.

 

9. Sie versuchen, Allah zu betrügen und diejenigen, die den Imaan verinnerlicht haben; doch sie betrügen nur sich selbst, und sie begreifen (es) nicht.

10. In ihren Herzen ist eine Krankheit, und Allah hat ihre Krankheit größer werden lassen10, und eine schmerzliche Strafe wird ihnen zuteil um dessentwillen, was sie logen.

10. Der unaufrichtige Mensch, der meint, er könne beide Seiten zum Besten halten, indem er mit dem Guten und dem Bösen Kompromisse schließt, verschlimmert nur die Krankheit seines Herzens. Selbst das Gute, das auf ihn zukommt, kann sich zu Bösem verkehren. Es ist wie mit dem Regen, der die Ähre mit Korn füllt oder der Rose Duft verleiht, während er ebenso dem Dorn Kraft gibt oder das Gift einer Pflanze vermehrt. Dazu meint Mauduudi: "Ihrer Schlechtigkeit wegen vermehrt Allah die Krankheit ihrer Doppelzüngigkeit. Selbst wenn es so aussieht, als hätten sie vorläufig mit ihrer Falschheit Erfolg, sind sie immer fester von deren Nützlichkeit überzeugt und wenden sie noch häufiger und ausdauernder an als zuvor."

 

11. Und wenn ihnen gesagt wird: "Stiftet nicht Unheil auf Erden", so sagen sie: "Wir sind doch Förderer des Friedens."

12. Gewiss jedoch sind sie diejenigen, die Unheil stiften, allein sie begreifen es nicht.11

11. Viel Unheil wird, manchmal unbeabsichtigt, von Menschen angerichtet, die meinen, sie hätten eine Friedensmission zu erfüllen, während sie nicht einmal eine wirkliche Vorstellung von Recht und Unrecht besitzen, In ihrer blinden Anmaßung unterdrücken sie das Gute und leisten dem Bösen Vorschub.

Gerade zu diesem Aja haben wir etliche Beispiele aus der jüngsten Geschichte, wo die Staatsmänner in Ost und West ihren Völkern "Frieden und Wohlstand" versprechen, obwohl sie von dem wirklichen Sinn und Gehalt dieser Worte keinerlei Ahnung haben.

 

13. Und wenn ihnen gesagt wird: "Verinnerlicht den Imaan wie (andere) Menschen den Imaan verinnerlicht haben", so sagen sie: "Sollen wir etwa wie Idioten den Imaan verinnerlichen?" Gewiss jedoch sind sie selbst die Idioten, allein sie wissen es nicht.12

12.  Dies ist eine weitere Entwicklungsphase des Munafuqs und Zynikers. "Imaan", sagt er, "ist nur etwas für Narren," Doch dieser Zynismus dürfte wohl die größte Dummheit vor Allah sein. Zu diesen Ajas schreibt Mauduudi: "Wenn es heißt: “verinnerlicht den Imaan wie (andere) Menschen den Imaan verinnerlichen“, dann bedeutet dies: „Wenn ihr vorgebt, an den Islam zu den Imaan zu verinnerlichen, dann müsst ihr ihn ehrlich und aufrichtig in seiner Gesamtheit mit all seinen Geboten anerkennen und dementsprechend leben" Zu den Munafuq meint er: "Sie betrachten diejenigen als Toren, die sich durch aufrichtige Befolgung der islamischen Gebote Unannehmlichkeiten und Gefahren aussetzen. Nach ihrer Auffassung ist es nichts anderes als Torheit, wenn man sich der Wahrhaftigkeit und Redlichkeit zuliebe alle Welt zum Feind macht. Sie halten es für Weisheit, wenn man sich über Recht und Unrecht nicht viel den Kopf zerbricht, sondern sich in erster Linie ums eigene Wohl kümmert."

 

14. Und wenn sie mit denen zusammentreffen, die den Imaan verinnerlicht haben, so sagen sie: "Wir haben den Imaan verinnerlicht." Wenn sie aber mit ihren Teufeln allein sind, sagen sie: "Wir halten es mit euch; (mit den anderen) treiben wir ja nur Spott“.13

13. Doppelzüngigkeit ist Falschheit in besonderem Grade. Deshalb zahlt sie sich am Ende nicht aus, Mit den Teufeln sind diejenigen gemeint, mit denen die Munafuqs in Kufr und Falschheit wetteifern.

 

15. Allah ist es, Der ihrer spottet und sie in ihrer Auflehnung gewähren lässt, so dass sie verblendet umherirren.

16. Das sind die, die den Irrtum für die Rechtleitung eingekauft haben, doch ihr Handel brachte ihnen keinen Gewinn, noch sind sie auf dem rechten Weg.

17. Ihr Gleichnis ist wie das Gleichnis eines (Menschen), der ein Feuer anzündete.14 Als es nun alles um ihn herum erleuchtet hatte, nahm Allah ihr Licht hinweg und ließ sie in tiefer Finsternis zurück, so dass sie nicht sehen.

14. Dieser Mensch wollte Licht haben. Er entfachte ein Feuer. Doch es wurde zu einer gewaltigen Flamme, die von vielen beifällig bestaunt wurde. Aber sie hielt nicht lange an. Als die Flamme dann unvermeidlicherweise erlosch, wurde die Finsternis schlimmer als zuvor und sie alle kamen völlig vom Weg ab. Ebenso mögen Munafuqs, Betrug, anmaßender Kompromiss mit dem Bösen, Zynismus oder Doppelzüngigkeit zeitweiligen Beifalls erfreuen. Doch das echte Licht des Imaans und der Aufrichtigkeit fehlt und so müssen schließlich alle, die diesen Weg einschlagen, in die Irre gehen.

 

18. Taub, stumm und blind (sind sie), darum kehren sie nicht um.15

15. In der Verwirrung können sie nicht sprechen oder einander hören. Deshalb enden sie genauso wie jene, die den Imaan vorsätzlich zurückweisen (Suura 2:7), kopflos herumtaumelnd, stumm, taub und blind. Mauduudi und Darjabaadi kommentieren dieses Gleichnis so: "Es war Muchammad (Friede sei mit ihm), der als letzter Prophet das Licht der Wahrheit entzündete, welches Recht von Unrecht, Tugend von Laster unterschied und jene recht leitete, die ihre Fähigkeiten richtig zu gebrauchen wussten. Die Munafuqs hingegen, die von ihrer Selbstsucht geblendet waren, konnten den rechten Weg selbst mit Hilfe dieses Lichtes nicht erkennen. Sie beraubten sich somit ihres eigenen Sehvermögens und blieben in der Finsternis zurück. Deshalb sind sie taub, stumm und blind und können die Wahrheit und das Gute weder hören noch aussprechen noch sehen. Für sie gibt es keine Möglichkeit einer Umkehr."

 

19. Oder (es ist) wie ein Regenguss vom Himmel voller Finsternis, Donner und Blitz. Sie stecken ihre Finger in die Ohren in Todesfurcht vor den Donnerschlägen. Und Allah umfängt die Kaafir.16

16. Eine wunderbar anschauliche und kraftvolle Darstellung des Zustandes jener, die den Islaam zurückweisen. In ihrer Selbstzufriedenheit lassen sie sich normalerweise durch nichts stören. Doch was geschieht, wenn ein starkes Gewitter (sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn) über sie hereinbricht? Sie bedecken ihre Ohren zum Schutz gegen die Donnerschläge und der Blitz lässt sie fast erblinden. Sie befinden sich in Todesangst, doch Allah umfängt sie selbst jetzt, denn Er umfängt zu jeder Zeit alles. Er gewährt ihnen sogar Aufschub. -Kommentar von Mauduudi zu den Ajas 19 und 20: "Mit dieser zweiten Parabel dürften jene Munafuq gemeint sein, die von Zweifeln, Argwohn und mangelndem Imaan heimgesucht werden. Zwar sind sie nicht ganz und gar Kaafir, doch führen sie nur insoweit ein islamisches Leben, als es für sie keine Schwierigkeiten mit sich bringt. Während der Islam als Regenguss der Menschheit Segen brachte, stellte er doch in Form von Finsternis, Donner und Blitz die hier für Behinderung, Gefahr und Anfeindung stehen mögen hohe Anforderungen an die Opferbereitschaft seiner Anhänger. Wenn immer die Aussichten etwas besser wurden, begaben sie sich auf den Vormarsch für den Islam. Doch sobald dunkle Wolken aufzogen oder Anforderungen gestellt wurden, die gegen ihre eigenen Interessen, ihren Aberglauben und ihre Vorurteile gerichtet waren, blieben sie in völliger Bestürzung wie angewurzelt stehen. Allah hätte ihnen, wie den Munafuq in der ersten Parabel, die Fähigkeit entziehen können, die Wahrheit zu sehen. Doch Er gewährte ihnen Aufschub und gibt ihnen die Möglichkeit der Einsicht, so dass sie vielleicht eines Tages den Mut finden werden, sich in guten wie in schlechten Zeiten für den Islam einzusetzen."

 

20. Der Blitz nimmt ihnen beinahe das Augenlicht. Sooft Er es um sie hell werden lässt, gehen sie (in dem Licht) umher, und wenn es um sie dunkel wird, bleiben sie stehen. Und wenn Allah es wollte, hätte Er ihnen gewiss Gehör und Augenlicht genommen. Fürwahr, Allah hat Macht über alle Dinge.

 

Abschnitt 3

21. O ihr Menschen17, dienet eurem Herrn,  Der euch erschaffen hat und die, die vor euch waren; vielleicht werdet ihr Ihn fürchten,

17. Die Botschaft des Islaam richtet sich an die gesamte Menschheit. nicht etwa nur an ein auserwähltes Volk, wie die Thora. Sie hat damit universelle Gültigkeit.

 

22. Der euch die Erde zu einer Ruhestatt18 und den Himmel zu einem Baldachin19 gemacht hat, und vom Himmel Wasser hernieder sandte und dadurch Früchte hervorbrachte als Unterhalt für euch; deshalb stellt Allah keine Götzen20 gleich, wo ihr doch wisst.

18. Das Gleichnis der Erde als Ruhestatt soll die Tatsache versinnbildlichen, dass diese Erde erst bewohnbar gemacht werden musste, damit überhaupt Leben auf ihr ermöglicht wurde. Die Lebensbedingungen, die der Mensch und alle anderen Lebewesen auf Erden vorfinden, sind durchaus kein Zufall oder gar ein Muss, sondern ebenfalls ein Akt der Schöpfung, den die Menschen jedoch allzu gern als etwas Selbstverständliches hinnehmen. (Qutb)

19. Wörtlich: Bau, Überbau. Genauso wie die Begriffe Ruhestatt und Baldachin in enger Beziehung zueinander stehen, besteht ein fester Zusammenhang zwischen dem Himmel oder Kosmos und der Erde. Setzt man für "Baldachin" den wörtlichen "Überbau", so wird damit zum Ausdruck gebracht, dass der Himmel ein planmäßig angeordneter Weltraum ist, durch dessen Einflüsse wie Licht, Wärme, Schwerkraft, das Leben auf der Erde erst möglich gemacht wurde.

20. In diesem Aja werden Beweise der Güte Allahs genannt. Da alle diese Gaben einzig und allein von Allah kommen, solle!! die Menschen keinen falschen Göttern nachjagen, die lediglich ihrer Einbildung entspringen. Diese können nicht nur Götzen in Form von Statuen oder Bildern sein, sondern auch Idole, Aberglaube, das eigene Ich oder gar so wunderbare Dinge wie Poesie, Kunst oder Wissenschaft, wenn sie mit einer solchen Hingabe ausgeübt oder genossen werden, dass sie zu Götzen werden. Doch es kann auch Rassenstolz oder der Stolz auf die gute Abstammung, auf Vermögen, Position, Macht oder Gelehrsamkeit sein.

 

23. Und wenn ihr im Zweifel seid über das, was Wir Unserem Diener (als Offenbarung) herabgesandt haben21, so bringt (doch) eine Suura gleicher Art hervor und ruft eure Zeugen auf außer Allah, wenn ihr wahrhaft seid22.

21. Wie können wir wissen, dass es Offenbarungen gibt und dass sie von Allah kommen? Es gibt einen konkreten Prüfungsmaßstab. Unseren Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) sind viele Suuras offenbart worden und die Menschen werden kategorisch aufgefordert, auch nur eine Suura gleicher Art hervorzubringen. Wenn es jemanden außer Allah gibt, der geistige Wahrheit in so herrlichen Worten einzugeben vermag, dann sollen sie ihre Beweise vorlegen.

22. "Wenn ihr wahrhaft seid" lässt sich auf zweierlei Weise verstehen: zum einen kann es bedeuten, dass der, der im Zweifel darüber ist, ob der Qur’an das Buch Allahs ist, als Untermauerung seiner Zweifel eine Suura wie die des Qur’ans hervorbringen möge. Und zum anderen kann es besagen, dass der, der guten Grund hat zu glauben, er könne andere Helfer herbeirufen, um seine Meinung zu rechtfertigen, diese hier und jetzt zu Hilfe holen möge, denn es gibt keinen geeigneteren Augenblick als diesen, ihre Fähigkeiten und Kräfte vor dem Angesicht Allahs darzutun. (Siddiqi)

 

24. Wenn ihr es aber nicht tut -und nie werdet ihr es tun23 -, dann fürchtet das Feuer, dessen Nahrung Menschen und Steine sind, das bereitet ist für die Kaafir.24

23. Dies ist eine Herausforderung an die gesamte Menschheit, der es bis heute nicht gelungen ist, auch nur eine Suura wie die des Qur’ans hervorzubringen. So wie es bis heute trotz aller großartigen wissenschaftlichen Errungenschaften niemandem gelungen ist, auch nur das geringste unter den Geschöpfen Allahs nachzubilden und ihm Leben einzuhauchen, so wird es niemals jemandem gelingen, auch nur eine Suura hervorzubringen. Der Qur’an ist unnachahmbar, sei es in der Eleganz seiner Sprache, in dem ihm eigenen Stil, in der Gedankenfolge, in der Wahl der Parabeln oder in der Beschreibung von Ereignissen, vor allem aber in der unvergleichlichen Vermittlung der geistigen Wahrheiten. (Siddiqi)

24. Wenn sich die Menschen aus eigenen Kräften mit dem geistigen Licht nicht messen können und doch den Imaan widerspenstig zurückweisen, dann wird ihnen eine Strafe zuteil, die gleichzeitig auch ihre geliebten Idole verzehrt. Vielleicht werden sie wenigstens diese Bestrafung fürchten. Dieses Feuer verschlingt sowohl die Anbeter der Trugbilder wie die Idole, die sie irrtümlich verehren. Siddiqi setzt in seinem Kommentar alle Gegenstände der Anbetung oder Anrufung -abgesehen von Allah den Steinen gleich, wobei deren Hilflosigkeit und Untauglichkeit durch die Starre der Steine symbolisiert wird.

 

25. Doch verheiße denen, die den Imaan verinnerlicht haben und Gutes tun, dass ihnen Gärten zuteil werden, durch die Ströme fließen. Wann immer sie eine Frucht daraus gereicht bekommen, sagen sie: "Das ist (doch dasselbe) was wir (schon) früher (auf Erden) zu essen bekamen." Doch es wird ihnen nur Ähnliches gegeben. Und sie werden darin Gefährten und Gefährtinnen von vollkommener Reinheit haben, und ewig werden sie dort verweilen.25 

25. Dies ist das Gegenbild zum letzten Aja. Wenn das Feuer hier zum Symbol der Bestrafung wird, dann ist der Garten das Symbol für die Glückseligkeit. Und was kann entzückender sein als ein Garten, in dem man von einer malerischen Anhöhe aus eine bezaubernde Landschaft um sich herum betrachten kann? -Ströme und Bäche, in denen kristallklares Wasser dahinplätschert und Obstbäume, die, die wunderbarsten Früchte tragen. So ist die Frucht des Guten zwar Gleicherweise Gutes, doch von noch erlesenerer, sich ständig steigernder Herrlichkeit. Man meint, es sei dasselbe, doch dies scheint nur so zu sein, weil man den Maßstab früherer Erfahrungen und Gedankenverbindungen anlegt. Und dann gibt es dort Gefährten und Gefährtinnen von Reinheit in höchster Vollkommenheit. Die Gemeinsamkeit bezieht sich sowohl auf das männliche als auch auf das weibliche Geschlecht, gemessen an unserer materiellen Welt. Die Sinne umfassende Glückseligkeit ist dabei nicht nur eine zeitlich begrenzte Hochstimmung, sondern sie wird über irdische Zeitbegriffe hinaus ewig andauern.

 

26. Fürwahr, Allah schämt sich nicht, irgendein Gleichnis zu prägen von einer Mücke26 oder was sie (noch) übertrifft (an Winzigkeit oder Größe). Was nun die angeht, die den Imaan verinnerlicht haben, so wissen sie, dass es die Wahrheit ist von ihrem Herrn. Was aber die angeht, die Kaafir  sind, so sagen sie: "Was meint denn Allah mit solchem Gleichnis?" Er führt damit viele irre, aber Er leitet (auch) viele recht; doch führt er damit niemanden irre außer den Frevlern;

26. Das hier benutzte arabische Wort für Mücke ist in Arabisch zugleich eine Bezeichnung für das schwächste aller Geschöpfe. In Suura 29 Aja 41, einem Aja, der vor dieser Suura offenbart worden ist, wird das Gleichnis der Spinne verwendet, ebenso wie in Suura 22 Aja 73 die Fliege für ein Gleichnis herangezogen wird. Für Allah hat alles Erschaffene seine ihm zukommende Bedeutung. Einige von jenen, die wir für die niedrigsten Geschöpfe halten, haben wunderbare Eigenschaften wie etwa die Spinne oder die Fliege. Über Parabeln dieser Art können jene stolpern, die den rechten Pfad verlassen haben, anders ausgedrückt: jene, die ihre Augen absichtlich vor Allahs Zeichen verschließen. Ihre Bestrafung wird auf Allah zurückgeführt, Der, der Ursprung allen Geschehens ist. Um jedoch jedes Missverständnis auszuschließen, wird sofort hinzugefugt, dass das Stolpern nur das Ergebnis der eigenen Entscheidung für den falschen Weg ist. Jene hingegen, denen ihr Imaan und ihr Nachdenken die Zusammenhänge zwischen allem Erschaffenen deutlich macht, werden dieses Gleichnis als einen weiteren Beweis betrachten für die sich in unermesslicher Mannigfaltigkeit äußernde Einheit des Universums, die auf eine einzige Quelle zurückzuführen ist.

 

27. Die den Bund Allahs brechen, nachdem er geschlossen wurde, und trennen, was nach Allahs Gebot zusammenbleiben soll, und Unheil auf Erden stiften. Diese sind die Verlierenden27.

27. Die Ajas 27 und 27 bilden einen Satz und sollten zusammenhängend gelesen werden. Das "Freveln" wird in 2:27 als "Bruch des Bundes (oder Vertrages) mit Allah" definiert, wodurch eine Spaltung unter den Menschen verursacht wurde, die doch einer Gemeinschaft angehören sollten. Die Erwähnung des Bundes hat eine besondere und eine allgemeine Bedeutung. Die besondere bezieht sich auf die jüdische Überlieferung, wonach mit dem Stammvater Ibraahiim, Allahs Segen und Frieden auf ihm, ein Bund geschlossen wurde, dem nach Ibraahiims, Allahs Segen und Frieden auf ihm, Nachkommen Allah zum Dank für die gewährten Wohltaten treu dienen sollten. Doch befand sich ein großer Teil der Nachfahren Ibraahiims, Allahs Segen und Frieden auf ihm, in Wirklichkeit in ständiger Auflehnung gegen Allah was von eigenen Propheten und Predigern ebenso bestätigt wird wie von Muchammad (Friede sei mit ihm). Die allgemeine Bedeutung liegt darin, dass ein ebensolcher Bund im übertragenen Sinn von jedem Geschöpf Allahs eingegangen wird. Für Allahs liebevolle Fürsorge schulden wir Ihm zumindest volle Dankbarkeit und willigen Gehorsam. Der Rebell weiß dies, bevor er sein Gewissen zum Schweigen bringt, ganz genau und verlässt trotzdem nicht nur den rechten Weg, sondern widersetzt sich der Gnade Allahs, die ihm zu seiner Rettung zuteil wird. Der Verlust betrifft jedoch ihn allein, denn niemand kann Allahs Plan durcheinander bringen.

Siddiqi zählt die folgenden drei Merkmale der "Verlierenden" auf, die ihren Charakter durch ständige Übeltaten verdorben haben: "Zum einen zerreißen sie das heilige Band, das sie mit Allah als Dessen Diener verbindet. Der Mensch sehnt sich eigentlich danach, in geistiger Übereinstimmung mit den Forderungen des planenden Willens zu sein und sich dem Gebot Allahs zu unterwerfen. Diese Sehnsucht ist tief in der Seele des Menschen verwurzelt, er ist sich ihrer instinktiv ebenso wie durch seine gemachten Erfahrungen bewusst, doch die, Verlierenden  widersetzen sich absichtlich diesem natürlichen Drang. Zum zweiten zeigt sich ihre unnatürliche Mentalität in ihrer Einstellung zu anderen Menschen. Ihrem Wesen entsprechend sollten sie enge Verbindung zu diesen knüpfen, da sie ja alle der Familie Allahs angehören und ohne gegenseitige Liebe, Zuneigung und Hilfe kein friedliches Leben fuhren können. Doch auch in dieser Hinsicht handeln sie nicht in Übereinstimmung mit ihren natürlichen Eingebungen sondern zerreißen die Bande der Brüderlichkeit. Und zum dritten äußert sich ihre Abwegigkeit in ihrer Handlungsweise. Als Menschen sollten sie Gutes tun, um damit das Wohl der Menschheit und ein friedliches Zusammenleben auf Erden zu fördern. Doch stattdessen stiften sie Unheil und verbreiten Uneinigkeit im Lande."

 

28. Wie könnt ihr Allah leugnen, wo ihr doch leblos wart und Er euch das Leben gab, und euch dann sterben lässt, und euch am Jüngsten Tag (wieder) lebendig machen wird, worauf ihr zu Ihm zurückgebracht werdet?28

28. In den vorangegangenen Ajas werden den Menschen mannigfaltige Tatsachen vor Augen geführt: Allahs Güte gegenüber Seinen Geschöpfen (2:21-22); die Gültigkeit der Offenbarungen Allahs (2:23); die Bestrafung für deren Anzweiflung (2:24); die Belohnung der Mu`mins (2:25); und die Gnade, die für die Mu`mins in Gleichnissen verborgen liegt, während sie den Kaafir zum Verderben werden können (2:26-27). Nun (2:28-29) wird an das subjektive Gefühl der Menschen als Geschöpfe Allahs appelliert: Allah hat sie ins Dasein gebracht; die Geheimnisse des Lebens und des Todes sind in Seinen Händen; wenn sie hier auf Erden sterben, so ist dies nicht das Ende; sie sind von ihm ausgegangen und zu Ihm müssen sie zurückkehren. Und trotzdem wollen sie die Fähigkeit Imaan zu bekommen, die allen ins Herz gelegt ist, absichtlich verleugnen oder zum Schweigen bringen?

Siddiqi meint dazu: "Das Gewissen der Menschen wird aufgerüttelt, indem ihr Augenmerk auf einige ganz eindeutige Tatsachen gelenkt wird. Sie werden dazu angehalten, über ihr Leben nachzudenken, um einzusehen, das ihr gesamtes Dasein von Allah abhängig ist. Er ist es, Der das Leben spendet und den Tod herbeiführt und am Jüngsten Tag alle wieder auferstehen lässt. So wie der Mensch in Bezug auf seine materielle Existenz von der Gnade und Gunst Allahs abhängig ist, so hängt sein geistiges Wohlergehen davon ab, dass er sich dem Willen Allahs unterwirft. Vor allem jedoch ist das der Imaan an das Jenseits, der den Menschen in diesem Aja bewusst gemacht wird."

 

29. Er ist es, Der für euch alles erschuf, was auf Erden ist; dann wandte Er sich dem Himmel zu; Er formte ihn zu sieben Himmeln29 ; und Er weiß über alles Bescheid.

29. Was die "sieben Himmel" betrifft, so sollte man sich vergegenwärtigen, dass in Arabisch wie auch in anderen semitischen Sprachen die Zahl "sieben" oft gleichbedeutend ist mit "mehreren", geradeso wie "siebzig" oder "siebenhundert" oft "viele" oder "sehr viele" bedeutet. So lässt sich der Begriff der "sieben Himmel" gleichsetzen mit einer, Vielzahl von kosmischen Systemen. (Siddiqi)

 

Abschnitt 4

30. Und (gedenke der Zeit) als dein Herr zu den Engeln sagte: "Wahrlich, Ich werde auf Erden einen Statthalter einsetzen." Sie sagten: "Willst Du auf ihr jemanden einsetzen, der dort Unheil stiftet und Blut vergießt, wo wir doch Dein Lob singen und Deine Herrlichkeit rühmen? "Er sagte: "Fürwahr, Ich weiß, was ihr nicht wisst."30

30. Zu diesem Aja gibt es einige interessante Ansichten und Meinungen folgender Kommentatoren:

Juusuf ’Allii: "Es scheint, dass die Engel, obwohl sie heilig und rein und von Allah mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattet sind, nur eine Seite der Schöpfung darstellen. Wir müssen sie uns wohl ohne Leidenschaften und Gemütsbewegungen vorstellen, deren edelste Blüte die Liebe ist. Wenn der Mensch mit Gefühlen begabt werden sollte, so konnten ihn diese Gefühle in höchste Höhen tragen oder in tiefste Tiefen stürzen. Die Fähigkeit, sich frei zu entscheiden, selbst zu wählen, musste mit diesen Gefühlen einhergehen, damit der Mensch das Steuer seines Lebensschiffs selbst in der Hand habe. Die Fähigkeit der freien Willensentscheidung verlieh ihm (sofern er sie richtig nutzte) in gewissem Umfang die Herrschaft über sein eigenes Geschick und über die Natur. Dadurch wurde er dem Wesen Allahs näher gebracht, Das die höchste Gewalt und den absoluten Willen besitzt. Wir können annehmen, das die Engel keinen eigenen, unabhängigen Willen besitzen. Ihre Vollkommenheit auf anderen Gebieten spiegelt die Vollkommenheit Allahs wieder. Doch vermochte sie nicht, sie in den hohen Rang der Statthalterschaft Allahs zu erheben. Der vollkommene Statthalter oder Stellvertreter ist der, der die Fähigkeit und das Recht des eigenen Handels hat, dessen selbständiges Tun jedoch stets genau den Willen seines Herrn wiedergibt. Die Engel sahen infolge ihrer Einseitigkeit nur das Unheil, das sich aus dem Missbrauch der von Gefühlen beherrschten Natur des Menschen ergeben kann; vielleicht verstanden sie auch, da sie selbst ohne Gefühle waren, das Wesen Allahs in einer Gesamtheit nicht, das Liebe gibt und fordert. In Demut und Ergebenheit in Allah machen sie ihre Bedenken geltend. Wir dürfen uns hier nicht die mindeste Schattierung von Eifersucht vorstellen, weil sie ja ohne Empfindungen sind. Da das Geheimnis der Liebe außerhalb ihres Vorstellungsvermögens liegt, wird ihnen gesagt, dass sie “nicht wissen“, und sie gestehen (in 2:32) die Unvollkommen­heit ihres Wissens ein."

Qutb: "Durch diese Bestimmung zum Statthalter Allahs auf Erden ist dem Menschen nicht nur der höchste Rang unter allen Geschöpfen zuerkannt worden, sondern es wird ihm damit auch die ungeheure Aufgabe gestellt, sich die Erde in Übereinstimmung mit dem Willen Allahs untertan zu machen und sie in allen Belangen im besten Sinn zur Entfaltung zu bringen."

Darjabaadi: "Engel sind außerirdische, körperlose, tatsächlich vorhandene Wesen, nicht etwa personifizierte Eigenschaften und etwas nur Gedachtes. Sie sind zulässige Diener Allahs und Seine Gesandten, denen Er vertraut. Als reine Geisteswesen sind sie absolut frei von Sünde und unbestechlich. Nach islamischer Auffassung unterscheiden sie sich unverkennbar ebenso eindeutig von "Göttern" wie von Menschen. Der Islaam kennt nichts dergleichen wie "gefallene Engel" oder "herabgewürdigte Götter".

 

31. Und Er lehrte Adem31 alle Namen32 , dann zeigte Er sie (die benannten Dinge) den Engeln und sagte: "Nennt Mir deren Namen, wenn ihr wahrhaft seid!"

31. Im Islaam war Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  nicht nur unser Vorfahre, sondern zugleich der erste Prophet Allahs auf Erden.

32. Die Kommentatoren stimmen darin überein, dass mit den "Namen" das innere Wesen, die Eigenschaften der Dinge gemeint sind und dass in diesen "Dingen" selbst Nicht-Greifbares wie Empfindungen eingeschlossen ist.

Qutb sieht in der Fähigkeit, das Erschaffene zu benennen und zu verstehen, die Schlüssel des Menschen zur Statthalterschaft Allahs auf Erden, denn im Begreifen der Dinge liegt das Geheimnis der Gewalt über sie. Auch ist diese Fähigkeit eine unabdingbare Voraussetzung für die Verständigung und das Zusammenwirken unter den Menschen, was wiederum erst die Herrschaft über die Schöpfung möglich macht. Die Engel dagegen brauchen diese Fähigkeit für ihre Aufgaben nicht und deshalb ist ihnen dieses Wissen nicht gegeben worden.

Siddiqi kommentiert den Aja wie folgt: "Es ist durch die Bezeichnung, dass der menschliche Geist Dinge wahrnimmt. Doch unter dem Begriff "Namen" oder "Benennung" versteht man so viel wie, Vermittlung von Wissen (über ein Ding). Er wird verwendet, um Wesen oder Eigenschaften zum Zweck der Unterscheidung anzudeuten (Lane). In der Philosophie würde man “Konzept“ sagen. Es ist aufgrund dieses Ajas, dass der Mensch als den Engeln überlegen betrachtet wird (Baidawi). Allahs lehrte Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, die Namen aller Dinge und deren Eigenschaften, denn ohne klares Wissen darüber wären Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und seine Nach­fahren nicht in der Lage gewesen, sich ihrer wirklich zu bedienen und sich verantwortungsbewusst der ihnen übertragenen Aufgabe der Statthalterschaft Allahs zu entledigen.

 

32. Sie sprachen: "Gepriesen seiest Du. Wir haben kein Wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast33; wahrlich, Du allein bist der Wissende, der Weise."

33. Als Allah nun die Engel aufforderte, das Erschaffene zu benennen und sie es nicht konnten, begriffen und gestanden sie ihr Unvermögen ein. (Qutb)

 

33. Er sagte: ,,O Adem, nenne ihnen ihre Namen!" Und als er ihnen ihre Namen genannt hatte34, sagte Er: "Habe ich euch nicht gesagt, Ich kenne die Geheimnisse der Himmel und der Erde und Ich weiß, was ihr offenbart und was ihr geheim haltet? "

34. Als Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, den Engeln die Namen und Eigenschaften der Dinge genannt hatte, war der Beweis erbracht, dass er besser befähigt war zur Statthalterschaft Allahs auf Erden als die Engel.

 

34. Und (gedenke der Zeit), als Wir zu den Engeln sagten: "Werft euch vor Adem nieder"35 ; da warfen sie sich (alle vor ihm) nieder bis auf Ibliis36; er weigerte sich und war hochmütig. Und er gehörte zu den Kaafir.

35. Der Befehl Allahs an die Engel, sich vor Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, niederzuwerfen, ist die höchste Auszeichnung und Ehrung, die überhaupt möglich ist, und gleichzeitig die sichtbare Bestätigung der menschlichen Überlegenheit über die Engel. (Qutb)

36. Die sinnvollere aber nicht ganz für wortgetreue Übersetzung wäre: "doch Ibliis nicht", da Ibliis laut Qur’an kein Engel sondern ein Dschin ist (18:50). Die Tatsache, dass Ibliis hier zusammen mit den Engeln erwähnt ist, lässt darauf schließen, dass er unter ihnen, aber nicht einer von ihnen war. Denn wäre er ein Engel, hätte er sich dem Befehl Allahs nicht widersetzen können. (Qutb)

Mauduudi schreibt zu diesem Aja: "Der Name "Ibliis" (wörtlich: "der Enttäuschte") wurde dem Dschinn gegeben, der Allah nicht gehorchte und sich weigerte, sich vor Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  zu verneigen als Zeichen seiner Unterwerfung ihm und seinen Nachkommen gegenüber, und der Allah bat, ihm Gelegenheit zu geben, die Menschen bis zum Jüngsten Tag in Versuchung zu führen. Man nennt ihn auch Schaytaan. Er ist nicht irgendeine abstrakte Kraft des Bösen, sondern ein Wesen mit eigener Persönlichkeit wie der Mensch. Er ist nicht ein Engel, wie gemeinhin angenommen wird, sondern einer der Dschinns, die ihrerseits eine Art von Wesen darstellen. so wie die Engel einer bestimmten Art von Wesen angehören. Aus dem arabischen Text scheint hervorzugehen, dass Ibliis nicht der einzige war, der sich weigerte, sich vor Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, niederzuwerfen, sondern dass es eine Gruppe von anderen Dschinns gab, die sich auch auf den Ungehorsam versteiften. Der Name von Ibliis ist wohl besonders erwähnt, weil er derjenige war. der den Aufruhr anführte."

 

35. Und Wir sagten: ,,O Adam, weile du und deine Gefährtin im Paradiesgarten37 und esst von seinen Früchten38 nach Herzenslust wo immer ihr wollt! Kommt jedoch diesem Baum39 nicht nahe, sonst würdet ihr zu den Frevlern40 gehören."

37. War der Paradiesgarten ein Platz hier auf Erden? Offenbar nicht. Denn in 2:36 steht, dass es nach dem Sündenfall war, als der Satz gesprochen wurde: "Und ihr sollt auf Erden Wohnstatt und Versorgung auf eine Weile haben." Wir müssen uns vorstellen, dass der Mensch vor dem Sündenfall auf einer ganz anderen Ebene weilte in einem geistigen Dasein voll Glückseligkeit, Unschuld und Vertrauen, dem genauen Gegenteil von Feindseligkeit, mangelndem Imaan und allen Übeln. Vielleicht gab es dort weder Zeit noch Raum und der Garten ebenso wie der Baum sind nur sinnbildlich zu verstehen.

38. Wörtlich übersetzt müsste es statt "esst von seinen Früchten" heißen: "esst von ihm".

39. Im Qur’an finden sich keine weiteren Erläuterungen über den Baum (Siddiqi).

Die Kommentatoren meinen jedoch, dass der "verbotene Baum" nicht der "Baum der Erkenntnis" war, denn dem Menschen war in jenem Stadium der Vollkommenheit ein viel tieferes Wissen gegeben als jetzt (2:31). Vielmehr ist es nach ihrer Ansicht der "Baum des Bösen", von dem zu essen Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm,  verboten war und dem er nicht einmal nahe kommen durfte.

Qutb meint: "Der Baum scheint das Symbol des Verbotenen zu sein, das in diesem Leben eine wichtige Aufgabe hat; denn ohne das Verbotene kann der menschliche Wille nicht wachsen und der Mensch kann sich nicht vom Tier unterscheiden. Ebenso könnte ohne das Verbotene die Geduld des Menschen und seine Treue zum Bündnis mit Allah nicht geprüft werden.

40. Das deutsche Wort "Frevler" gibt nur ungenügend die volle Bedeutung des arabischen "Salimuns" wieder. "Sulm", vereinfacht übersetzt mit "Frevel", "Sünde", bedeutet so viel wie Schaden, Unrecht, Ungerechtigkeit, Übertretung, soweit es einen selbst betrifft. Bezogen auf andere ist es Unrecht in Form von Tyrannei und Unterdrückung. Der Gedanke des Unrechts, des Falschen ist ganz natürlich verknüpft mit Finsternis, Dunkel einer weiteren Schattierung in der Bedeutung dieses Wortes.

Mauduudi fasst die Bedeutung des Wortes “Sulm“ in “Verletzung eines Rechts oder einer Pflicht“ zusammen. Nach seiner Meinung verletzt der, der gegen Allah ungehorsam ist, drei Grundrechte: "Erstens die Rechte Allahs, Dem absoluter Gehorsam zukommt. Zweitens die Rechte der Dinge und Geschöpfe, deren sich der Mensch in seinem Ungehorsam und entgegen Allahs Willen bedient; beispielsweise seiner eigenen Gliedmaßen und Fähigkeiten, der Mitmenschen oder Engel, die ihm bei der Durchsetzung seines Willens behilflich sind, oder aller Dinge, die er bei seinem üblen Tun benutzt. Denn sie alle haben ein Recht darauf, nur in Übereinstimmung mit den Geboten ihres wirklichen Herrn verwendet zu werden. Es ist also eine Unge­rechtigkeit, wenn er die Macht, die er über sie hat, missbraucht. Und drittens verletzt er seine eigenen Rechte, denn sein eigenes Ich hat Anspruch darauf, dass er sein Bestes tut, um es vor dem Verderben zu bewahren. Bringt er jedoch durch seinen Ungehorsam Allahs Zorn über sich, so begeht er sich selbst gegenüber ein Unrecht. Deshalb steht an vielen Stellen im Qur’an das Wort "Sulm" für "Sünde"."

Siddiqi fasst die große Bedeutung dieses Aja wie folgt zusammen: "Hier wird uns vor Augen gehalten, welche große Aufgabe Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, von Allah übertragen wurde, wie sehr er der Gebote Allahs zu seiner Rechtleitung bedurfte und wie es ihm erging, solange er diese Gebote befolgte und als er sie schließlich verwarf. Zunächst durfte Adem im Paradies leben, um seinen ursprünglichen Aufenthaltsort kennen zu lernen, der ihm bei einem Allah gefälligen Leben zugedacht war. Es wurde ihm geboten, sich nicht einem bestimmten Baum zu näheren, um ihm zu verstehen zu geben, dass sein Wohlergehen in der Be­folgung des Willen Allahs liege und worin seine Überlegenheit den Engeln gegenüber zu sehen sei. Obwohl ihm freie Willensentscheidung gegeben war, wurde von ihm erwartet, dass er sich in aller Demut den Geboten seines Schöpfers fügen würde. Im Falle seiner Auflehnung dagegen würde er zu den Übeltätern gehören, die. die Grenzen überschreiten."

 

36. Doch Scheytaan41 ließ sie von dort straucheln42 und brachte sie aus dem (Zustand der Glückseligkeit) heraus, in dem sie (bis dahin) waren. Da sagten Wir: "Geht43 (vom Paradiesgarten) hinunter! Der eine ist des anderen Feind44. Und ihr sollt auf Erden Wohnstatt und Versorgung auf eine Weile haben45."

41. "Ibliis" in 2:34 ist offensichtlich die Kraft des Bösen mit dem Grundgedanken der Verzweiflung, Enttäuschung und Auflehnung. Schaytaan in diesem Aja ist die Kraft des Bösen mit dem Grundgedanken der Verdorbenheit oder Feindseligkeit.

Man beachte, wie sinngemäß die Begriffe bei jeder Gelegenheit verwendet werden.

42. Das Wort "straucheln" soll besagen, dass der Mensch vom Bösen allmählich aus einem höheren in ein niedrigeres Stadium hinabgelockt wurde.

43. Allahs Befehl ergeht aufgrund dessen, was der Mensch getan hat. Man beachte im Arabischen den Übergang vom Singular in 2:33 über den Dual in 2:35 (Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und seine Gefährtin) zum Plural hier. Entweder bezieht sich der Plural auf die gesamte Menschheit, für die Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, hier stellvertretend steht, oder auf Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, seine Frau und Schaytaan.

Siddiqi schreibt in diesem Zusammenhang: "Im Qur’an wird die Frau nicht wie im Alten Testament für den Fehltritt Adems verantwortlich gemacht. Vielmehr verführte Schaytaan beide gleichzeitig dazu, von den Früchten des verbotenen Baums zu essen."

44. "Einer ist des anderen Feind" besagt nicht, dass einige Menschen Feinde der anderen sein sollen, denn diese Feindschaft ent­spricht nicht dem Wesen des Menschen. Die menschliche Persönlichkeit entfaltet sich durch gemeinsames Wirken, gegen­seitige Liebe und Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn der Mensch einem anderen gegenüber Hass an den Tag legt, so tut er das entgegen seinen natürlichen Charaktereigenschaften. Ewige Feindschaft jedoch herrscht zwischen Mensch und Satan. (Siddiqi)

45. Said Qutb macht sich hierzu folgende grundlegenden Gedanken: Obwohl Adem as von Anfang an für die Statthalterschaft Allahs auf Erden bestimmt war, musste er das Paradies auf diese Art verlassen. Sein Fehltritt sollte dem Menschen die in ihm schlummernden, nicht nur guten Kräfte bewusst machen. Die Möglichkeit, der Verführung zu unterliegen, die Folgen einer Tat tragen zu müssen, Reue auszukosten und den Feind zu erkennen sind alles Erfahrungen, die für seine Statthalterschaft auf Erden unerlässlich waren.

Die Ajas 30 bis 36 bilden die Grundlage des islamischen Konzepts vom Menschen und seinem Verhältnis zur Umwelt. Demnach ist erstens der Mensch der Herr der Erde. Seinetwegen ist alles auf ihr erschaffen worden. Er selbst ist also das wertvollste und wichtigste Geschöpf. Zweitens ist es der Mensch, der auf Erden die führende Rolle spielt: er ist es, der die Umwelt verändert und sie zur Entfaltung bringt; er ist es, der neue Quellen erschließt und damit dem Fortschritt vielfältige Wege eröffnet. Der Mensch selbst ist also die aktive, dynamische Kraft.

Daraus ergibt sich der krasse Widerspruch zur materialistischen Weltanschauung, die behauptet, der Mensch werde durch seine Umwelt und die vorhandenen “Produktionsmittel“ geprägt, wodurch er herabgewürdigt und ihm eine passive Rolle zugedacht wird.

Die grundverschiedene Einstellung zum Menschen und die Bewertung seiner Rolle in der Welt sind zweifelsohne die Ursache der verschiedenartigen Gesellschaftsformen, die beide Weltanschauungen für den Menschen schaffen wollen. In der islamischen Gesellschaft wird der Mensch mit all seinen Fähigkeiten als von Allah kommend hoch geschätzt. Er als tragende Kraft ist sich seiner ungeheuren Verantwortung der Umwelt gegenüber voll bewusst, schätzt die ihm anvertrauten Mittel und Güter und verwendet sie sinnvoll und fördert vor allem die geistigen Werte, die moralischen Verpflichtungen, der Religion und die Rechtschaffenheit im Leben und hält sie aufrecht. Die Worte "diejenigen, die Meiner Rechtleitung folgen, brauchen keine Angst zu haben noch sollen sie traurig sein" stellen diese Werte haushoch über alle materiellen Güter, ohne dass diese verteufelt oder gering geschätzt werden.

In der materialistischen Gesellschaft dagegen, gleich ob in Ost oder West, wird der Mensch, wenn überhaupt, nur wegen seiner in bare Münze umsetzbaren Fähigkeiten geschätzt. Er wird lediglich als Produkt seiner Umwelt und der “Produktionsmittel“ betrachtet, dessen wichtigste Aufgabe es ist, um jeden Preis mehr an materiellen Gütern zu schaffen, auch wenn dadurch künstliche Bedürfnisse erweckt werden müssen und Raubbau mit der Natur getrieben wird (siehe Peitsche der "Planerfüllung" im früheren Osten und "Umsatzsteigerung" im Westen). Die geistigen Werte, seien es nun moralische Verpflichtungen, Religion oder Rechtschaffenheit, werden in der materialistischen Gesellschaft nicht nur nicht gefördert, sondern mit Füßen getreten und sogar die Menschen, die sie aufrechterhalten möchten, liquidiert oder zumindest lächerlich gemacht.

 

37. Da empfing Adem von seinem Herrn Worte46 und Er nahm seine Reue an47 , denn wahrlich, Er ist der Verzeihende, der Barmherzige.

46. Es mögen "Worte der Erleuchtung" oder "Worte der Reue" sein, wie wir sie in Suura 7, Aja 23 finden, wo Adem Allah für seinen Fehltritt um Verzeihung bittet: "Unser Herr, wir haben wider uns gesündigt; und wenn Du uns nicht verzeihst und Dich unser erbarmst, dann werden wir gewiss unter den Verlierern sein." (Siddiqi)

47. Hier tritt der große Unterschied zwischen Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, und Schaytaan zutage. Schaytaan weigerte sich aus Stolz und Hochmut, Allah zu gehorchen. Er fühlte keine Reue, sondern beschloss im Gegenteil, möglichst viele Menschen irrezuführen. Adem, Allahs Segen und Frieden auf ihm, dagegen schämte sich unendlich dafür, dass er sich hatte verleiten lassen und flehte zu Allah um Verzeihung. Die stets bereite Vergebung Allahs gibt dem Menschen Gelegenheit, sich trotz seiner Fehler und Verirrungen zu bessern. Der Islaam nimmt ihm niemals die Hoffnung. Wer sich in aufrichtigem Bedauern Allah zuwendet, dem wird Allah vergeben. (Siddiqi)

 

38. Wir sagten: "Geht hinunter von hier (vom Paradies) allesamt! Und wenn (dann) zu euch Rechtleitung48 von Mir49 kommt, brauchen diejenigen, die Meiner Rechtleitung folgen, keine Angst zu haben noch sollen sie traurig sein.

48. Trotz des menschlichen Fehltritts, ja als Folge dessen, wird uns die Zusage der Rechtleitung Allahs gegeben. Wenn der Mensch dieser Weisung folgt, dann gibt es für ihn keine Furcht vor der Gegenwart oder Zukunft, noch braucht er sich wegen des Vergangenen Sorge zu machen. Der Begriff der Erbsünde ist dem Islaam völlig fremd, ebenso wie der Gedanke, dass diese "Erbsünde" durch eine "Kreuzigung" gesühnt werden musste, da Fehltritte und auch Reue rein individueller Natur sind und nichts durch andere Menschen gesühnt werden kann. (Siddiqi und Qutb)

49. Der Übergang vom Plural "Wir" zu Beginn des Ajas zum Singular "Mir" ist von großer Bedeutung. Damit wird die enge und ganz persönliche Verbindung zwischen der Gnade Allahs, Barmherzigkeit und Güte und den Mu`min betont und gleichzeitig dem Menschen bewusst gemacht, dass Allah allein der Ursprung aller Rechtleitung ist. (Siddiqi)

 

39. Die aber die kaafir sind und Unsere Zeichen als Lüge verwerfen, diese sollen Bewohner des Feuers sein, in ihm sollen sie ewig bleiben50 ."

50. Wenn jedoch der Mensch trotz der ständig sich ihm wieder zuwendenden Barmherzigkeit Allahs die echte Erkenntnis zurückweist und fortfährt, gegen diese bessere Erkenntnis zu handeln, dann muss eine strenge Strafe die unausbleibliche Folge sein. Hier handelt es sich nicht um ein Spiel des Zufalls. Wenn der Mensch absichtlich und eindeutig das Gute und Richtige ablehnt, müssen sich daraus bleibende Folgen ergeben.

 

Abschnitt 5

40. O ihr Kinder Israa'iils! Gedenket Meiner Wohltaten51, die Ich euch gewährt habe und erfüllt euer Bündnis52 mit Mir, so will auch Ich Mein Bündnis mit euch erfüllen. Und vor Mir allein sollt ihr Furcht empfinden.53

51. Wörtlich: Wohltat, Gnade.

52. Dieser Aufruf ergeht unmittelbar an Israel, und zwar in Worten, die sich auch in dessen eigener Überlieferung finden: Die Juden erheben den Anspruch, ein auserwähltes Volk zu sein. Dabei haben sie die Wohltaten Allahs vergessen. Wenn sie behaupten, ein besonderes Bündnis mit Allah geschlossen zu haben, so hat Er Seinen Teil dieses Bündnisses erfüllt, indem Er sie aus dem Land der Knechtschaft herausführte und ihnen Kanaan, das Land, wo "Milch und Honig fließt", gab. Wie jedoch haben sie ihren Teil des Bündnisses erfüllt?

Darjabaadi zeigt in seinem Kommentar zu diesem Abschnitt den geschichtlichen Hintergrund auf, der für ein besseres Verständnis sehr nützlich ist: "Kinder Israa'iils" ist die Bezeichnung für das Volk der Juden. Israel war der Name, den ihr Vorfahre Jaquub trug. Er war der Vater der "zwölf Stämme", ein Sohn Ishaaqs und ein Enkel Ibraahiims (Friede sei mit ihnen allen). Dieses Volk von Priestern, Patriarchen und Propheten, vielleicht die bemerkenswertesten Menschen in der Geschichte des Altertums, gesegnet von ihrem Henn und Schöpfer, stets von besonderer Größe, was Religion und Imaan betraf, mächtig und ruhmreich über lange Zeitabschnitte hinweg in der Weltgeschichte, war nach der Eroberung Quds durch die Römer unter Titus zu Tausenden nach Arabien ausgewandert. Sie hatten sich in und um Medina niedergelassen und zwar schon lange vor dem Erscheinen des Propheten Muchammad (Friede sei mit ihm). Der gesamte Nordosten Arabiens war von ihren Kolonien übersät und viele arabische Kaafirs hatten sich im Lauf der Zeit ihrer Lebensweise angepasst und waren zu ihren Diin übergetreten. Als stolze Besitzer der Schrift und des Göttlichen Gesetzes und mehr noch als Adepten ("Eingeweihte"