Von der Heirat bis zur Prophetenberufung und die Beschreibung Muchammads
Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, heiratete Hadidscha, nachdem
er ihr eine Mitgift von zwanzig jungen Kamelen gegeben hatte. Er zog in
ihr Haus, auf dass er und sie eine neue Seite im Buch ihres Lebens
aufschlagen würden. Eine Seite der Ehe und Vaterschaft, um mit ihr die
Liebe eines fünfundzwanzigjährigen jungen Mannes auszutauschen, und um von
ihr Söhne und Töchter zu erhalten. Diese Liebe kannte nicht das Ungestüme
und Unbeständige der Jugend. Es war keine leichtfertige Liebe, die
beginnt, als sei sie ein flammendes Feuer, deren Kraft dann aber schnell
erlischt. Seine beiden Söhne Al-Kasim und Abdullah At-Tahir At-Taijib
starben, was in ihm heftige Trauer und brennenden Schmerz zurückließ. Es
blieben ihm seine Töchter, zu denen er gütig und mitfühlend war und die
ihn ehrten und aufrichtig liebten.
Abriss und Wiederaufbau der
Kaaba
Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, zog sich also vom Umgang
mit den Makkanern und von der Teilnahme am öffentlichen Leben nicht zurück.
Sie wurden damals durch etwas beschäftigt, das die Kaaba betraf: Eine
gewaltige Flut, die von den Bergen herabkam, hatte sie überschwemmt und
ihre schwach gewordenen Mauern zerbrochen. Die Kuraisch hatten schon
zuvor über die Angelegenheit der Kaaba nachgedacht: Sie war nicht überdacht und
deshalb ein Objekt für Diebe, die raubten, was sie an Kostbarkeiten
enthielt. Die Kuraisch fürchteten jedoch, dass sie im Falle, dass sie ihr
Mauerwerk festigten und sie mit einer Tür und einem Dach versähen, seitens
des Herrn der heiligen Kaaba Unheil und Schaden treffen würde. Sie war zu
verschiedenen Zeiten des vorislamischen Kufrs von Mythen umgeben worden,
die die Menschen sich davor fürchten ließ, irgendetwas an ihr zu ändern;
denn dies wäre als verbotene Neuerung betrachtet worden. Als die Flut die
Kaaba überschwemmte, blieb jedoch keine andere Wahl, als den Mut
aufzubringen, wenn auch Furcht und Widerstreben blieben.
Es fügte sich, dass das Meer damals ein Schiff, das aus Ägypten gekommen
war und einem römischen Händler namens Pachomius gehörte, ans Land
geworfen und zerschmettert hatte. Dieser Pachomius war Baumeister mit
einigen Kenntnissen im Schreinerhandwerk. Als die Kuraisch von ihm hörten,
zog Walid Ibn Al-Murira mit einer Gruppe von ihnen nach Dschidda, kaufte
dem Römer das Schiff ab und bat ihn, mit ihnen nach Makka zu kommen, um
ihnen beim Bau der Kaaba behilflich zu sein. Pachomius willigte ein. In
Makka gab es einen Kopten, der sich auf die Zimmerei verstand, und er war
einverstanden, dass er für sie arbeiten und Pachomius helfen sollte.
Sodann verteilten die Kuraisch die vier Seiten des Hauses unter sich so
auf, dass jeder Stamm eine Seite einreißen und wieder aufbauen sollte. Sie
zauderten jedoch vor dem Abriss aus Furcht, ein Unglück könne sie treffen.
Walid ibn Al-Murira begann ängstlich, betete zu seinen Göttern und riss
einen Teil der jemenitischen Wand ein. Des Abends warteten die Leute, was
Allah mit Al-Walid tun werde. Als ihm am nächsten Morgen nichts passiert
war, begannen sie, die Mauern einzureißen und Steine herbeizuschaffen.
Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, holte mit ihnen Steine herbei,
bis der Einriss bei grünen Steinen ein Ende fand; sie schlugen auf sie mit
Spitzhacken ein und ließen dann von ihnen ab. Sie nahmen sie als Fundament
für das Gebäude darüber, und die Kuraisch begannen mit dem Bau. Als er bis
auf Mannshöhe errichtet war und es an der Zeit war, den heiligen schwarzen
Stein auf seinen Platz an der Ostseite zu legen, stritten die Kuraisch,
wem von ihnen die Ehre gebühren sollte, den Stein dort zu platzieren. Der
Streit wurde so hitzig, dass seinetwegen beinahe ein Bürgerkrieg
ausgebrochen wäre. Die Banu Abdud Dar und die Banu Adij verbündeten sich
und schworen, jedem anderen Stamm diese große Ehre zu verwehren. Sie
schworen darauf die allerhöchsten Eide, bis dass die Banu Abdud Dar sogar
eine mit Blut gefüllte Schale brachten und zur Bekräftigung ihres Eides
ihre Hände darin eintauchten. Sie wurden deshalb "die Blutlecker" genannt.
Muchammads Urteilsspruch im Streit um den schwarzen Stein
Als Abu Umaija ibn Al-Murira Al-Machsumi, der älteste seines Volkes,
erkannte, worauf die Leute zusteuerten, sagte er, der er Ansehen und
Einfluss unter ihnen genoss, zu ihnen: "Macht den ersten, der durch das
Tor von As-Safa hereinkommt, zum Schiedsrichter über das, worüber ihr
uneinig seid." Als sie sahen, dass Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf
ihm, der erste war, der hereinkam, sagten sie: "Das ist Al-Amin, wir sind
mit seinem Urteilsspruch einverstanden." Sie erzählten ihm ihre
Geschichte, und er hörte ihnen zu und sah die Feindschaft, die in ihren
Augen stand. Er dachte ein wenig nach und sagte dann: "Bringt mir ein
Gewand." Er nahm es und breitete es aus. Dann nahm er den Stein, legte ihn
darauf und sagte: "Der älteste eines jeden Stammes soll jeweils eines der
Enden dieses Gewandes nehmen." So brachten sie den Stein gemeinsam an die
Stelle des Gebäudes, an die er gehörte. Muchammad, Allahs Segen und Frieden
auf ihm, nahm ihn darauf vom Gewand herunter und legte ihn an seinen
Platz. Dadurch wurden der Streit beigelegt und Unheil vermieden.
Die Kuraisch vollendeten den Bau der Kaaba, bis sie achtzehn Ellen hoch
war. Sie brachten ihre Türe erhöht über den Boden an, damit es von ihrem
Willen abhinge, wer eintrete und wer nicht. Im Inneren der Kaaba
errichteten sie sechs Pfeiler in zwei Reihen zur Stabilisierung der Decke
und bauten an der Nordseite eine Treppe, die zum Dach führte. Im Inneren
der Kaaba wurden Hubal aufgestellt und die Kostbarkeiten aufbewahrt, die
vor der Erbauung der Kaaba und ihrer ‹berdachung der Gier der Diebe
ausgeliefert waren.
Es besteht Uneinigkeit über das Alter Muchammads, Allahs Segen und Frieden
auf ihm, zur Zeit der Errichtung der Kaaba und seines Urteilsspruchs im
Streit zwischen den Kuraisch über den Stein. Es heißt, er war
fünfundzwanzig. ibn Ishaaq sagt: Er war 35. Gleich, ob der
erste oder letztere von diesen beiden Berichten zutrifft, das sofortige
Einverständnis der Kuraisch mit seinem Urteilsspruch, als er als erster
durch das Tor hereinkam, und sein Vorgehen, dass er den Stein nahm und auf
das Gewand legte, um ihn an seinen Platz in der Wand der Kaaba zu legen,
zeigt, dass er eine hohe Stellung im Ansehen der Bewohner Makkas hatte und
große Wertschätzung genoss. Sie kannten die Erhabenheit seiner Seele und
die Lauterkeit seiner Absicht.
Zerfall der Macht in
Makka und die Folgen
Dieser Streit zwischen den Stämmen, dieses Bündnis zwischen den
"Blutleckern" und diese Wahl dessen zum Richter, der als erster das Tor
von As-Safa durchschreitet, das alles weist auf einen Zerfall der Macht in
Makka hin. Niemandem von ihnen war geblieben, was Kusaij oder Al-Haschim
oder Abdul Muttalib an Macht besessen hatten. Der Machtkampf zwischen den
Bann Haschim und den Banu Umaija nach dem Tod Abdul Muttalibs hatte darauf
ohne Zweifel seine Auswirkung.
Der Zerfall der Macht hätte Makka sicher geschadet, wäre da nicht die
Heiligkeit des alten Hauses in den Herzen aller Araber verwurzelt gewesen.
Eine natürliche Folge war die Zunahme an Freiheit der Menschen,
nachzudenken und ihre Ansicht zu äußern. Auch wuchs der Mut der Juden und
Christen, die bisher den jeweiligen Machthaber gefürchtet hatten, den
Arabern die Götzenanbetung vorzuwerfen. Dies führte bei vielen der
Bewohner Makkas und selbst bei den Kuraisch dazu, dass die Verehrung der Götzen schwand, wenngleich die Adligen und Angesehenen
Makkas vorgaben,
sie weiter heilig zu halten und anzubeten. Sie fanden ihre Rechtfertigung
bei denen, für die die bestehende Religion ein Mittel zur
Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Vermeidung eines Gedankenwirrwarrs
war. In der Götzenanbetung bei der Kaaba sahen sie etwas, das Makka seine religiöse und im Handel begründete Stellung erhalten würde.
Makka erfreute sich durch diese Position weiterhin des Wohlstands und
guter Handelsbeziehungen; dies änderte jedoch nichts am allmählichen Schwinden
der Götzenanbetung bei den Makkanern.
Beginn des Zerfalls der Götzenanbetung
Es wird berichtet, die Kuraisch hätten sich eines Tages in Nachla
versammelt, um die Anbetung der Göttin Al-Ussa zu feiern. Vier von ihnen
blieben insgeheim fort: Said ibn Amr, ''Usman ibn Al-Huwairis, Abdullah ibn
Dschachsch und Waraka ibn Naufal. Sie sprachen zueinander: "Bei Allah,
wisset: das Volk versteht nichts; sie sind vielmehr gewiss vom rechten Weg
abgewichen. Wir aber werden keinen Stein umkreisen, der weder hört noch
sieht, weder schadet noch nützt, und von dem das Blut der Opfer
herabfließt! O Leute, sucht euch eine anderen Glauben als die, der ihr
jetzt angehört!"
Waraka trat dem Christentum bei, und es wird gesagt, er habe einen Teil
des Evangeliums ins Arabische übertragen.
Ubaidullah ibn Dschachsch verharrte in seinen Zweifeln, bis er den Islam
annahm und mit den Muslimen nach Abessinien auswanderte. Dort trat er
zum Christentum über und starb als Christ. Seine Frau Umm-Habiba bint Abu
Sufjan blieb beim Islam und wurde später eine der Frauen des Propheten und
Mütter der Mu'mins. (Titel, der jeder Frau des Propheten Muchammad, Allahs
Segen und Frieden auf ihm, gegeben wurde)
Said ibn Amr floh vor seiner Frau und seinem Onkel Al-Hattab und zog in
Asch-Scham und im Irak umher. Er kehrte dann zurück, trat aber weder dem
Judentum noch dem Christentum bei; er trennte sich jedoch von der Religion
seines Volkes und hielt sich von den Götzen fern. Er pflegte, an die Kaaba
gelehnt, zu sagen: "O Allah, wenn ich wüsste, wie DU am liebsten verehrt
werden willst, würde ich Dich auf diese Weise verehren, aber ich weiß es
nicht."
'Usman ibn Al-Huwairis, der ein naher Verwandter von Hadidscha war, ging
nach Byzanz, wurde Christ und bekleidete eine hohe Stellung beim römischen
Kaiser. Es heißt, er wollte Makka der Oberherrschaft Roms unterwerfen und
dort Statthalter des Kaisers sein. Die Makkaner verjagten ihn. Daraufhin
suchte er Zuflucht bei den Rasasina in Asch-Scham und wollte von dort dem
Handel Makkas den Weg abschneiden. Doch die Rasasina erhielten Geschenke
von den Makkanern, und ibn Al-Huwairis starb bei ihnen durch Vergiftung.
Muchammads
Söhne
Die Jahre verstrichen; Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, nahm
mit den Bewohnern Makkas am öffentlichen Leben teil und fand in Hadidscha
tatsächlich die beste aller Frauen, die ihn liebte und ihm Kinder
schenkte. Sie gab sich ihm hin und gebar ihm die Söhne Al-Kasim und
Abdullah - der die Beinamen At-Tahir und At-Taijib trug - und die Töchter
Sainab, Rukaija, Umm-Kulsum und Fatima. Von Al-Kasim und Abdullah ist nur
bekannt, dass sie als Kinder zur Zeit des vorislamischen Heidentums
starben und keine bleibende bzw. erwähnenswerte Spur im Leben
hinterließen. Dagegen hinterließ ihr Tod in den Seelen ihrer Eltern
zweifellos eine tiefe Wirkung und in der Seele Hadidschas bleibende
Wunden, da ihr Mutterherz betroffen war. Und zweifelsohne wandte sie sich
beim Tod eines jeden von ihnen zur Zeit des vorislamischen Kufrs an ihre
Götzen und fragte sie, was mit ihr sei, dass sie sie nicht mit ihrer
Barmherzigkeit und Güte umfassten. Und was mit ihr sei, dass sie sich
nicht ihres Herzens erbarmten, so dass ihr wieder und wieder ein Kind
geraubt wurde und Trauer ihr Herz zerbrach. Und es besteht ferner gar
kein Zweifel, dass ihr Gatte mit ihr den Schmerz über den Tod seiner beiden
Söhne empfand, so wie in sein Herz der nicht ruhende Schmerz schnitt, der
sich in seiner Frau widerspiegelte und den er jedesmal sah, wenn er nach
Hause zurückkehrte und bei ihr saß. Es ist nicht schwierig für uns, uns
die Tiefe dieser schweren Trauer vorzustellen, in einer Zeit, in der die
Töchter lebendig begraben wurden und das Streben nach männlichen
Nachkommen dem Streben nach dem Leben gleichkam - oder es sogar überwog.
Um diesen Schmerz zum Ausdruck zu bringen, genügt es, dass Muchammad,
Allahs Segen und Frieden auf ihm, den Verlust nicht lange ertragen konnte.
Als Said ibn Harisa zum Verkauf angeboten wurde, bat er deshalb Hadidscha,
ihn zu kaufen, was sie auch tat. Sodann ließ er ihn frei und adoptierte
ihn. Er wurde Said ibn Muchammad genannt, lebte unter dem Schutz
Muchammads,
Allahs Segen und Frieden auf ihm, und gehörte später zu seinen treuesten
Anhängern und Gefährten.
Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, trug noch heftigere Trauer,
als sein Sohn Ibrahiim starb, nachdem der Islam das Lebendigbegraben der
Töchter verboten und das Paradies als unter den Fü?en der Mutter liegend
erklärt hatte. Ohne Zweifel hinterlie?en diese Heimsuchungen in Muchammads,
Allahs Segen und Frieden auf ihm, weiterem Leben und in seinem Denken
Spuren. Und ohne Zweifel wurden Muchammads, Allahs Segen und Frieden auf
ihm, Denken und seine Aufmerksamkeit bei jedem dieser Unglücksfälle davon
in Anspruch genommen, dass Hadidscha sich an die Götzen der Kaaba wandte
und Hubal, Al-Lat, Al-Ussa und Manat - der dritten, anderen Göttin -
opferte. Sie wollte dadurch den Schmerz des Kindestodes loswerden; aber
die Opfer brachten nichts ein.
Muchammads
Töchter
Was seine Töchter betraf, so lag es Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf
ihm, am Herzen, für sie geeignete Ehemänner zu finden: Er verheiratete
Sainab, die älteste von ihnen, mit Abu Al-As ibn Ar-Rabi Abd Schams,
dessen Mutter eine Schwester von Hadidscha war. Er war ein junger Mann,
der von seinem Volk wegen seiner Aufrichtigkeit und seinem erfolgreichen
Handel geschätzt wurde. Diese Heirat war glücklich, trotz der Trennung
nach dem Islam, als Sainab von Makka nach Medina auswandern wollte, wie
wir später im einzelnen sehen werden.
Rukaija und Umm-Kulsum verheiratete er mit Utba und Utaiba, den Söhnen
seines Onkels Abu Lahab. Diese beiden Frauen blieben nach dem Islam nicht
bei ihren Ehegatten, denn Abu Lahab befahl seinen Söhnen, sich von ihnen
zu scheiden. 'Usmaan heiratete danach beide, eine nach der anderen. Fatima
war noch ein Kind und heiratete Ali erst nach dem Islam.
Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, führte in diesen Jahren ein
zufriedenes und friedliches Leben. Wären nicht seine Söhne gestorben, wäre
es ein mit der Liebe und Treue Hadidschas und ein mit glücklicher
Vaterschaft gesegnetes Leben gewesen. Es war für Muchammad, Allahs Segen
und Frieden auf ihm, deshalb nur natürlich, seiner Naturveranlagung des
Nachdenkens und Betrachtens freien Lauf zu lassen und bei seinem Volk
anzuhören, worauf er in ihren Gesprächen über ihre Götzen aufmerksam
gemacht wurde und was die Christen und Juden ihnen darauf erwiderten. Von
seinem ganzen Volk war er derjenige, der am meisten nachsann und
nachdachte. Dieser starke, ihm eingegebene Geist, durch den die Vorsehung
Allahs ihn vorbereitet hatte, den Menschen später die Botschaft seines
Herrn zu übermitteln und das geistige Loben der Welt auf die Wahrheit
auszurichten, konnte sich nicht mit dem Irrtum zufriedengeben, in dem die
Menschen völlig versanken. Er musste unbedingt im Kosmos nach Rechtleitung
suchen, auf dass Allah ihn auf diese Weise darauf vorbereite, ihm Seine im
Verborgenen vorbestimmte Botschaft anzuvertrauen. Trotz seiner gewaltigen
Veranlagung für diesen geistigen Bereich und seiner festen Beziehung zu
ihm wollte er weder zu den Priestern gehören noch zu einem Weisen werden,
wie Waraka ibn Naufal und seinesgleichen es waren. Er strebte vielmehr für
sich nach der Wahrheit und dachte deswegen viel nach, stellte lange
Betrachtungen an und teilte anderen wenig mit über das, was sich aufgrund
dieses Nachdenkens und Betrachtern in seiner Seele regte.
Das Suchen religiöser Läuterung
Es war damals ein Brauch der Araber, dass die Nachdenklichen unter ihnen
jedes Jahr eine Zeit der Kontemplation wählten, die sie weitab von den
Menschen in der Zurückgezogenheit verbrachten und in der sie sich durch
Enthaltsamkeit und Gebet ihren Göttern näherten und sich ihnen mit ihren
Herzen zuwandten, um bei ihnen nach dem Guten und der Weisheit zu suchen.
Sie nannten diese Trennung um der Gottesverehrung willen "das Suchen nach
der wahren Religion" bzw. "das Suchen religiöser Läuterung".
Muchammad,
Allahs Segen und Frieden auf ihm, fand darin die beste Möglichkeit
ungestörter Betrachtung und Meditation. Außerdem fand er in der
Zurückgezogenheit Seelenruhe und die Befriedigung seiner Leidenschaft,
indem er den Zugang zu dem suchte, wonach seine Sehnsucht ständig
verlangte: die Erforschung des Bestehenden und Ergründung des Seins.
In der Höhle Hira
Auf dem Gipfel des Berges Hira, zwei Meilen nördlich von Makka, befand
sich eine Höhle, die für die Zeit der Trennung und Läuterung am besten
geeignet war. Dorthin ging er jedes Jahr den ganzen Monat Ramadan lang und
begnügte sich dort mit der kargen Verpflegung, die ihm gebracht wurde. Er
gab sich der Betrachtung und Meditation hin, weitab vom lärmenden Treiben
der Menschen und vom lautstarken Leben, auf der Suche nach der Wahrheit,
der Wahrheit allein. Er vertiefte sich bei dieser Suche so sehr in die
Betrachtung, dass er sich selbst, sein Essen und sogar die ganze Welt
vergass; denn das, was er im Leben der Menschen um ihn herum sah, war nicht
wahr. Dort überdachte er alles, was er in seinem Gedächtnis bewahrt hatte,
und die sonderbaren und falschen Vorstellungen der Menschen vermehrten in
ihm das Verlangen, die Wahrheit zu erfahren.
Suche nach der Wahrheit
Er hoffte, die Wahrheit, nach der er suchte, nicht in den Geschichten
der Erzähler und den Büchern der Mönche zu finden, sondern in diesem Sein, das
ihn umgab: im Himmel und in seinen Sternen, seinem Mond und seiner Sonne;
in der Wüste während der Stunden ihres sengenden Brandes im Flimmern der
blendenden, strahlenden Sonne und während der Stunden ihrer einzigartigen
Ungetrübtheit, in denen sie der Mondschein bzw. der Sternenglanz mit ihrem
Gewand der taufrischen Kühle überziehen; und schließlich im Meer mit
seinen Wogen und in allem, was sich darüber hinaus mit dem Sein verbindet
und die Einheit des Seins umfasst. In diesem Sein suchte er die höchste
Wahrheit, und das Streben nach ihr hob seine Seele während der Zeit seiner
Zurückgezogenheit empor, auf dass er zu diesem Sein in Beziehung trete und
die Schleier seines Geheimnisses lüfte.
Er bedurfte keiner langen Betrachtungen, um zu erkennen, dass die Dinge
des Lebens, über die sich sein Volk freute, und das, womit sie sich an
ihre Götter richteten, nicht die Wahrheit beinhalteten. Was waren die
Götzen, die weder schadeten noch nutzten, weder etwas erschufen noch für
jemanden sorgten und von niemandem ein Unheil abwendeten, wenn es ihn
traf! Hubal, Al-Lat und Al-Ussa und all diese Götzen und Standbilder im
Inneren der Kaaba oder um sie herum hatten noch nie auch nur eine Fliege
erschaffen oder Makka Gutes gebracht! Im Gegenteil! Wo also ist die
Wahrheit zu finden? Wo liegt die Wahrheit in diesem grenzenlosen Universum
mit seiner Erde, seinen Himmeln und seinen Sternen? Liegt sie in diesen glänzenden
Sternen, die den Menschen Licht und Wärme senden und von denen
der Regen herabkommt? Ermöglichen sie den Menschen und allen Geschöpfen
auf der Erde durch Wasser, Licht und Wärme das Leben? Nein! Was sind diese
Sterne au?er Gestirne, der Erde gleich! Liegt die Wahrheit in dem, was
hinter diesen Sternen im unbegrenzten, endlosen Universum liegt? Aber was
ist das Universum? Und dieses Leben, das wir heute leben und das morgen
endet: woher kommt es, was ist sein Ursprung? Ist es bloßer Zufall, dass
es die Erde und uns darauf gibt? Aber die Erde und das Leben kennen feste
Regeln, für die es keine Veränderungen gibt und deren Grundlagen nicht
zufällig sein können. Und was die Menschen an Gutem oder Schlechtem tun,
tun sie es aus eigenem Antrieb und freiwillig? Oder ist es ein Teil
ihrer Veranlagung, über den sie keine Macht und keine freie Entschlusskraft
besitzen?
‹ber diese seelischen und geistigen Dinge dachte Muchammad, Allahs Segen
und Frieden auf ihm, während seiner Zurückgezogenheit und Anbetung in der
Höhle Hira nach; er wollte darin und im Leben insgesamt die Wahrheit
erkennen. Sein Nachdenken erfüllte seine Seele, sein Herz, sein Innerstes,
kurz sein ganzes Wesen. Es lenkte ihn deshalb von den Problemen des
diesseitigen Leben vollständig ab. Wenn der Monat Ramadan zu Ende war,
kehrte er, gezeichnet von den Spuren des Nachdenkens, zu Hadidscha zurück.
Diese Spuren veranlassten sie, ihn zu ihrer Beruhigung zu fragen, ob er
wohlbehalten und gesund sei.
Folgte Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, während dieser
seiner Läuterung in der Anbetung einem bestimmten religiösen Gesetz? Darüber sind
sich die Islamgelehrten nicht einig. Ibn Kasir überliefert in seiner
Geschichtsschreibung einen Teil ihrer Ansichten bezüglich des religiösen
Gesetzes, nach dem er betete: Einige sagen, das Gesetz Nuchs, andere, das
Gesetz Ibrahiims, Muusa bzw. Jesu, und wieder andere, Allahs Segen und
Frieden auf ihnen allen, alles, was für ihn als ein Gesetz festgestanden
habe, habe er befolgt und ihm entsprechend gehandelt. Vielleicht ist
diese letzte Aussage zutreffender als das Vorgenannte, denn sie steht im
Einklang mit Muchammads, Allahs Segen und Frieden auf ihm, Neigung zum
Betrachten und Meditieren über die Grundlagen eben dieser Betrachtung.
Die wahre Vision
Immer wenn ein Jahr vergangen war und der Monat Ramadan wieder kam, ging
er zur Höhle Hira und widmete sich erneut seinem Meditieren. Es ließ ihn
immer mehr reifen und seine Seele erfüllter werden. Nach einigen Jahren
ergriff diese höchste Wahrheit von seiner Seele Besitz. Er begann, im
Schlaf wahre Visionen zu sehen, in denen vor seinen Augen das Licht der
Wahrheit leuchtete, die er gesucht hatte; und er sah zugleich die Torheit
des Lebens und die Nichtigkeit seines Schmucks. Dann war er sicher, dass
sein Volk vom Weg der Rechtleitung abgeirrt und dessen geistiges Leben
durch die Unterwerfung unter die Wahnvorstellungen von Götzen verdorben
und die damit verbundenen Glaubensvorstellungen nichts als ein Irrtum
waren. Und dass nichts von dem, was die Juden oder Christen vorbrachten,
sein Volk von diesem Irrtum befreien konnte. In dem, was sie sagten, war
Wahres enthalten, aber es gab darin ebenso vielfältige Irrungen und Formen
des Kufrs, die nicht mit der reinen, schlichten Wahrheit übereinstimmen
konnten. Der Wahrheit, die all diese fruchtlosen, einander
widersprechenden Vorstellungen nicht kannte, denen sich die
Schriftbesitzer hingaben. Diese Wahrheit ist Allah, der Schöpfer des
Seins, au?er Dem es keinen Gott gibt. Diese Wahrheit ist, dass Allah der
Herr der gesamten Welt ist, Er ist der Allerbarmer, der Barmherzige. Diese
Wahrheit ist, dass den Menschen gemä? ihren Werken vergolten wird:
"Wer also eines Stäubchens Gewicht an Gutem tut, wird es sehen, und wer
eines Stäubchens Gewicht an Schlechtem tut, wird es sehen."
(99:7-8)
Und das Paradies ist wahr, und für jene, die neben Allah einem anderen
Gott dienen, ist die Hölle: welch üble Bleibe und welch übler Aufenthalt!
Als Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, die 40 erreicht hatte und
zur Höhle Hira ging, um sich zu läutern, war er bereits vom Iman an das
erfüllt, was er in seinen wahren Visionen gesehen hatte. Er hatte sich
bereits völlig aller Falschheit entledigt. Sein Herr hatte ihn mit dem
vorzüglichsten Charakter ausgestattet, und er hatte sich in seinem Herzen
bereits dem geraden Weg und der ewigen Wahrheit zugewandt; sich in seinem
ganzen Wesen auf Allah ausgerichtet, auf dass er sein Volk rechtleiten
möge, nachdem es den Weg des Irrtums eingeschlagen hatte. Er durchwachte
die Nacht, schärfte seinen Verstand und sein Herz und brachte lange Zeit
mit Fasten zu, wodurch seine Betrachtungen angeregt wurden. Dann stieg er
von der Höhle hinab zu den Wüstenstrassen und kehrte anschließend wieder
in seine Zurückgezogenheit zurück, um von neuem zu prüfen, was ihm durch
den Kopf ging und was ihm in seinen Visionen klar geworden war.
In diesem Zustand befand er sich sechs Monate, bis er sich zu fürchten
begann. Da vertraute er Hadidscha seine Angst an und teilte ihr mit, was
er sah und dass er fürchte, die Dschin trieben ihr Spiel mit ihm. Die
aufrichtige, treue Gattin beruhigte ihn und redete auf ihn ein, dass er
Al-Amin sei und dass die Dschin ihm nicht nahe kommen könnten. Doch es kam
weder ihr noch ihm in den Sinn, dass Allah Seinen Ausgewählten durch diese
geistigen ‹bungen auf den bedeutsamen Tag und die bedeutsame Kunde
vorbereitete: den Tag der ersten Offenbarung; und dass ER ihn damit auf
seine Entsendung und seine Prophetenschaft vorbereitete.
Als er eines Tages in der Höhle schlief, kam ein Engel mit einem Blatt in
der Hand zu ihm und sprach: "Lies!" Er antwortete überrascht: "Ich kann
nicht lesen! " ("Was soll ich lesen?') Es kam ihm vor, als würge ihn der
Engel und ließe ihn wieder los, um dann zu ihm zu sagen: "Lies!"
Muchammad,
Allahs Segen und Frieden auf ihm, erwiderte: "Ich kann nicht lesen!" Da
war ihm, als würge ihn der Engel erneut und ließe ihn los und sagte:
"Lies!" Muchammad fragte aus Furcht, er würde ihn nochmals würgen:
"Was soll ich lesen?" Der Engel sprach: "Lies im Namen deines Herrn, Der
erschuf, den Menschen erschuf aus einem Klumpen Blut. Lies, und dein
Herr ist der überaus Gütige, Der durch die Schreibfeder lehrte, den Menschen
lehrte, was er nicht wusste."
(96:1-5)
Da las er diese Ajachs, und der Engel verließ ihn. Die Ajachs aber waren
bereits in seinem Herzen eingraviert.
Es dauerte nicht lange, da wachte er erschrocken auf und fragte sich: "Was
habe ich gesehen?" Hatte ihn die Besessenheit ergriffen, vor der er sich
fürchtete? Er wandte sich nach rechts und nach links, sah aber nichts. Er
verweilte einen Augenblick, vor Furcht erzitternd, und heftigste Angst überkam ihn; er fürchtete, es befände sich etwas in der Höhle, und floh
völlig verwirrt aus ihr. Was er gesehen hatte, konnte er sich nicht
erklären. Verwirrt stürzte er auf den Bergpfaden davon und fragte sich,
von wem er genötigt worden sei zu lesen. Er hatte damals in seiner Läuterung bereits wahre Visionen gesehen, die seinen Betrachtungen
entsprangen und seine Brust erfüllten. Visionen, die vor ihm aufleuchteten
und ihm zeigten, wo die Wahrheit war, und für ihn die Schleier des Dunkels
lüfteten, das die Kuraisch in ihr Kufr und ihre Götzenanbetung getrieben
hatte. Dieses Licht, das da vor ihm aufleuchtete, und diese Wahrheit, die
ihn auf seinem Weg leitete, das war der Einzige, der Eine.
Die Angst
Wer aber war es, der ihn sowohl an Ihn als auch daran erinnerte, dass Er
es war, Der den Menschen erschuf, und dass Er der Allgütige war, Der den
Menschen durch die Schreibfeder lehrte, was er nicht wusste? Er war auf
halbem Weg zum Berg herab und befand sich in diesem Zustand der Angst,
Furcht und Ungewissheit, als er eine Stimme hörte, die ihn rief. Da
erschrak er und hob seinen Kopf zum Himmel, und da war es der Engel in
menschlicher Gestalt, der rief. Seine Angst nahm zu, und der Schreck ließ
ihn auf der Stelle innehalten. Er versuchte, sein Gesicht abzuwenden, doch
er sah ihn am gesamten Horizont des Himmels. Er ging vor und zurück, aber
das Bild des schönen Engels wich nicht von ihm. Er verharrte so eine
Zeitlang, währenddessen Hadidscha jemanden geschickt hatte, ihn in der
Höhle zu suchen, ihn aber nicht fand. Als das Bild des Engels verschwunden
war, kehrte Muchammad, Allahs Segen und Frieden auf ihm, zurück,
nachsprechend, was ihm geoffenbart worden war; und sein Herz klopfte und
war von Furcht und Schrecken erfüllt.
Hadidschas aufrichtige Unterstützung
Er trat bei Hadischa ein und sagte: "Hülle mich in Decken ein!", was sie
tat. Er zitterte, als habe er Fieber. Als der Schreck von ihm wich, warf
er einen Zuflucht- und hilfesuchenden Blick auf seine Frau und sagte:
"Hadidscha! Was ist mit mir?!" Er erzählte ihr, was er gesehen hatte, und
teilte ihr seine Befürchtungen mit, dass ihn seine Augen getäuscht haben
könnten oder er vielleicht ein Wahrsager sei. Hadidscha war, wie sie es
schon in den Tagen seiner Läuterung und seiner Befürchtung, er sei
besessen, gewesen war, ein Engel der Barmherzigkeit und eine Zuflucht des
Friedens für dieses von Furcht erfüllte Herz. Sie ließ ihm weder Furcht
noch Zweifel, sondern schaute ihn bewundernd an und sagte: "Freue dich,
Vetter, und sei standhaft! Bei Dem, in Dessen Händen die Seele
Hadidschas
ruht, ich hoffe, du bist ein Prophet für dieses Volk. Bei Allah, Allah
wird dich nie entwürdigen, denn du pflegst die Verwandtschaftsbeziehungen,
sprichst die Wahrheit, stützt den Schwachen, bewirtest den Gast und
verhilfst der Wahrheit zum Durchbruch.
Muchammads, Allahs Segen und Frieden auf ihm, Angst legte sich, und er warf
Hadidscha einen Blick des Dankes und der Liebe zu. Dann verlangte sein
ermüdeter Körper nach Schlaf, und er schlief sofort ein. Er schlief, um
danach für ein geistiges, bis an die Grenze der Kraft gehendes Leben zu
erwachen: ein Leben, das Blick und Verstand gefangen nehmen sollte, das
jedoch ein Leben sein sollte, das sich aufrichtig für Allah, die Wahrheit
und die Menschheit aufopferte. Er sollte die Botschaft seines Herrn
verkünden und die Menschen zu ihr auf die beste Art aufrufen, so dass
Allah sein Licht vervollständigte, so widerwillig die Kafirs auch wären.